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Life is too short for boring stories

„Es ist doch faszinierend wie oft sie in Ohnmacht fallen kann“, dachte Christian, als er sie betrachtete, „Und das kommt alles nur von ihrer Dickköpfigkeit.“ Wohl vermochte er dieser einen gewissen Charme abzugewinnen, aber man konnte es auch übertreiben. Und ihr Verhalten fiel eindeutig in diese Kategorie. Ob sie wohl in jeder Lebenslage so beharrlich war? In diesem Fall hielt er es für unangebracht, aber was, wenn sie mit der gleichen Intensität für einen Freund eintrat, ihm beistand, oder für ihre Überzeugung? Was, wenn sie in jener Intensität zu leben und zu lieben verstand? Und während er sie gedankenverloren streichelte, kam sie langsam wieder zu sich.

„Lass Dir das jetzt ja nicht zur Gewohnheit werden“, sagte er, sichtlich bemüht seine Worte streng klingen zu lassen.

„Was soll ich mir nicht zur Gewohnheit werden lassen? In Ohnmacht zu fallen oder mich bei Dir fallen lassen zu können?“, fragte sie.

„Du solltest Dich da überhaupt nicht so viel hineinsteigern. Das tut nicht gut. Wenn Du Dich bei mir zu sehr emotional engagierst, dann kann das böse ins Auge gehen“, erklärte Christian Martinique, die aufmerksam zuhörte.

„Das kann sein“, entgegnete sie.

„Das kann nicht sein, das ist so“, meinte er entschieden.

„Und warum bist Du davon so überzeugt?“, fragte sie weiter.

„Aus Erfahrung und ich kenne mich“, sagte er kurz.

„Das kann alles sein, und ich will dem auch gar nicht widersprechen“, erwiderte sie nachdenklich, „Aber jeder Moment steht für sich und ist als solcher einzigartig. So wie wir hier zusammen sind, so waren wir es noch nie und werden es nie wieder sein, als die, die wir gerade jetzt sind. Alles was danach vielleicht noch kommt ist anders. Deshalb kann es auch nur diesen Moment geben. Und in diesem einen Moment habe ich zwei Möglichkeiten. Ich kann mich auf ihn einlassen oder ich kann es lassen. Wenn ich mich auf ihn einlasse, dann kann es nur ganz sein. Dann wird es ein gelebter sein und er wird mir im Gedächtnis bleiben, wird mich verändern und bereichern. Vielleicht werde ich es vermissen, wenn es nicht mehr ist. Vielleicht wird es schmerzen, wenn es nicht mehr ist. Aber was ist die Alternative? Die Alternative ist ein Moment, dem ich mich entziehe, und der ungenutzt und ungelebt vorübergeht. Verschenkt, verloren, ohne Schmerz, aber auch ohne Glück.“

„Ist das nicht sehr vereinfacht gedacht?“, fragte er, „Das Leben ist nicht nur schwarz-weiß, und oft genug können wir es uns gar nicht aussuchen. Da müssen wir dann das Beste daraus machen oder eben auch nichts. Je nachdem.“

„Aber hier, hier können wir es uns aussuchen. Hier liegt es ganz alleine an uns. Oft genug ist das nicht so“, gemahnte sie eindringlich.

„Das kann sein“, entgegnete nun er.

„Das kann nicht sein, das ist so“, meinte sie jetzt entschieden, „Aber warum probierst Du es nicht einfach aus?“

„Du meinst, mich einzulassen, auf den Moment?“, wollte er sich vergewissern.

„Ja, genau darauf. Eigentlich können wir nur gewinnen“, bestätigte sie.

„Selbst, wenn Du Dich in mich verliebst?“, fuhr er fort.

„Selbst, wenn mir so etwas oder etwas anderes Schreckliches zustößt“, gab sie augenzwinkernd zurück.

„Aber sag hinterher nicht, ich hätte Dich nicht gewarnt“, versuchte er sich abzusichern, „Alles, was Du tust, tust Du, weil Du es willst.“

„Ja, ich bin auch schon ein großes Mädchen“, erwiderte sie lachend und legte die Arme um seinen Hals, und zog ihn zu sich heran, „Und es kann einem durchaus Schlimmeres zustoßen als sich in Dich zu verlieben.“

„Meinst Du denn, dass das passieren könnte?“, fragte er neugierig.

„Es kann so vieles passieren“, entgegnete sie vage, während sie ihn nötigte sie zu küssen und er sich nur allzu gerne nötigen ließ.

 

Eigentlich war es auch nicht so wichtig. Er war beschäftigt – damit den Moment zu genießen, ihn zu leben, ganz.

3 Gedanken zu “Ohn-macht (7): Nichts weiter als ein Moment

  1. Nadine Hoffmann-Voigt sagt:

    Wenn ich das lese, finde ich es fast schade.
    Schade, weil ich mir den Er- & Sie-Texten irgendwie nichts anfangen kann.
    Schade, weil ich sie nicht automatisch im Kopf zu Sie- & Sie-Texten machen kann.
    Schade, weil ich Er- & Sie-Erlebnisse nicht so erlebte.
    Schade, weil ich Sie- & Sie-Erlebnisse anders erlebe.
    Schade, weil Du Sie-& Sie-Erlebnisse vielleicht nicht so traumhaft erlebst.
    Schön, weil Du so schreiben kannst.

    Auf ein Wiedersehen

    Gefällt 1 Person

    1. novels4utoo sagt:

      Liebe Nadine! Ich denke, wir haben zu jedem Miteinander einen anderen Zugang, und letztlich ist es ziemlich egal ob Er-Sie, Sie-Sie, Er-Er oder was auch immer Texte sind. Ich schreibe aus meiner Sicht. Aber ich denke, ich habe einen Text, der vielleicht hinkommt, in dem ich bewusst auf Zuschreibungen verzichtet habe. Ich sende Dir gleich den Link. Bin gespannt wie es Dir damit geht.

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