Vom Individuum zum Dividuum

Inspiriert durch „Sorrow“ von Kieran Halpan.

Eingehüllt in eine Rüstung aus Stärke und Abwehr war ich, als ich Dir begegnete, als der Moment war, da es sein sollte. Ich hatte mich dahinter versteckt, weil ich überzeugt war, dass ich es nicht mehr brauchte, die Berührung und die Nähe. Nie wieder würde es geschehen.

„Leg die Rüstung ab“, sagtest Du, und es war mehr Zuspruch als Befehl, so dass ich nicht sofort verneinte, sondern nachdachte. Ginge das denn überhaupt, war ich denn nicht schon allzu sehr mit meiner Rüstung verwachsen.

„Warum?“, fragte ich dennoch, weil es nicht so leicht ist sich wehrlos zu machen angesichts all der Möglichkeiten.

„Weil ich Dich sehen möchte“, erklärtest Du, da ich Dein Verlangen und Deine Sehnsucht in Deinen Augen las zu mir zu kommen.

„Ich habe vergessen wie es geht“, musste ich eingestehen, Dir und mir. So dass Du aufstandst und auf mich zukamst. Ein Verschluss um den anderen sprang auf, durch Deinen Blick und Deine Berührung. Die Rüstung fiel ab. Darunter war ich schutz- und wehrlos, doch Du umfingst mich mit Deiner Zugewandtheit, die die Ferne in Vertrautheit wandelte. Endlich merkte ich, dass Du mich mit einem anderen Schutz umgabst, einen, der nicht voneinander abgrenzt und dennoch stärkt.

„Ich will Dich sehen“, erklärtest Du abermals.

„Aber Du siehst mich doch schon“, erwiderte ich, da ich nackt und bloß vor Dir stand.

„Das bist noch nicht Du, noch nicht ganz“, erwidertest Du sanft. Und ich wusste nicht was Du meintest, bis Du mir zeigtest, dass es eine Nacktheit gibt, weit über die des Leibes hinaus, der Gedanken, der Gefühle, des Seins. Du fordertest mich auf und heraus. So dass ich mich Dir darbrachte, mit allem was ich war, denkend, handelnd, fühlend, atmend. Und Du umhülltest mich mit Deinen Gedanken, Deinem Fühlen, Deinem Handeln, Deinem Atem in Deiner Annahme. Ich spürte, dass ich mich auflöste, weil die Teile in mir ineinander gezwungen waren und nicht passten. Du setztest sie an den richtigen Platz. Du hast mich heil werden lassen, indem Du mich entzweitest.

Und so wie Du mir Deinen Blick geschenkt hattest, so löstest Du ihn wieder. Du gingst, weil der Moment vorbei war. Ich begriff nicht was da passierte, was da mit uns passierte. Uns, das es nicht mehr gab. War am Anfang Du und Ich, so war es das jetzt wieder. Nur, dass ich die Rüstung nicht wiederfand, die ich doch brauchte, da Du mir die Sicherheit genommen hattest. Mit Dir. Und den Arm um mich, in dem ich mich geborgen fühlte. Was sollte ich mit mir anfangen, nachdem ich erfahren hatte, dass ich es noch konnte, mich zu öffnen und zu schenken, da Du nicht mehr da warst? Was sollte ich mit all den Möglichkeiten, die Du mir eröffnetest, von denen ich meinte, ich könnte sie nur mit Dir leben?

Erst als sich der Nebel des Schmerzes verflüchtigt hatte, sah ich nochmals auf das Bild, das sich gefügt hatte, weil Du mich auflöstest und neu zusammensetztest. Da waren nicht nur Teile von mir, sondern auch von Dir, weil Du meine Entblößung mit Deiner beantwortetest, weil Du Dich mir offen präsentiertest, nackt und bloß, in einer Nacktheit, die weit über die des Leibes hinausgeht. Du hattest Dich in mich eingebracht, hattest mir Dich geschenkt, unwiderruflich.

Ich habe eine neue Rüstung, eine aus Wärme und Geborgenheit und Zuversicht, die Du um mich hülltest, als ich meine alte ablegte. Mit Dir hast Du mich erweitert und mir all die Möglichkeit es Erlebens neu eröffnet. Du hast mich neu werden lassen, weil Du mir warst. Und bist. Weil wir den Moment annahmen, der uns das Leben zurückbrachte. Das Geschenk, das Du mir warst, bleibt, als ein Teil, der mich heil machte. In jenem Moment.

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