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Life is too short for boring stories

„Weihnachten ist doch nur schön mit Kindern“, hörte ich ein ums andere Mal. Aber noch viel öfter wie viel Stress das doch bedeutet und wie sehr man sich darauf freue, wenn der Trubel endlich wieder vorbei wäre. Und so saß ich zu Hause und dachte, warum tut man sich das Ganze dann an, zumal, wenn keine Kinder mehr im Haus sind, die man mit all dem Weihnachtsklimbim beglücken muss. Wozu Weihnachten feiern? Nun gut, ich wusste natürlich, es ist das Fest der Geburt Christi, des Erlösers, des Immanuel, meinen die Christen. Aber im Mittelpunkt steht der Weihnachtsbaum, die Geschenke und das Essen, das auch eher mit Tod als mit Leben zusammenhängt. Und wenn Gott schon seinen eigenen Sohn auf die Erde schickt, dann wird er doch einen Grund haben. Wahrscheinlich sogar einen verdammt guten. Auch darüber haben wir immer schon viel gelernt und gehört, aber ich beschloss mir die Auskunft von Gott selbst zu holen. Der müsste es schließlich am besten wissen. Und nein, ich übte mich nicht in der Kunst des Gebetes, um derart Verbindung zum Göttlichen zu bekommen, sondern ich würde ihn besuchen.

Gott besuchen ist leicht hingesagt, aber schwergetan, möchte man meinen. Dem ist aber ganz und gar nicht so. Mir war nämlich wieder eingefallen, dass ich das Haus, in dem Gott wohnt bei meinem ersten Aufenthalt in Irland gefunden hatte. Dorthin wollte ich fahren und mit ihm über den Sinn oder Unsinn von Weihnachten reden. Deshalb setzte ich mich in den nächstbesten Zug und fuhr nach Irland, genauerhin nach Glendalough. Am 30. November um acht Uhr abends kam ich an. Ich war schon ziemlich durchnässt, als ich nach wenigen Minuten Fußmarsch vom Bus endlich vor dem Haus mit dem bezeichnenden Namen „God’s Cottage“ stand. Es war der rechte Moment doch ein wenig nervös zu sein. Wer weiß schon wie das ist, wenn man Gott gegenübersteht. Wie sollte man ihn ansprechen. Mit „Grüß Gott“? Oder einfach „Hallo Gott!“? Oder viel weniger salopp mit „Eure Exzellenz“ oder irgendetwas in der Art? Ich erkannte, dass ich während meines Studiums zwar sicher viel gelernt hatte, aber irgendwie nichts über so grundlegende Dinge, wie man z.B. Gott anspricht. Ich beschloss darauf zu vertrauen, dass mir meine Intuition schon das Richtige eingeben würde, zumal ich mittlerweile völlig durchnässt war. So klopfte ich an die Türe.

 

Wenige Augenblicke später wurde die Türe geöffnet. Ich stand einem jungen Mann gegenüber mit schulterlangem dunklem Haar, einem trendig getrimmten Vollbart, in Jeans und T-Shirt, auf dem Love & Peace stand. Ein wenig irritiert war ich, genug, um wohl einfach mit offenem Mund vor ihm zu stehen und ihn anzustarren.

„Hey!“, sagte er salopp und offenbar nicht überrascht, „Ich nehme an, Du wolltest zu meinem alten Herrn.“

„Alter Herr?“, brachte ich gerade mal heraus.

„Ja, Gott Vater ist es üblich Ihn zu nennen“, meinte er bloß, „Aber der ist nur im Sommer da. Ich bin quasi seine Vertretung auf Erden. Ich bin Jesus.“

„Ich weiß“, brachte ich knapp hervor.

„Du kannst aber trotzdem reinkommen“, bot er mir an, „Du bist ja schon völlig aufgeweicht. Geh duschen, zieh was Trockenes an und dann werden wir es uns vor dem Kamin gemütlich machen. Was hältst Du davon?“ Ich kam gar nicht dazu zu antworten, denn ich spürte mich hineingeschoben und in weibliche Hände übergeben, die mich ins Bad brachten.

„Ich bin übrigens Maria, Maria von Magdala“, stellte sie sich vor, bevor sie das Bad verließ und mich mir selbst überließ. Wenige Minuten später saß ich, neben Jesus und Maria vor dem Kamin, mit einer Tasse Tee in der Hand nebst großartigen veganen Scones.

„Fühlst Du Dich besser?“, fragte mich Maria.

„Großartig“, brachte ich zwischen zwei Bissen hervor.

„Und jetzt verrat uns mal, was Du von meinem Vater wolltest?“, fuhr Jesus fort.

„Ich habe über Weihnachten nachgedacht und wollte aus erster Hand wissen, wozu das alles eigentlich noch gut ist, zumal wenn man sich die Entwicklung seit Deiner Geburt ansieht“, erklärte ich mein Anliegen, „In der Gesellschaft, in der Kirche, ich meine die christlichen Kirchen, die Weihnachten feiern, und immer noch einen großen Einfluss auf die Gesellschaft haben, und vor allem, wo ist die Liebe geblieben.“

„Die Theologen haben viele intelligente Antworten auf die Fragen“, meinte Jesus ausweichend.

„Ja, intelligent, aber sie haben nichts mit dem Leben zu tun, und sollte die Liebe dem Leben nicht verpflichtet sein?“, fuhr ich fort.

„Du möchtest über die Liebe sprechen?“, vergewisserte er sich.

„Ja, das will ich“, erklärte ich und vieles andere.

„Morgen“, sagte er nur, bevor er die Gitarre zur Hand nahm, und Imagine von John Lennon anstimmte.

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