Abschied von der Zivilisation

Ich genehmige mir vor meinem Abschied von der Zivilisation noch ein letztes Bad. Heißes Wasser. Und Kieran Halpin singt „Farewell to pride“. Eine guter Weg Abschied zu nehmen. Denn mit dem Stolz wird es nicht mehr weit her sein, wenn die Natur mir in jedem Moment beweist, wer stärker ist, mich auf meinen Platz mit aller Deutlichkeit verweist. Abschied vom Stolz und der Überheblichkeit, die sich umso leichter einschleicht, desto sicherer ich mich fühle. Umgeben von stabilen Mauern. Im Warmen. Im Trockenen. Mit dem Kühlschrank in der Küche und dem Geschäft um die nächste Ecke. Dort, wo es hingeht, da muss ich mir erst einen Platz suchen, muss mich mit dem begnügen, was ich mitgenommen habe und all das auch selbst tragen. Es gilt genau zu überlegen, was wirklich notwendig ist und was nicht, was ich wirklich brauche und was nicht. Aber was ist wirklich notwendig?

Hier, in der Zivilisation, in meinem normalen Leben, da gibt es so viele Dinge, die sich mit aller Selbstverständlichkeit wiederholen. Tag für Tag. Ich stehe auf und tapse in die Küche. Ein Druck auf den Knopf und die Kaffeemaschine ist eingeschaltet, weil Strom da ist und Wasser. Und während das dunkle Gebräu in die Tasse rinnt, gehe ich zur Toilette. Zumeist. Morgenspaziergang mit den Hunden. Ein wenig Bewegung. Ein wenig Natur. Ich werde ja nach einer Stunde wieder zurück sein. Nachrichten durchsehen, beantworten, schreiben, arbeiten. Wenn sich der Hunger meldet, gehe ich zum Kühlschrank und schau mal was sich da findet. Sollte sich nichts finden, dann fahre ich schnell einmal einkaufen. So geht der Tag dahin. Wenn ich mich schmutzig fühle, dusche ich oder bade, je nach Laune. All das ist so selbstverständlich, als gäbe es keine andere Möglichkeit.

 

Doch ab morgen, da lasse ich all die Selbstverständlichkeiten hinter mir. Es wird keinen Strom geben und kein fließendes Wasser, keine Toilette und kein Bad, keinen Kühlschrank und keinen Supermarkt nebenan. Ich werde Deine Anrufe nicht annehmen, Deine E-Mails nicht beantworten. Auch nichts posten in den sozialen Medien. Ich werde weder online noch offline verfügbar sein. Ich werde einfach weg sein, und ein bisschen wirkt das in der heutigen Zeit, in der eine Nachricht, die vor einem Tag das Licht der Welt erblickte, schon als veraltet gilt, als wäre ich wie ausgelöscht. Als würde es mich gar nicht mehr geben. Und ein wenig fühlt es sich auch so an. Nicht da, nicht präsent sein, hat etwas von tot sein.

 

Aber neben all dem was ich zurücklasse, was mich in seiner Abhängigkeit hält, wird etwas anderes durchbrechen, etwas, was ich wohl seit langem nicht mehr gespürt habe, weil es nicht möglich war durch all die Annehmlichkeiten. Ich werde erfahren wie es ist sich den Gegebenheiten, die das Wetter und die Natur mit sich bringen, anzupassen und mich einzustellen, weil ich sie im wahrsten Sinne des Wortes hautnah erlebe. Das Wetter in all seiner Unerbittlichkeit, den Wind und die Kälte, die Nässe und den Frost. Aber ich werde auch jeden kleinen Sonnenstrahl auffangen und das Glitzern im Schnee beobachten, werde meinen Körper spüren, wie er seine Kräfte bündelt und einbringt. Wahrscheinlich werde ich über mich selbst überrascht sein, wie viel davon brachlag und nur darauf wartete genutzt zu werden. Verschwendete Ressourcen. Geopfert der Bequemlichkeit. Ich werde mich spüren, meinen Herzschlag, meinen Atem und meine Beweglichkeit. Ausgeliefert, aber auch eine fast grenzenlose Freiheit. Wasser, Essen und einen Schutzraum. Eigentlich alles was man braucht.

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