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Life is too short for boring stories

Eigentlich lese ich gerne in der Badewanne. Eigentlich lese ich fast überall gerne, so lange es nicht Leib und Leben gefährdet. Aber in der Badewanne besonders, zumindest wenn ich nicht gerade Migräne habe. Schließlich kann man sich nicht einfach irgendwo hinsetzen, nicht einmal in warmes Wasser und einfach nichts tun. Das ein oder andere Buch ist schon nass geworden, aber wenn es das nicht aushält, dann hätte es nicht Buch werden dürfen, zumindest bei mir. Ich bin mir bewusst, dass es Menschen gibt, die ihre Bücher hegen und pflegen, keine Eselsohren dulden, auch nicht, dass man sie aufgeschlagen mit dem Rücken nach oben ablegt, ja nicht einmal, dass man sie zu energisch aufschlägt, denn dann entstehen Rillen, Lesespuren, aber meines Erachtens nach müssen Bücher Lesespuren haben, auch Unterstreichungen und Anmerkungen, die ich im besten Fall sogar noch lesen kann, später, wenn ich das Buch nochmals zur Hand nehme.

„Hast Du gewusst, dass ein Verlag vor einigen Jahren auf die glorreiche Idee gekommen ist, Duschbücher für Männer auf den Markt zu bringen?“, fragte ich unvermittelt.

„Nein, aber warum Duschbücher und warum für Männer?“, erwidertest Du.

„Es ist erwiesen, dass Männer sowohl lieber duschen als baden, als auch weniger lesen als Frauen. Sagt zumindest die Statistik. Deshalb haben sie sich bei jenem Verlag womöglich gedacht, wenn die Männer duschen, dann könnten sie auch lesen. Badewannenbücher gab es ja bereits. Allerdings nur in Form von Bilderbüchern für Kinder. Die hätten die Männer auch in die Dusche mitnehmen können“, fasste ich meine Spekulationen zusammen.

„Aber da waren eindeutig die falschen Bilder drinnen“, ergänztest Du, „Und was ist daraus geworden?“

„Ich denke nichts oder nicht viel. Zumindest habe ich nie wieder was davon gehört. Der Markt für ein derartiges Produkt war wohl eher überschaubar“, sagte ich und stellte mir vor, wie ein Mann, kann natürlich auch eine Frau sein, unter der Dusche steht und in einen Roman von Thomas Mann vertieft ist, 750 Seiten in Plastik. So wie in der Straßenbahn, nur nasser. Betrübt dachte ich an die Zeiten, zu denen ich wirklich immer und überall gelesen habe, wie in der Badewanne, ein paar Zeilen noch auf der Rolltreppe, in irgendwelchen Warteschlangen und beim Autofahren, so lange ich noch nicht selber fuhr. Amüsiert wurde mir bewusst, dass die Kritik die gleiche war, damals wie heute. „Musst Du ständig in Dein Buch schauen?“ oder „Hearst, kannst nicht aufpassen, immer mit dem Buch vor der Nase“ oder „Nein, schau Dir die an, so asozial, schaut ständig in das Buch.“ Nun braucht man das Wort Buch nur noch durch Handy oder Smartphone ersetzen, und es ist genau das Gleiche. Eine Pionierin der gepflegten Begegnungsvermeidung war ich. Und heute machen es mir alle nach. Aber was mich tatsächlich wurmte war, dass das heutzutage nicht mehr so einfach war, einfach ein Buch zur Hand zu nehmen und gleich zu lesen zu beginnen. Wehmütig dachte ich an diese Zeiten, weil jetzt, musste ich immer erst umständlich die Lesebrille herauskramen, auspacken und auf die Nase setzen. Bis diese Prozedur vorbei ist, ist es auch die Lesegelegenheit. Ein paar Jahre zuvor, hatte ich das noch belächelt, aber jetzt war es auch bei mir so weit. Nicht einmal ein Restaurantbesuch war möglich, ohne Lesebrille oder eine*n Co-Leser*in, eine*n mit besseren Augen und ohne Lesebrillenbedarf. Ich zeigte eindeutig Abnützungserscheinungen, wie meine Bücher. Doch bei meinen Büchern wollte ich das, ja, es sollte erkennbar sein, dass sie genutzt wurden und zwar, für den, ihnen zugewiesenen Zweck, nämlich gelesen zu werden. Bei mir störte es mich allerdings. Das war schon eigenartig. All die Jahre voller Leben und Erlebnisse, voller Sorgen und Freuden, all das sollte doch sogar Spuren hinterlassen. Es zeugt von Lebendigkeit, von gelebt haben. Da gibt es Sorgenfalten, aber auch Lachfalten werden viel besser sichtbar. Ich dachte, es ist gut, so wie es ist, mit all den Veränderungen, die das Leben bringt. Nichts ist schlimmer, als jemanden anzusehen und das Gefühl zu haben, dass diese*r nicht gelebt hat.

„Ich mag meine Falten“, wandte ich mich nun an Dich.

„Ich auch“, erwidertest Du und nahmst mich in den Arm, „Weil ich Dich genau so liebe, wie Du bist und nicht will, dass Du nach der 999 Schönheitsbehandlung aussiehst wie ein Abziehbild aller anderen, wie eine Mumie, ausstrahlungs- und reizlos.“

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