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Life is too short for boring stories

„Großartig hast Du gekocht, Maria!“, sagte ich, dem Genuss noch nachschmeckend, als ich in der Küche stand und mit Jesus den Abwasch erledigte.

„Ja, wirklich“, bestätigte Jesus, um dann augenzwinkernd hinzuzufügen, „Ist Dir schon mal aufgefallen, dass von den guten Sachen immer zu wenig gekocht wird?“

„Klar, Du hast am meisten abgestaubt von dem guten Essen“, merkte Maria amüsiert an, „Aber es ist auch unheimlich schwer Dich satt zu bekommen.“

„Wie meinen Sohn“, dachte ich unwillkürlich, während ich die letzte Tasse aus dem Spülbecken nahm und an Jesus zum Abtrocknen weitergab. Mein Blick wanderte weg und zum Fenster. Draußen lag der Schnee, wie eine weiche Decke, die das Land gänzlich zu umhüllen schien. Da war ich plötzlich wieder in meiner Küche, in jenem Zu Hause, das erst dadurch dazu wurde, dass ich es mit den wichtigsten Menschen in meinem Leben teilte.

„Mama, Mama, Mama“, tönte eine ungeduldige Stimme hinter mir, „Können wir jetzt endlich gehen?“ So dass ich mich umwandte, automatisch in die Knie ging, um dem kleinen Mann auf Augenhöhe zu begegnen.

„Ich habe es Euch versprochen, und das halte ich auch“, sagte ich, in der Hoffnung, dass er sich ein wenig mehr gedulden könnte.

„Aber das sagst Du schon die ganze Zeit. Können wir jetzt bitte endlich gehen?“, blieb er hartnäckig. Auch das eine Eigenschaft, die ihn auszeichnete.

„Ich sagte aber auch“, entgegnete ich, „dass ich noch ein bisschen was in der Küche machen muss, aber wenn ich fertig bin, dann gehen wir gleich.“ Immer wieder vertröstete ich sie, immer wieder musste ich sie vertrösten, wie ich meinte. Musste ich wirklich? Hätte ich das nicht auch später machen können? Und als er sich dann abwandte, da gab es mir einen Stich ins Herz, mehr als wenn er weiter insistiert hätte. Wie oft hatte ich sie schon enttäuscht, meine Kinder? Wie oft würde ich sie noch enttäuschen, weil angeblich irgendetwas anderes wichtiger war, weil es unausweichlich und unaufschiebbar war? Wieviel von dem war es tatsächlich? Aber ich dachte es müsste so sein, weil es so sein müsste. Einen Moment lang sah ich ihm hinterher. Er schien ein wenig unentschlossen was er nun tun sollte, während er wartete. Da kam mir endlich die Idee.

„Was wäre, wenn ihr in der Zwischenzeit schaut ob alles da ist, Hauben und Handschuhe und was wir sonst noch so brauchen“, versuchte ich die Zeit zu überbrücken. Da drehte er sich freudestrahlend zu mir. Er hatte sofort verstanden, ich übertrug ihnen die Verantwortung für das Gelingen unseres Unternehmens. Auch wenn er es mit seinen fünf Jahren wohl nicht so ausgedrückt hätte, aber er wusste, was ich ihnen auftrug, das war wichtig.

„Oh ja, das machen wir“, erklärte er und rief seine Schwester. Dann hörte ich sie im Vorzimmer werkeln, beratschlagen und eifrig suchen. Wenige Minuten später, gerade als ich das Geschirrtuch nach getaner Arbeit aufhängte, kamen sie beide in die Küche gelaufen.

„Es ist alles da, Mama“, erklärte mir nun meine Tochter. Sie war sichtlich stolz auf ihre Leistung.

„Na dann wollen wir uns mal anziehen gehen“, erwiderte ich, während ich den Rucksack mit der Thermoskanne und ihren Lieblingskeksen schnappte, um mit ihnen ins Vorzimmer zu gehen, wo tatsächlich, feinsäuberlich geordnet, drei Paar Handschuhe, drei Hauben, Schihosen und Jacken lagen, und ich konnte nicht umhin festzustellen, „Das habt ihr wirklich toll gemacht.“ In Windeseile schlüpften wir in das Gewand und traten hinaus in den strahlenden Sonnenschein, der aber nichts daran änderte, dass eine klirrende Kälte herrschte. Wir schnappten uns die Teller zum Rutschen und gingen zum Rodelhügel.

„Darf ich mit Euch mitkommen?“, tönte es aus einem Garten, an dem wir vorbeigingen. Es war ein Junge aus dem Kindergarten und der beste Freund meines Sohnes.

