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Life is too short for boring stories

The empty store

14. Hab acht!

 

„Jetzt hätte mich der doch beinahe überfahren!“, polterte Rebekka in ihrer ungestümen Art los.

 

Es war bereits finster, als sie das leere Geschäft betrat. Offenbar hatte sie einen anstrengenden Tag gehabt, denn sie sah müde und abgekämpft aus, auch wenn das ihrer Lebendigkeit keinen Abbruch zu tun schien. Vielleicht war doch Lebendigkeit das falsche Wort, und damit der falsche Zugang zu ihrer eigentlichen Befindlichkeit. Rastlosigkeit traf es wohl besser. Sie wirkte wie jemand, der ständig in Bewegung war und eigentlich zur Ruhe finden wollte, ein wenig zumindest, es aber nicht schaffte. Sie blieb gefangen in der Bewegung, die sie einmal begonnen hatte. Wohl mit gutem Grund begonnen hatte. Doch der Grund war weggefallen. Aber die Bewegung war geblieben. Als hätte sie keine Wahl. Als hätte sie jemand aufgezogen und nun wurde das Programm unerbittlich abgespult.

„Schlecht siehst Du aus“, sagte Lilith, als sie das hibbelige Mädchen genau betrachtete, das durch den Raum strich, wie ein Panther in seinem Käfig.

„Vielen Dank!“, erwiderte Rebekka gereizt, „Das war genau das, was ich jetzt gebraucht habe. Da glaubt man, man kommt an einen Ort, an dem einen die Menschen mögen, und das erste, was man zu hören bekommt ist, dass man Scheiße aussieht!“

„Das habe ich nicht gesagt“, widersprach Lilith entschieden, „Ich habe gesagt, dass Du schlecht aussiehst, abgekämpft und müde. Du hast abgenommen und kannst nicht still sitzen. Und gerade weil Du mir wichtig bist, muss ich Dir das sagen.“

„Klar, als wenn ich das nicht selber wüsste“, erklärte Rebekka. Aber sie hatte sich mittlerweile hingesetzt, an ihrem Tee genippt und sich nebenbei drei Kekse in den Mund geschoben, die sie mit ungebremster Gier verschlang. Immerhin.

„Kann es nicht sein, dass Du beinahe überfahren wurdest, weil Du nicht aufgepasst hast?“, warf nun Ruben ein.

„Kann es nicht sein, dass Du Dich viel zu sehr treiben lässt?“, mischte sich nun auch noch Samuel ein, der bereits den ganzen Nachmittag mit Lilith und Ruben verbracht hatte. Weil es angenehm war hier die Hausaufgaben zu machen, zu lernen. Niemand störte ihn, und doch war er nicht allein.

„Ja, geht ihr jetzt alle auf mich los!“, reagierte Rebekka schroff. Allerdings wurde die Schroffheit etwas abgemildert, weil sie es nicht rechtzeitig geschafft hatte den letzten Keks hinunterzuschlingen und die Erwiderung sofort herausmusste.

„Es geht niemand auf Dich los, Kindchen“, versuchte Lilith das Mädchen zu beruhigen.

„Kindchen? Hast Du eben Kindchen zu mir gesagt?“, fragte Rebekka, nun wirklich schroff, denn da war gerade kein Keks in ihrem Mund, der als Stoßdämpfer fungiert hätte, „Ich bin kein Kindchen, ich weiß genau was ich tue.“

„Du bist Dir sicher, dass Du das weißt?“, fragte Samuel, und das Lächeln, das er dabei zur Schau stellte, brachte Rebekka noch mehr auf die Palme.

„Als wenn Du das so genau wüsstest“, blaffte sie ihn ungebremst an.

„Eh nicht“, gab Samuel zu, „Aber im Gegensatz zu Dir behaupte ich das auch erst gar nicht.

„Feigling!“, entfuhr es Rebekka unvermittelt.

„Nein, das hat mit Feigheit nichts zu tun, sondern mit dem, was man sich zutrauen kann und soll und dem, was man sich zugutetun kann und soll“, erklärte Ruben ruhig.

