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Life is too short for boring stories

„Da kommt Nietzsche mal wieder zum Handkuss“, meinte Christian, „Ob er es wohl zu schätzen gewusst hätte, wenn Du ihn in diesem Zusammenhang zitierst.“

„Wenn er es öffentlich publiziert, dann muss er damit rechnen, dass er zitiert wird“, entgegnete Martinique lapidar. Aber wenn von Gott gesagt wird, dass er die Welt erschaffen hat, so wie es die Christen z.B. tun, die Welt und alle Lebewesen, dann heißt doch das nichts anderes, als dass sie behaupten, Gott hätte alles Leben geschenkt.“

„So wird gesagt“, stimmte Christian zu.

„Aber wenn das wirklich stimmt, kann es dann gleichzeitig sein, dass Gott will, dass seine Schöpfung wieder zerstört wird, und sei es nur ein einziges Lamm?“, fuhr Martinique in ihren Überlegungen fort, „Wäre es nicht viel logischer, dass Gott das Leben will und nicht den Tod? Kommt das nicht gerade zu Ostern mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck? Jesus, das Lamm, das geopfert wurde, damit der Tod und die Sünde überwunden werden, für alle Ewigkeit, so dass es keines Opfers mehr bedarf?“

Die Schafmama hat sich in einen verschwiegenen Winkel zurückgezogen. Sie spürt, dass die Geburt kurz bevorsteht. Dafür möchte sie alleine sein. Sie legt sich hin. Ihre Zwillinge lassen nicht lange auf sich warten. Schleimverschmiert liegen sie neben ihr. Zärtlich beginnt sie, sie trocken zu lecken, während sie mit ihnen spricht, so dass den Babys die Stimme der Mutter von Anfang an vertraut ist. Sie lernen einander kennen, zugewandt und aufmerksam. Die Kleinen antworten mit hohen, hellen Stimmchen. Vom ersten Moment an gehören sie zusammen. Sobald sie laufen können, begleiten sie ihre Mutter überall hin. Mit der Zeit werden sie wohl wagemutiger, spielen mit anderen Lämmern, so wie Kinder das eben tun, aber wenn sie Angst oder Hunger haben, dann flüchten sie zur Mama, suchen bei ihr Schutz und Nahrung. Die ersten Lebensmonate sind von dieser Zusammengehörigkeit geprägt. So ist es von der Natur vorgesehen. So soll es sein. Sind die Kinder gefestigt genug, gehen sie ihre eigenen Wege. Doch erst, wenn sie soweit sind.

 

Die Schafmama in der Industrie kann sich nirgends zurückziehen. Dicht an dicht stehen sie nebeneinander. Mittendrinnen bringt sie ihre Kinder zur Welt. Überall wird gestoßen und getreten. Die Stimmen flirren durcheinander, so dass ein ruhiges Kennenlernen nicht möglich ist. Wozu auch, denn kaum, dass sich Mutter und Kind aneinander gewöhnt haben, werden sie schon voneinander getrennt. Aneinander gewöhnt, sich anvertraut, zueinander gehörig, leiden sie unter der Trennung wie jedes Lebewesen, das sich um seinen Nachwuchs kümmert. Der, der diese Trennung verursacht ist auch ein Säugetier, das den Schmerz einer Mutter, die ihr Kind verliert, kennen müsste, aber es schert sich nicht darum. Verzweifelt versucht das Kleine den Fängen der Mörder zu entkommen, während die Mutter es zu sich ruft. Weil sie nicht verstehen kann, warum es nicht bei ihm bleiben kann. Es gibt auch nichts zu verstehen daran. Taub, blind und gefühllos scheinen jene zu sein, die diese Szenen miterleben können, ohne dass es sie berührt.

 

„Gott ist tot – wir haben ihn gemordet“, wiederholte Martinique, „Jesus wurde von bezahlten Söldnern ermordet. Wir haben den Auftrag gegeben. Die Lämmer werden von Menschen ermordet, die wir dafür bezahlen. Wir haben Jesus nicht ans Kreuz genagelt. Aber wir haben dafür gezahlt. Was macht es für einen Unterschied? Wir haben die Lämmer nicht ermordet. Aber wir haben dafür gezahlt. Was macht es für einen Unterschied? Ohne unseren Auftrag, ohne unsere Zahlung, wären die Lämmer bei ihren Müttern. So wie es sein soll. So wie es ein Gott des Lebens haben wollte. Aber was schert uns Gott, gerade zu Ostern. Wir haben ihn ans Kreuz genagelt. Dort soll er vermodern. Wir essen Kadaver. Einer mehr oder weniger macht da keinen großen Unterschied. Die Auferstehung, die die Rettung sein sollte, habe wir vergessen. Aber das braucht es auch nicht, wenn der Bauch voll und der Tod von den Tellern gewaschen wurde.“

„Was meinst Du, bleiben wir einfach hier im Wald, inmitten des Lebens, wie es sein soll?“, fragte Christian, und Martinique blieb nur allzu gerne. Im Leben und mit ihm.

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