„Wenn Deine Mama einverstanden ist, klar“, antwortete ich. Und nach einigem Hin und Her und mindestens zehn Zusicherungen, dass wir einerseits aufpassen würden und er uns andererseits keine Last wäre, stapften wir weiter. Bis wir beim Rodelhügel ankamen, hatte ich sechs Kinder mit. Es war schön, denn so würde es allen mehr Spaß machen. Warum ich offenbar die einzige war, die Zeit hatte zum Rodelhügel zu gehen, darüber machte ich mir damals keine Gedanken. Auch weil ich keine Zeit hatte. Schließlich hatte ich die kleine Rasselbande zu beaufsichtigen. Dabei gibt es nichts Einfacheres als Kinder unter dem wachsamen Auge zu behalten, als wenn sie Spaß haben, und den hatten sie. Mit Rodeln und Schneeballschlacht und Schneemann bauen und allem anderen, was den Schnee so schön macht, verbrachten wir die Zeit, bis es dämmerte. Dazwischen wurde der Tee geteilt und auch die Kekse. Ich war umgeben von glücklichen Kindern. Ihre Wangen glühten vor Aufregung und Freude. Allzu schnell war es, dass wir wieder den Heimweg antreten mussten. Die Zeit war wie im Flug vergangen. Lange noch redeten wir über diesen Nachmittag. Erschöpft, aber glücklich gingen meine Kinder an diesem Abend ins Bett. Und nicht nur sie.

 

„Tollt den ganzen Nachmittag im Schnee herum. Wie ein Kind.“

„Mein Sohn war völlig erschöpft. Hoffentlich hat er sich da nichts geholt. Er ist ja so empfindlich.“

„Meiner ist schon wieder verkühlt. Das ist, weil sie ihn so herumtoben hat lassen. Er war ja völlig verschwitzt.“

„Und über und über voller Schnee. Das kann doch nicht gesund sein.“

„Ich hätte das nie und nimmer erlauben dürfen. Das ist doch völlig verantwortungslos.“

„Meine Tochter meint jetzt, das könnte dauernd so gehen. Das soll ein Vorbild sein.“

„Das ist, weil die sonst nichts zu tun hat. Und jetzt lässt sie uns schlecht dastehen. Vor unseren Kindern.“

All das wurde über mich gesagt, nach dem legendären Rodelnachmittag. Offenbar hatten auch die anderen Kinder alles ganz genau erzählt. All das kam mir zu Ohren. Es wurde mir nicht direkt gesagt, sondern hinterbracht. Von wohlmeinenden Menschen, wie es so üblich ist, gerade in einem kleinen Dorf. Es gab nicht viel zu berichten, weil nicht viel geschah. Deshalb musste man diese Gelegenheiten nutzen. Was da so geredet würde über mich. Weil ich auch Bescheid wissen sollte. Und ich hatte gedacht, es wäre schön. Freude. Glück. Bewegung. Frische Luft. Ich hatte mich geirrt. Als wir das nächste Mal mit unseren Rodelutensilien zum Hügel stapften, hatten die Kinder, die mit uns mitgewesen waren ganz plötzlich etwas anderes vor. Eine Mutter, die uns wohl schon von Weitem kommen sah, sprintete aus dem Haus, schnappte sich ihren Sohn und zog ihn mit ins Haus. Sein Gezeter war weithin zu hören. Es war schade. Ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, vor allem wegen der Kinder, doch ich fragte mich inwieweit sie verstanden, Bescheid wussten. Natürlich fragten sie mich warum wir nicht wieder gemeinsam gingen. Warum, ja warum? Was sollte ich sagen? Natürlich die Wahrheit. Aber was war das für eine Wahrheit? Ich beließ es dabei ihnen zu versichern, dass wir auch zu dritt Spaß haben würden, und das war auch so. Auch wenn es nicht das gleiche war. Seltsam nur, dass meine Kinder so gut wie nie krank waren, auch wenn wir jeden Tag an der frischen Luft waren, bei jedem Wetter und herumtollten. Seltsam nur, dass sich meine Kinder so gut wie nicht verletzten, auch wenn sie auf Bäume kletterten und auf Hügel, mit dem Fahrrad fuhren und den Rollern. Seltsam nur, dass die Kinder ständig kränklich zu sein schienen, die so sehr rundum behütet waren.

 

Wie viele ungebaute Schneemänner, unaufgehäufte Sprungschanzen und unerrichtete Schneeburgen es wohl gab? Wahrscheinlich mehr als gebaute, und als ich da so stand und auf die beschneiten Hügel sah, da ergriff mich eine ungeheure Sehnsucht nach diesen Tagen der Unbeschwertheit und des gemeinsamen Glücks. Ein Hauch von Melancholie nahm mich plötzlich ein und ich wünschte, es wäre noch wie damals, um gleichzeitig zu wünschen, es wäre heute. Es war anstrengend gewesen, alles unter einen Hut zu bringen, anstrengend allen und allem so gut wie möglich gerecht zu werden, aber es war mir gelungen. Es tat gut, auch gut, daran zu denken.

 

Viel Zeit war seither vergangen. Die Kinder waren inzwischen groß und hatten kein Interesse mehr an derartigen Aktivitäten, aber was blieb, war die Erinnerung an diese gemeinsamen Zeiten. Wenn wir nun zusammensaßen, dann dachten wir daran. Es tat gut. Was bleibt, das sind die gemeinsamen Erlebnisse. Auch an Weihnachten. Wenn man schon längst nicht mehr weiß, was man geschenkt bekam, so blieben gemeinsame Spiele im Gedächtnis. Kakao trinken beim Kamin. Den Christbaum schmücken. Die Kerzen anzuzünden. Geschichten zu lesen. Geschichten zu erzählen. Zu Kuscheln. Gemeinsam Leben ist gelungenes, von Liebe getragenes Leben, und eine Spur des Sinnes von Weihnachten.

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