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Life is too short for boring stories

Ich war zu Gericht geladen. Nicht als Angeklagte, nicht als Anklägerin, sondern als Zeugin. Es war nicht das erste Mal und wird wohl schwerlich das letzte Mal sein, doch jedes Mal überfällt mich schon beim Betreten des Gerichtsgebäudes eine ungeheure Anspannung. Nicht, weil ich mich schuldig fühlte, sondern weil man nie weiß, wie einem das Wort im Mund verdreht wird oder die Motive, die man hat, nicht gelten. Nicht vor einer Person in Robe, die mit dieser offenbar alle Weisheit der Welt in sich aufgesogen hat oder zumindest so tut. Natürlich ist es verständlich, dass man – egal in welcher Position man ist – seine eigene Vorgeschichte, seine Überzeugungen und Vorurteile mit sich mitnimmt. Das muss man auch einer Person, die über andere richtet, zugestehen. Dennoch sollte man ein gewisses Maß an Unvoreingenommenheit erwarten und die Einsicht darin, dass die eigenen Ansichten nicht der Weisheit letzter Schluss sind. Und in diesem Fall zeigte sich sehr deutlich, wie weit man auf solche Grundsätze vergessen kann.

Ich war als Zeugin der Verteidigung geladen. Es ging um ein Delikt im Tierrechtsbereich, von dem ich wusste, dass es von der angeklagten Person nicht verübt wurde. Dennoch wurde dieses Delikt, so minimal es im Ganzen war, ungeheuer aufgeblasen. Auch das war nichts Neues, denn wenn eine Person, die sich für Tierrechte einsetzt, jemand anderen auf die Zehen steigt, und sei es nur aus Versehen, diese Person sich auch noch entschuldigt, so wird es aufgebauscht, als hätte jene Person der anderen den Fuß ausgerissen. Wird jedoch umgekehrt eine Person, die sich für Tierrechte einsetzt, von jemand anderen angegriffen, gewürgt, geschlagen und seines Eigentums beraubt, so wird die Schuld immer noch bei der angegriffenen Person gesucht. Das sind Tatsachen und damit muss man offenbar leben. Selbst damit 105 Tage ohne Beweis und ohne Begründung in Untersuchungshaft gehalten zu werden. Das in einem angeblichen Rechtsstaat wie Österreich. All diese Vorerfahrungen trugen nicht gravierend dazu bei, meine Unsicherheit zu beruhigen. Endlich kam ich an die Reihe und erzählte, was ich aus meiner Sicht zu erzählen hatte. Das wurde zur Kenntnis genommen und ich erfuhr nicht, ob mir irgendjemand glaubte oder ob mir überhaupt zugehört wurde, denn das einzige was die Person in Robe interessierte war ein Detail, das für den Prozess keine Rolle spielte oder spielen sollte, zumal bei mir als Zeugin. Dennoch wurde ich gefragt: „Warum tun Sie das?“

„Wie meinen Sie das, warum ich was tue?“, erwiderte ich, weil ich diese Frage nicht so recht zu deuten wusste.

„Ich meinte, warum setzen Sie sich für die Tierrechte ein? Was haben Sie davon?“, wurde mir erklärt.

„Ich sehe all das Leid, das unseren Mitgeschöpfen angetan wird. Deshalb möchte ich meinen Teil dazu beitragen, dass es endet“, erwiderte ich wahrheitsgemäß.

„Und das auch, wenn notwendig, mit gewaltsamen Mitteln?“, fragte jene Person weiter.

„Nein, das würde unseren Grundwerten widersprechen“, erklärte ich fest.

„Aber dann müssen Sie doch irgendetwas anderes davon haben? Geht es Ruhm, Ehre? Was kriegen Sie dafür?“, wurde weiter gebohrt.

„Ich mache das aus reinem Idealismus, Altruismus, wenn Sie so wollen“, gab ich zurück.

„Sehen Sie, und das ist gelogen“, wurde auf meine Aussage erwidert, „Kein Mensch macht etwas, ohne etwas Materielles dafür zu bekommen. Altruismus ist eine Lüge. Ich kenne niemanden, der etwas ohne Gegenleistung macht.“

Wenn man sich die Richter*innen in Österreich (und wahrscheinlich nicht nur in Österreich) ansieht, so haben diese einen durchweg konservativen Hintergrund, konservativ bis reaktionär. Und es ist durchaus möglich, dass es in diesen Kreisen tatsächlich unüblich ist, auch nur einen Handgriff zu machen, ohne dafür honoriert zu werden. „Was für ein verengtes Menschen- und Weltbild“, dachte ich, während ich erwog eine entsprechende Entgegnung zu machen. Zum Glück wurde ich in dem Moment aus dem Zeugenstand abberufen. Autoritär, nationalistisch und konservativ, so ließe sich das Weltbild zusammenfassen und fast wollte mir diese Person ein wenig leid tun, denn sie würden nie erleben, dass es Selbstlosigkeit, Hilfsbereitschaft, ja Selbstaufopferung gibt für eine Sache, die man für sich als sinnvoll erachtet hat. Trifft man dennoch auf jemanden, der diese Prinzipien lebt, so muss man sie negieren, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Vielmehr muss man nur lange genug bohren, bis man auf unlautere Motive stößt oder zumindest auf solche, die in ein konservativ eingeschränktes Weltbild passen. Dann kann man guten Gewissens dabeibleiben, dass Altruismus eine Lüge ist und muss nicht weiters darüber nachdenken.

Ein Gedanke zu “Altruismus ist eine Lüge

  1. Jesska sagt:

    *sprachlos*

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