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Life is too short for boring stories

The empty store

15. Du hast Dich mir vertraut gemacht

 

Lilith hatte bereits zwei Tassen Tee getrunken, an diesem Morgen. Dazwischen hatte sie Besorgungen gemacht. Was man so braucht, für den ganz normalen Alltag. Ein Teil des Tages ist immer noch Alltag, selbst im Advent. Selbst wenn man etwas erwartet. Und Lilith erwartete definitiv etwas. Oder besser jemanden. Jeden Tag war er gekommen, seit jener Begegnung. Und wie lange war das jetzt her? Zwei Wochen ungefähr. Keinen Tag hatte er ausgelassen. Selbst beim schlechtesten Wetter. Es war wie ein Rhythmus. Ein Herzschlag geworden. Sie hatte sich gewöhnt. Zwei Tassen deckte sie auf. Normalerweise kam er ungefähr zu der Zeit, da der Tee fertig war. Nie hatten sie etwas ausgemacht. Doch es war so. Sie hatte sich gewöhnt, und meinte, es wäre immer schon gewesen. Zu denken, es waren doch bloß zwei Wochen. Aber sie hatte sich gewöhnt. Natürlich, ja, es war nichts ausgemacht. Niemals konnte man sicher sein. Es kann über Wochen so gehen, und dann ist es eben anders. Er hat wohl etwas Anderes zu tun. Oder gar nichts. Oder er kommt einfach nicht. Es bedarf keiner Erklärung. Aber was hatte sie falsch gemacht? Und sie musste etwas falsch gemacht haben, denn sonst würde er nicht einfach so wegbleiben, gerade heute, einfach so. Sie konnte sich jedoch beim besten Willen nicht entsinnen was das gewesen sein konnte.

In ihren Gedanken ging sie zurück zum letzten Tag. Alles war wie immer gewesen – wie immer. Sie hatten sich am Abend ganz normal voneinander verabschiedet. Doch dann rief sie sich zur Ordnung, redete sich ein, dass das ja nicht so wichtig wäre. Das Leben ginge weiter, und was es da sonst noch so an hübschen und auch weniger hübschen Phrasen gab. Und wenn sie jetzt wegginge, und er käme in der Zwischenzeit, dann wäre sie nicht da. Aber das spielte doch keine Rolle, denn sie hatten sich schließlich nichts ausgemacht. Dann hätte er eben Pech. Er brauchte sich nicht einzubilden, dass sie nichts Anderes zu tun hätte, als hier zu sitzen und auf ihn zu warten. Er brauchte nicht zu denken, dass sie darauf angewiesen wäre. Dennoch beeilte sie sich mit den Besorgungen. Mit pochendem Herzen kehrte sie zurück, doch immer noch keine Spur von ihm. Sie hätte die Besorgungen auch später erledigen können. Jetzt hatte sie ihn sicher verpasst. Und er würde nie wiederkommen. Unruhe bemächtigte sich ihrer. Alles hatte sie verloren, alle hatten sie verlassen. Vielleicht war das auch einfach ihr Schicksal, verlassen zu werden. Es wäre höchste Zeit, dass sie sich damit abfände. Je schneller sie die Wahrheit akzeptieren würde, desto schneller wäre auch der Schmerz vorbei. Und doch, er hatte keinen Grund. Aber braucht es denn einen Grund? Es war eben so, dass sie immer die war und bleiben würde, die verlassen wird. Tatsachen muss man so sehen wie sie sind. Schonungslos, auch sich selbst gegenüber. Es gab eben niemanden, der es länger mit ihr aushielt. So sehr sie sich auch wünschte, es wäre anders. Hätte es nicht zumindest bis Weihnachten so bleiben können? Aber wozu, ist doch ganz egal ob vor Weihnachten oder danach. Es wäre sowieso passiert. So eben jetzt. Gleich gut wie jeder andere Tag.

