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Life is too short for boring stories

„Es ist gut zurückzukehren“, sagte Martinique, als sie sich am Waldrand niederließen.

„Was auch immer das heißen mag“, erwiderte Christian nachdenklich.

„Für mich heißt es, mich in die Momente wiederzufinden, in denen ich mich behütet und umsorgt und beschützt fühlte“, erwiderte Martinique, während sie eine Thermoskanne aus dem Rucksack nahm und einschenkte. Es gab auch was zu essen dazu. Schweigend saßen sie nebeneinander, eine Weile, während sie aßen und tranken. Es tat gut, weil es wärmte, aber nicht nur, weil der Tee warm war, so wie die Suppe, sondern weil Essen mehr ist als Nahrungsaufnahme, mehr als den Hunger zu stillen. Vor allem, wenn man es teilt.

„Was waren das für Momente?“, fragte Christian nach.

„Als ich ein Kind war, da verbrachte ich sehr viel Zeit bei meiner Großmutter“, fing Martinique an zu erzählen, „Meistens waren wir in der geräumigen Wohnküche. Meine Großmutter hatte die Schürze umgebunden und beschäftigte sich, während ich malte oder bastelte oder ihr half. Immer wenn ich kam, bekam ich Tee und Gebäck oder, speziell im Winter, wenn wir viel Zeit im Wald verbracht hatten und völlig durchgefroren waren, Suppe. Mit aller Selbstverständlichkeit stellte sie es vor uns hin und wir nahmen es an, um nicht zu sagen, hin. Ich weiß gar nicht mehr, ob wir das damals würdigten oder meinten, das müsste eben so sein. Viele Jahre später erst, als ich immer öfter Probleme mit meinen Eltern bekam, da war es meine Zuflucht, mein Ort des Wohlfühlens. Meine Großmutter fragte nicht, sondern wärmte mich, mit Tee und Suppe. Wenn ich reden wollte, hörte sie zu. Wenn nicht, dann war es auch gut. Sie ließ mich einfach da sein. Aber das Essen, das wir teilten, das war auch gut fürs Herz. Das waren die Momente, in denen ich mich behütet und umsorgt und beschützt fühlte.“

„Es ist etwas Verbindendes, wenn man Essen teilt“, meinte Christian, „Danke.“

„Wofür?“, fragte Martinique irritiert.

„Dass Du das alles vorbereitet und mitgenommen hast und mit mir teilst“, antwortete Christian prompt.

„Das macht man eben so, mit Menschen, die man gerne hat“, erklärte Martinique, „Es ist so schön und so selbstverständlich. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich bei meiner Großmutter je bedankt hätte.“

„Meinst Du nicht, dass Dein Besuch, die Zeit, die ihr miteinander verbracht habt, Dank genug für sie war?“, versuchte sich Christian an einer Erklärung, „Und deshalb hast auch Du damit nicht gerechnet.“

„Wahrscheinlich hast Du recht“, meinte Martinique, „Es ist wohl meine Art Dir zu sagen, dass es gut ist, mit Dir hier zu sein, oder auch ganz woanders, aber einfach mit Dir. Und der Mensch ist nicht nur Geist, sondern auch Körper, und wenn wir eines von beiden vernachlässigen, so hat es Auswirkungen auf unser Gesamtempfinden. Wenn ich mit Dir spreche, wenn ich mich mit Dir austausche, so tut es meinem Geist gut. Wenn Du meine Hand nimmst oder mich in den Arm nimmst oder Dich mit mir in meinen Träumen verfängst, dann tut es meiner Seele gut. Und wenn Du mit mir isst, dann tut es meinem Körper gut.“

„Und wenn Du dafür sorgst, dass es so sein kann, so ist es auch ein kleines Stück ankommen, vielleicht auch Wohlfühlen und Zufriedenheit“, meinte Christian versonnen.

„Und möglicherweise auch ein klein wenig glücklich sein?“, hakte Martinique nach, wobei sie sofort den Eindruck hatte, dass es wohl vermessen war, zumindest ihm gegenüber.

„Glücklich, das ist ein wenig zu viel, zu hoch gegriffen“, sagte er, wobei sie sich nicht sicher war, ob es Gleichmut oder Wehmut war, was in seiner Stimme mitschwang, „Es ist auch die Angst vor dem Glück, bis zu einem gewissen Grad, aber zufrieden, das ist doch schon mal sehr viel. Man muss nicht immer alles auf einmal wollen.“

„Warum muss man nicht alles auf einmal wollen?“, warf sie etwas zu brüsk ein, „Muss man nicht vielmehr alles wollen, und das auf einmal?“

„Dickköpfig und temperamentvoll“, quittierte er ihre Fragen amüsiert, „Das gefällt mir. Sonst wärst Du wohl nicht die, die Du bist. Gepaart mit etwas Besonnenheit meinerseits, ist das doch eine wunderbare Mischung.“

 

Schweigend aßen sie fertig. Es war für sie eindeutig einer jener Momente, jener, in dem sie sich behütet und umsorgt und beschützt fühlte, so wie damals, aber das brauchte sie nicht zu sagen, weil er es wusste. Bloß, dass sie sich wünschte, dass er es auch finden würde, und auch das Misstrauen gegenüber dem Glück aufgeben könnte.

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