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Life is too short for boring stories

Es dämmerte bereits, als ich sie fand. Die Suche hatte sich schwierig gestaltet, da ich tunlichst vermeiden musste, gesehen zu werden. Ich fuhr deshalb mit meinem kleinen Boot, so ruhig und verhalten wie möglich, von einer Insel zur anderen. Es gab deren viele. Das Einzige, was ich wusste, war, dass sie sich hier irgendwo aufhalten musste. Dabei dachte ich daran, wie sie es angestellt hatte, dem Wahnsinn zu entkommen.

Bella, so nannte ich sie in meinen Gedanken, denn als Fleischkuh hatte sie keinen Namen. Nur eine Nummer. Andererseits war es ihr vergönnt zumindest so lange zu leben, wie es notwendig war, um genug Fleisch anzusetzen, sodass es für den Landwirt lukrativ war, sie zu verkaufen. Dennoch kam der Tag, an dem sie abgeholt und ins Schlachthaus gebracht werden sollte. Der Landwirt machte die Männer, die diesen Dienst erledigen sollten, noch extra darauf aufmerksam, dass es sich bei Bella um eine rebellische Kuh handelte. Sie sollten doch etwas zum Betäuben mitnehmen. Eingenommen von sich selbst, wie sie nun mal waren, meinten sie, das wäre nicht notwendig. Sie wären bis jetzt noch mit jeder Kuh fertig geworden. Doch an Bella fanden sie ihre Lehrmeisterin. Durch Schläge und Elektroschocks hindurch, bahnte sie sich ihren Weg in die Freiheit. Sie lief, bis sie an das Wasser kam. Doch selbst dieses konnte sie nicht aufhalten. Sie schwamm hindurch und nachdem sie für eine relativ lange Zeitspanne nicht mehr an der Oberfläche auftauchte, meinten manche bereits, sie wäre ertrunken. Tatsächlich erreichte sie das Ufer einer Insel. Doch sie beließ es nicht dabei, denn als man sich am nächsten Tag auf die Suche begab, fand man sie nicht.

„Offenbar bist Du weitergeschwommen“, sagte ich zu Bella, als ich unter dem Baum saß, da es schon dunkel war und sie neben mir lag. Zunächst hielt sie Abstand zu mir, doch so wie ihr ihr Instinkt zielsicher gesagt hatte, dass die Männer nichts Gutes wollten, so wusste sie bei mir, dass ich keine Gefahr darstellte. Ganz im Gegenteil. Ich wollte einfach nur da sein und sie leben sehen. Kuhleben. Unbeeinflusst. Ungestört. Grasen. Wiederkäuen. Schlafen. Dennoch war sie vorsichtig. Deshalb setzte ich mich unter den Baum und wartete. Tatsächlich kam sie zu mir und legte sich neben mich. Vielleicht war es auch für sie gut, nicht alleine zu sein. „Weiter geschwommen, als Dir die Menschen zutrauten“, sprach ich weiter zu ihr, die einfach friedlich neben mir lag und ganz und gar nicht den Eindruck einer rebellischen Kuh machte. Eigentlich wirkte sie ruhig und sanft, mit ihren großen, tiefbraunen Augen. „Du bist wahrscheinlich nur dort rebellisch, wo es notwendig ist. Es ging immerhin um Dein Leben. Dabei hast Du nur das. Und selbst gehört Dir nicht. Der Landwirt besitzt Dich und Dein Leben und darf entscheiden, was mit Dir geschieht. Wie bei einer Sache. Herr über Leben und Tod. Eigentlich ist man es gewohnt, dass sich die Tiere fügen. Sie haben es auch zu tun, selbst, wenn sie in den Tod gehen. Alle sollten sich so widersetzen wie Du. Dem einen Arbeiter hast Du beim Ausbruch den Arm gebrochen, habe ich gehört und wenn ich Dich jetzt sehe, so möchte ich meinen, Du könntest keiner Fliege was zuleide tun. Tust Du auch nicht. Ich wünschte, Du könntest hierbleiben, für den Rest Deines Lebens. Unbehelligt. Aber sie werden es nicht erlauben. Der Landwirt verliert Geld und seine Reputation. Das darf nicht sein. Dabei könnte es so einfach sein, leben lassen. Bloß in Ruhe und Frieden leben lassen. Es wird nur nicht lange anhalten.“ Geduldig hörte mir Bella zu. Dann schwiegen wir. Irgendwann schlief ich ein, während ich ihren warmen Atem in meinem Gesicht spürte. So nahe hatte sie sich zu mir gelegt.

Am nächsten Morgen wurde ich durch lautes Motorengeräusch geweckt. Tatsächlich kreiste ein Hubschrauber über der kleinen Insel. Bella versuchte wieder wegzulaufen, doch sie wurde von einem Betäubungspfeil getroffen und brach zusammen. Vor meinen Augen. Ich warf mich über sie, wollte sie schützen. Aber was sollte ich ausrichten, gegen Menschen, die fest entschlossen waren, die unbotmäßige Kuh zu bestrafen. Grob zogen sie mich von ihr weg. Dann transportierten sie sie ab. Noch auf dem Transport zum Schlachthof starb sie an einem Herzinfarkt. Und das alles nur, weil man nicht zulassen darf, dass ein Lebewesen lebt.  

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