Aras, der große Bruder von Elif und Emma, die ältere Schwester von Felix grummelten wohl ungefähr dasselbe vor sich hin, als sie, jeweils ihr kleines Geschwisterchen im Auge behaltend die Treppe des Gemeindebaus hinunterstiegen. Was sie nicht alles hätten machen können, aber nein, sie waren schon wieder dazu verpflichtet worden, sich um diese kleinen Gören zu kümmern. Alles wäre besser als das. Eigentlich sollte es verboten sein, dass man Jugendliche dazu nötigte, Kinderdienst zu schieben. Das grenzte schon an Kinderarbeit. Und überhaupt, hatte sie jemand gefragt, ob sie noch Geschwister wollten? Natürlich nicht, aber eingespannt wurden sie. Nachdem das Wetter schön war, hatten beide beschlossen, zum Spielplatz im Innenhof zu gehen, denn da waren andere Kinder und das machte die Beaufsichtigung viel weniger anstrengend.
So stießen sie zusammen, Aras und Emma. Sowieso schon übel gelaunt, aufgrund des aufgezwungenen Dienstes, funkelten sich die beiden giftig an. „Du schaust aus wie eine Nutte“, platzte es aus Aras heraus, so wie er es von anderen Türken oft gehört hatte, die über österreichische Mädchen sprachen. Dabei war ihm durchaus bewusst, dass sie bloß Angst hatten vor diesen Mädchen und Frauen, die sich nicht automatisch unterwarfen und eigentlich taten, was sie wollten. Dazu gehörte auch die Kleidung, die in den Augen der sittenstrengen Landsleute aufreizend war. „Dann hast Du wohl noch nie eine Nutte gesehen“, erwiderte Emma schnippisch, die einen kurzen Rock und ein Top trug, „Du hast schon einen Schaden. Wenn ihr nicht so verklemmt wärt, würdet ihr besser auskommen mit Frauen.“ „Ich will gar nicht auskommen mit Frauen, die sich jedem dahergelaufenen an den Hals werfen“, gab Aras zurück.
Angezogen von der Auseinandersetzung waren andere Menschen nähergekommen, die sich jeweils hinter die Streitpartei stellten, deren Ethnie sie angehörten, um sie zu unterstützen. Dazu musste man nicht einmal einer Meinung sein, es genügte, dass man in einer Gruppe war. Bald schon wurden wüste Beschimpfungen wahllos verteilt, sowohl von der einen als auch von der anderen Seite. Schließlich wollte man sich gegenseitig nichts schuldig bleiben und mit Vehemenz den eigenen Standpunkt verteidigen. Es war auch völlig egal, ob es stimmte oder nicht, ob man tatsächlich recht hatte oder nicht, nur gewinnen wollte man, durch Drohgebärden und Lautstärke. Es war letztlich auch egal, worum es ging, nur als Sieger hervorzugehen, das war wichtig, die anderen in die Knie zu zwingen. Kurz bevor die beiden Streitparteien bereit waren, physische Gewalt anzuwenden, entfuhr Emma ein Schrei des Entsetzens: „Felix ist weg, mein kleiner Bruder.“ Stille kehrte ein, bevor Aras feststellte, dass seine kleine Schwester auch nicht mehr da war. Suchend sahen sie sich um.
„Wenn ihr die beiden Kleinen sucht, dann findet ihr sie dort drüben in der Sandkiste“, erklärte eine alte Frau, die von einer Bank in ein paar Meter Entfernung das ganze Geschehen beobachtet hatte. „Und sie machen das, was ihr Holzköpfe nicht könnt, sie verstehen sich prima“, meinte eine zweite alte Frau, die daneben saß. Eine Österreicherin und eine Türkin, die ebenso friedlich auf der Bank saßen, wie die Kleinen in der Sandkiste. Das fröhliche Lachen der Spielenden drang nun deutlich zu ihnen herüber, jetzt, wo sie endlich still waren und es hören konnten. Betreten sahen sie zu Boden. Da hatten sie nichts Besseres zu tun, als sich gegenseitig niederzumachen. Dabei wollten sie doch ein Vorbild sein. Und jetzt war es umgekehrt, die beiden Kleinen zeigten ihnen wie es ging, das Miteinander. Ihnen war es offensichtlich egal, aus welchem Land sie kamen, welcher Religion sie angehörten, sie spielten und lachten miteinander, voller Eifer und Freude.
„Wollen wir zu ihnen hinübergehen?“, fragte Emma Aras endlich, der nur stumm nickte. „Ich muss schließlich ein Auge haben auf meine kleine Schwester“, erklärte Aras. „Und ich auf meinen kleinen Bruder“, meinte Emma. Es gab ihnen einen Grund zusammen hinzugehen. „Ich heiße Aras“, meinte der Junge, der nun doch ein wenig froh war, auf seine Schwester achtgeben zu müssen. „Mein Name ist Emma“, erwiderte sie und lächelte den Jungen mit den dunklen Locken und den tiefschwarzen Augen erstmals ein. „Freut mich“, sagte Aras linkisch, der das Mädchen mit den blonden kurzen Haaren und den blauen Augen durchaus exotisch fand. Und eigentlich war es ihm egal, was sie anhatte. Sie schien nett zu sein. Und dieser Aras war wohl weniger Macho, als er zu sein vorgab, dachte Emma. So gelang es ihnen doch noch, in das Lachen der Kinder miteinzustimmen. Es war ein erster Schritt aufeinander zu.


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