Doch zunächst vollendete Roland Winter die Drechslerlehre. Während dieser lernte er seine zukünftige Frau kennen, Irina Smornowa. Ihre Eltern kamen aus Russland. Sie waren 17 Jahre alt, aber beide wussten, dass sie zusammengehörten, für immer. Sobald sie ausgelernt waren, heirateten sie. Neben der Arbeit bauten sie sich ein Häuschen am Stadtrand. Möglich war es, weil sie fleißig und bescheiden lebten, zunächst zu zweit, später mit ihren beiden Söhnen, die kurz nacheinander zur Welt kamen. Der Gedanke, dass Irina ihre Arbeit aufgab, kam ihnen nie in den Sinn, denn ohne zwei Einkommen konnten sie sich nicht einmal dieses einfache Leben leisten. Sie hatten nie viel, aber sie waren es gewohnt. Im Garten hinter dem Häuschen wuchs Obst und Gemüse. So kamen sie über die Runden.
Die beiden Söhne, Alexander und Igor, bekamen keine Unmengen an Spielzeug oder extravagante Urlaube, aber sie hatten etwas, was viele Kinder nicht erleben durften, selbst wenn die Eltern viel Geld hatten, Rudolf und Irina ließen sie an ihrem Leben teilhaben. Wann immer es den beiden möglich war, waren die Jungen mit dabei. Miteinander bauten sie an, kümmerten sich um die Pflanzen und ernteten. Sie unternahmen lange Spaziergänge in den angrenzenden Wald und an den Fluss, bauten Staudämme und Baumhäuser. Es war eine erfüllte Kindheit. Sie hätten eigentlich zufrieden sein können mit ihrem Leben. Aber sowohl Rudolf als auch Irina waren nicht für Zufriedenheit für sich selbst gemacht. Es gab etwas, was sie beide schwer verkrafteten, und das war Ungerechtigkeit. Oft genug mussten sie erleben, dass Arbeiter*innen von anderen über den Tisch gezogen wurden, weil sie weder über genügend Wissen noch Geld verfügten, um sich dagegen wehren zu können. Zumeist wussten sie noch nicht einmal, dass sie sich hätten wehren können, weil die geballte Macht der Autorität über sie drüberfuhr. Lange dachten sie darüber nach, wie sie daran was ändern könnten. Tatsächlich fanden sie einen Ausweg. Das geschah eher zufällig. Irina hatte irgendwann gesagt, dass man einfach über mehr juristisches Wissen verfügen müsste, um sich erfolgreich wehren zu können. Daraufhin machte Rudolf den Vorschlag, er könne doch Jus studieren und dann den Menschen helfen. Was zunächst eher als Scherz gemeint war, fasste immer mehr Fuß. Zuletzt beschlossen sie, dass Rudolf dies tatsächlich in Angriff nehmen sollte. Das bedeutete, er musste die Studienberechtigungsprüfung ablegen, um dann, neben Arbeit und Familie, das Studium zu absolvieren. Tatsächlich gelang es ihm. „Ohne Irina, ihre unermüdliche Unterstützung, hätte ich das nie geschafft“, meinte Rudolf, „Ich weiß nicht, woher sie die Kraft nahm, aber sie war unerschöpflich. Sicher, es war auch für mich nicht leicht, aber sie stemmte schier Übermenschliches. Wir haben nie darüber gesprochen, aber es war wohl das Ziel, das wir gemeinsam anstrebten, das sie immer wieder aufrichtete, wenn sie meinte, vor Erschöpfung zusammenbrechen zu müssen. Endlich hielt ich mein Diplom in Händen. Von diesem Tag an ließ ich jedem und jeder meine Unterstützung zukommen, die sich diese sonst nicht hätte leisten können. Bald schon erhielt ich einen überaus passenden Spitznamen, Dr. Hakler. Ich arbeitete ganz normal weiter und half bei juristischen Fragen. Es hat schon seinen Grund, warum man bestrebt ist, Arbeiter*innen vom Wissen abzuhalten.“ Das behielt Rudolf bei, bis zu dem Tag, an dem ihn seine geistigen Kräfte im Stich ließen. Es half ihm auch über die schwerste Zeit in seinem Leben hinweg, als seine Frau starb. Und Tatjana war stolz auf diesen Mann, der so vielen Menschen geholfen hatte, die von niemandem sonst Unterstützung erwarten konnten. Aber ebenso auf ihre Mutter, die ihm ihr Leben lang zur Seite gestanden hatte. Und jetzt war die Zeit gekommen, dass Tatjana für ihren Vater da war, diese Zeit, die sie noch miteinander verbringen durften. Jeden Tag sah sie von nun an als ein Geschenk, das so einmalig war, wie die Geschichte hinter einem langen, erfüllten Leben. Eines Tages stand Rudolf nicht mehr auf. Ruhig und friedlich war er in der Nacht entschlafen. Und Tatjana tat das, was sie nun für das Richtige hielt. Sie studierte Jus. Vielleicht würde sie auch eines Tages den Ehrentitel „Dr. Haklerin“ erhalten. Es war ein guter, erfüllender Gedanke.


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