„Es ist gut, wenn Du Dir was zutraust“, meinte Lilith, „Gut, wenn Du tätig bist und Spaß daran hast, wenn Du all Deine Kraft darauf bündelst und Dich mit all Deiner jugendlichen Leidenschaft einbringst.“

„Als wenn die Leidenschaft nur auf die Jugend beschränkt wäre“, murrte Ruben dazwischen, und es war eine kleine Kränkung aus seinen Worten zu hören, doch darum konnte sich Lilith nun nicht kümmern, um einen alten Mann und seine kleinen Kränkungen, zumal sie wusste, dass der sich sehr gut selbst darum kümmern konnte.

„Ja, genau, gut ist das!“, bestätigte Rebekka, die den Einwurf noch nicht einmal gehört zu haben schien, „Und deshalb mache ich es auch genauso.“

„Gut ist es, wenn man das kann, wenn man etwas hat, das diesen Einsatz wert ist“, sagte Lilith, „Das ist auch völlig in Ordnung. Es ist schön so etwas in seinem Leben zu haben und einfach machen zu können. Es ist ein Quell der Freude und der Motivation. Man geht schlafen mit der Freude auf den nächsten Tag. Man steht in der Früh auf, brennend auf all das, was man an diesem Tag geben kann. Auf das, wo man sich selbst einbringen kann.“

„Genau das ist es“, bestätigte Rebekka freimütig, „Ich habe auch eine halbe Ewigkeit danach gesucht, und jetzt, da ich es endlich gefunden habe, jetzt bekomme ich gesagt, dass ich mich einbremsen soll. Also das ist doch eine ziemlich verquere Logik!“

„Du bist wie ein sprudelnder Quell, voller Tatendrang und Engagement“, sagte Lilith anerkennend, „Du schöpfst aus dem Vollem, als würde dieser Quell nie versiegen, als würde für immer Wasser aus ihm sprudeln.“

„Das wird auch so sein!“, erklärte Rebekka, im Brustton der Überzeugung, „Für immer und ewig!“

„Und woraus speist sich dieser Quell, dass er Wasser geben kann?“, warf Lilith nun ein, was Rebekkas Überschwang doch einen kleinen Dämpfer gab.

„Wie meinst Du das?“, fragte Rebekka nach.

„Wenn Du aus diesem Quell schöpfst, der aus Dir kommt, dann mag der wohl am Anfang sprudeln“, erklärte Lilith, „Doch nach und nach wird es weniger werden, denn Du hast ein gewisses Reservoir in Dir, aber auch das wird sich erschöpfen, wenn Du nie etwas nachfüllst und immer nur entnimmst. Und wenn es erschöpft ist, und Du machst immer noch weiter, dann wird Dein gesamtes Potential bald abgebaut sein. Du gräbst Deine Substanz ab. Du kannst nicht immer nur aus einem Glas trinken, Du musst auch was nachschenken, damit Du daraus trinken kannst.“

„Das mag ja bei einem Glas recht einfach sein“, erwiderte Rebekka, „Aber ich bin nun mal kein Glas.“

„Dabei ist es mindestens genauso einfach“, sagte Lilith zugewandt, „Wenn Du Deine Kraft und Dein Engagement einbringst, dann musst Du auch dafür sorgen, dass Du wieder Kraft tankst, dass Du zur Ruhe kommst und gut zu Dir bist.“

„Gib acht auf Dich selbst und pass auf Dich auf“, fasste Samuel zusammen.

„Achtsamkeit und Wertschätzung Dir selbst und Deinen Bedürfnissen gegenüber, das ist Dein Geschenk an Dich“, fügte Ruben hinzu, „Das beste, das Du Dir machen kannst.“

 

Und an diesem Abend fand sich nichts weiter in der Auslage, aber ein Schaukelstuhl wurde neben den Kamin gestellt, sich zu verlieren im Gewiegt-werden, wie dereinst im Arm der Mutter, zur Ruhe zu kommen und sich auf die eigenen Bedürfnisse zu besinnen, sich Achtsamkeit und Wertschätzung zu schenken.

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