 

Und nachdem es nun einmal so war wie es war, nachdem sie sich klargemacht hatte, dass er nie wiederkommen würde, sollte es doch möglich sein, einfach so zum Alltag zurückzukehren. Dann würde es am schnellsten vorbeigehen. Waren doch nur zwei Wochen. Nichts weiter. Da brauchte sie doch nicht so einen Wind darum machen. Bloß zwei Wochen. Aber, und auch das gestand sie sich ein, sie hatte sich schon wieder verführen lassen zu glauben, dass es eine Freude geben könnte, die andauert. Zwei Tassen am Tisch. Jeden Morgen. Ein Miteinander. Jeden Morgen. Einfach so, in aller Beschaulichkeit. Einfach zu wissen, dass es gut ist, gut zusammen zu sein. Eigentlich hatte sie sich eingebildet, dass es ihm genauso ging wie ihr, dass es auch ihm guttat. Sie war mal wieder reingefallen, in eine der offensichtlichsten Fallen im Leben. Hatte sie doch tatsächlich angenommen, dass es ihm auch so gehen müsse wie ihr. Wortlos hatte sie ihre Freude und ihre Wünsche in ihn projiziert. Wortlos war sie davon ausgegangen, dass ihre Freude und ihre Wünsche auch die seinen wären. Das musste sie jetzt büßen. Wer auf seine eigenen Erfahrungen nicht hört, der muss es eben fühlen. Und trotz allem fand sie nicht zur Ruhe, trotz aller vernünftiger Argumentation. Da war ein Teil in ihr, trotzig wie ein kleines Kind, das nicht einsehen wollte, dass es eben so war wie es war. Aber auch der Teil würde sich wieder beruhigen. Es würde auch gar nichts anderes übrig bleiben.

 

Rastlos rannte Lilith hin und her. Kramte da herum. Dann wieder dort. Begann das eine, legte es wieder zur Seite, begann das andere, um es ebenso gleich wieder aufzugeben. Nun gut, es würde eben seine Zeit brauchen. Wie konnte es nur passieren, dass man sich so auf einen Menschen einließe, ohne dass da je irgendetwas Besonderes gewesen wäre, dass ihr Anlass zu all den Gedanken gegeben hätte? Vor allem, wenn man so erwachsen und vernünftig war wie sie.

 

Die zweite Tasse Tee war geleert, und es ging schon auf die Mittagszeit zu. Lilith war gerade in der Küche beschäftigt. Sehr beschäftigt, denn ihre Gedanken wollten sich einfach nicht dazu bewegen lassen zu bleiben. Immer liefen sie davon, und immer in dieselbe Richtung. Dann musste sie sie mühsam heimtreiben, um sich auf das zu konzentrieren, was sie eigentlich tun wollte. Doch wenn sie nur einen Moment nicht achtgab, rannten sie auch schon wieder davon, und alles begann wieder von vorne. Und es war gerade in einem dieser Momente, da sie wieder mit Einfangen beschäftigt war, als das Klingeln von der Türe erscholl, das anzeigte, dass jemand das Geschäft betrat, und sie ließ alles fahren. Die Gedanken sollten rennen wohin sie wollten, der Topf sollte sehen wo er bliebe. Das tat er auch, denn er fiel krachend zu Boden. Sie nahm es nicht wahr, denn sie lief zur Türe, und es war tatsächlich er. Alle trüben Gedanken, alle Traurigkeit, alles war wie weggeblasen, als hätte es das gar nicht gegeben, als sie ihm um den Hals fiel.

 

„Ich dachte, Du würdest nie wieder kommen“, sagte Lilith, leise, ganz leise. Er hörte es.

„Warum sollte ich denn nicht wiederkommen? Warum sollte ich mir das Beste nehmen, was ich im Augenblick im Leben habe?“, fragte Ruben, während seine Hand über ihren Kopf strich.

„Ich dachte, weil, ich meinte, weil …“, weiter kam Lilith nicht.

„Du solltest nicht so viel denken und mehr glauben“, erklärte er sacht, „Glauben, Vertrauen auf das Leben und auf Dich und auf die Stimme in Dir und die Menschen um Dich.“

„Aber ich habe schon geglaubt und vertraut …“, begann sie, aber sie musste nicht zu Ende sprechen.

„Aber wenn Du den Glauben verlierst, dann hast Du alles verloren“, erklärte er, „Ich glaube an das, was ich in Deinen Augen gelesen habe, was mir Deine Berührung sagt, ich glaube an Dich.“

 

Und weil es nichts weiter zu sagen gab, nur anzunehmen, fand sich an diesem Abend ein kleiner Ring in der Auslage, denn ohne Anfang und Ende, ist alles Anfang und Ende.

2 Gedanken zu “Das leere Geschäft (Teil 15)

  1. eatclean2017 sagt:

    wunderschön…

    1. novels4utoo sagt:

      Danke!

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