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Life is too short for boring stories

Ein Kind kommt auf die Welt. Unberührt und unvorbelastet. Nein, das stimmt nicht. Bereits Monate vorher wird kontrolliert, am Ultraschall, bei den Untersuchungen. Hält sich die Mutter auch brav? Macht sie keine Dummheiten? Nimmt sie auch keine Kopfwehtabletten? Schont sie sich genug? Liegt sie nicht nur herum? Hat sie genug zugenommen? Hat sie nicht zu viel zugenommen? Abmessen – Bauchumfang und Blutdruck und Gewicht. Abmessen – Herztöne des Kindes, Größe. Errechnen – voraussichtlicher Geburtstermin. Schon während der neun Monate, in denen es Schutz bekommen sollte im Schoß der Mutter, wird es bereits strengstens überwacht. Alles zum Besten des Kindes, alles zum Besten der Mutter, und dann werden die Ergebnisse in Tabellen eingetragen und diese mit anderen Tabellen verglichen, zu sehen, ob das Kind in der Norm liegt. Ist es auch wie alle anderen? Entwickelt es sich wie alle anderen? Man wünscht sich nur, dass es normal ist, das Kind, dass es in die Norm passt, und alles noch bevor es überhaupt das Licht der Welt erblickt hat.

Und wenn es dann so weit ist, dann wird es sofort entfernt von der Mutter. Es muss gewogen und gemessen werden. Da kann es schreien was es will. Das muss sofort sein. Eine halbe Stunde später, eine erste Mahlzeit später, wäre es doch verfälscht und gäbe keine aussagekräftigen Daten mehr. Weiter geht es in der Krabbelgruppe.

„Mein Kind konnte mit fünf Monaten schon sitzen“, heißt es da. Und „Mein Kind konnte mit acht Monaten schon gehen. Ich weiß, es sollte nicht, aber ich konnte es nicht bändigen“, heißt es auch, und wenn dann ein Kind nichts vorzuweisen hat, was es schneller konnte, dann kann man sich noch immer denken, es liegt ja in der Norm. Ängstlich sieht man auf die Entwicklungstabelle, ja, es ist noch in der Norm. Alles was messbar ist wird festgehalten, denn das ist wichtig. Sonst nichts. Und wenn es in die Schule kommt, dann wird vorgegeben, was ein Kind in welchem Alter zu können hat, was es wie schnell zu erlernen hat. Spätestens da weiß man, dass nichts wert ist, was nicht abgeprüft oder zum Kanon der schulischen Fächer gehört. Das Kind kann gut vermitteln oder es hat die Kraft andere zu schützen, vor anderen oder vor sich selbst oder es kann gut zuhören und trösten. Alles unwichtig, denn das steht nicht im Lehrplan, und nur das wird gemessen, und nur was gemessen wird, ist gut. Anders herum, was nicht messbar ist, hat keinen Wert. Wofür man kein Diplom hat, das hat keinen Zweck, denn man kann nicht beweisen, dass man es kann. Wenn das Kind künstlerisch oder sozial begabt ist, dann ist es schön für seine Freizeit, aber es hebt das Bruttosozialprodukt nicht. Sich auf andere einlassen oder ihnen Freude zu bereiten? Nun, das ist nett, aber dann muss man einen sozialen Beruf ergreifen oder die Welt verbessern. Aber wie misst man die Verbesserung der Welt? Nicht an monetären Größen. So spielt es keine Rolle. Und dann schickt man die jungen Leute hinaus in die Welt.

„Werdet glücklich, verdammt noch mal“, wird ihnen eingetrichtert.

„Aber wie?“, fragen sie zurück.

„Ganz einfach, haltet euch messbar und berechenbar. Dann könnt ihr sehen ob ihr in der Norm liegt und dann kommt das mit dem Glück von ganz allein“, wird ihnen geantwortet. „Aber was hat das alles für einen Sinn? Es ist doch alles fertig. Alles wurde schon gemessen und fertig verpackt. Wir müssen es nur noch nehmen. Was haben wir dazu noch beizutragen? Was gibt es für uns noch zu tun?“, fragen sie zurück.

„Solch philosophische Fragen!“, tönt es empört zurück, „Arbeitet, kriegt Kinder und schaut, dass ihr zu was kommt. Dann habt ihr für so einen Unsinn gar keine Zeit mehr, aber nicht vergessen, wenn schon, dann schaut, dass ihr in der Norm bleibt. Tut was alle tun, und das wird passen.“ Vielleicht nehmen es die meisten schulterzuckend hin, aber manche schaffen es nicht. Sie wollen sich nicht abspeisen lassen. Ihnen ist es zu wenig, in der Norm zu sein. Sie wollen einen Sinn im Leben finden.

„Geh Schuhe kaufen!“, ist dann die Antwort oder „Trink noch ein Bier!“ Aber kann es das sein? War das dann schon wirklich alles? Ja, weil dann die Statistik wieder passt, die von den Schuhverkäufen und die vom Bierkonsum. Dann alles was messbar ist, ist gut.

2 Gedanken zu “Alles, was messbar ist

  1. oma99 sagt:

    den Menschen, das Lebewesen, einfach so wahr-zu-nehmen und an-zu-nehmen wie er/es ist, nicht zu messen. Und so wie er/sie/es ist zu begleiten, zu fördern, zu lieben,

    Nicht-zu-messen, nicht an-etwas-messen.

    Einfach sein-zu-lassen. Was könnte die Welt voller einzigartiger genialer und wundervoller Leben sein…

    Was könnten wir selbst einzigartig, genial, wundervoll sein…

    Einfach mal lesen, nachdenken und daran denken, mit welchem „gemessen werden“ man selber als heranwachsender Mensch gehadert hat …

    Danke für den Text, Daniela Noitz – ich hoffe es lesen sehr viele Messlatten-Errichter!

    1. novels4utoo sagt:

      Dabei wäre es genau diese Einzigartigkeit, die unsere Gesellschaft bereichert, bunter und freundlicher macht. Unterstützend, in dem, was einen anderen ausmacht und sich daran zu erfreuen. Allerdings wäre eine solche Gesellschaft auch viel schwerer kontrollierbar, da Reaktionen und Aktionen schwerer vorhersehbar sind. Schade nur, dass sich so viele unter das Kommando fügen, ohne es zu merken. Danke für Deinen Kommentar

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