Gott des Lebens

„Gott ist Liebe“, heißt es. Die großen monotheistischen Religionen berufen sich darauf. „Gott ist Leben“, auch darin ist man sich einig, eines unter wenigem. Das klingt alles wunderbar und verheißungsvoll, und dann wird es fertiggebracht, dass bereits in der Schöpfungsgeschichte im ersten Buch Mose genau diese Aussagen völlig ad absurdum geführt werden. Dies ist der Auftakt und gibt die Richtung an, die weiterhin eingeschlagen wird. Adam, der erste Mensch, der mitten ins Paradies gesetzt wird, erhält den Auftrag über die Natur und die Tiere zu herrschen. Dann wird ihm noch eine Gefährtin zur Seite gestellt, die in allem von ihm abhängig, ja ein Teil von ihm ist. Denn wenn es wahr ist, dass Gott Liebe ist, wie kann er es dann verlangen, das eines seiner Lebewesen über ein anderes herrscht, ja sie sich unterwirft, wie im Psalm 8 noch weiter präzisiert wird? Wie kann Gott Leben sein und dennoch seine Schöpfung in die Hand eines Lebewesens geben, das nicht nur anderes Leben auslöscht, sondern auch seine eigene Lebensgrundlage und damit sich selbst?

Dieser Widerspruch kann nur in einer Richtung aufgelöst werden: Die Bibel ist Menschenwerk, reines Menschenwerk, das verfasst wurde um menschliches Vorgehen durch eine höhere Instanz legitimieren zu lassen. Allein schon die Auswahl der Texte, der Kodex, der Maßstab, weist darauf hin. So fand der Text über das erste Menschenpaar, nämlich Lilith und Adam, keinen Zugang. Hätte er ihn gefunden, so wäre vieles weitere nicht mehr stimmig, denn Lilith und Adam zeugen von jener Liebe, die die Schöpfung schützen und lebendig sehen will. Das Menschenpaar wird nicht von den anderen Tieren abgesondert, sondern sitzt friedlich mitten unter all den anderen Geschöpfen. Da ergeht kein Auftrag den anderen Tieren Namen zu geben, denn der Name bedeutet Verfügungsgewalt. Diese Verfügungsgewalt wird nur dem Schöpfer selbst zugedacht, in dieser Version, wo sie auch hingehört. Auch die Entstehung des ersten Menschenpaares selbst wird anders geschildert, denn sie werden beide aus Lehm geformt. Sie sind damit Teil der Natur, eingebettet in und verbunden mit dem Kreislauf des Lebens. Damit werden sie nicht über die Natur erhoben, sondern gleichgestellt. Eine eigene Spezies, ohne Zweifel, aber ohne besondere Vorrechte. Lilith ist damit auch eine gleichwertige Partnerin. Ein wahrhaft paradiesischer Zustand, soweit man ein funktionierendes Ökosystem, ein friedvolles Miteinander und einen wertschätzenden Umgang gutheißt.

 

Doch die Verfasser der Bibel hatten anderes im Sinn und zu legitimieren. Herrschaft, des Menschen über die Natur, des Mannes über die Frau, einzelner Völker über andere Völker geschah und bedurfte der Rechtfertigung von einer höheren, unzugänglichen Stelle. Denn eine Verbindung zu Gott wurde nur einem gewählten, auserlesenen Kreis zugestanden. Doch wo die Verfügungsgewalt des weißen Mannes über alle anderen legitimiert wird, womit auch das Recht auf Vertreibung, Zerstörung und Misshandlung inbegriffen ist, da bleiben Liebe und Leben auf der Strecke. Da bleibt Gott auf der Strecke.

 

Doch was ist das für ein Gott, der das Leben erschafft, nur um es wieder zerstören zu lassen? Was ist das für ein Gott, der mutwillig eine kleine Minderheit aussucht und diese unumschränkt, maß- und regellos herrschen lässt? Es ist ein Gott, der von denen zurechtgezimmert wurde, die in diesem Sinne herrschen und zerstören wollen, denn dem kann nicht widersprochen werden. Besser gesagt nicht widersprochen werden konnte.

 

Lilith und Adam, inmitten der Schöpfung im Paradies, gleichwertig und der Natur verbunden, könnte ein neuer Anfang sein. Achtsamkeit, Respekt und Liebe im Umgang miteinander, den Anderen und mit uns selbst. Es ist der Moment, in dem der Gott des Lebens und der Liebe wieder spürbar werden kann.

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