Beim Bauern stehen die Kühe im Stall. Er liebt sie wie seine Kinder. In Anbindehaltung sind sie. Ohne Hörner. Aber es sind nur wenige. Die Babies kommen in Kälberiglus. Die stehen hinter dem Stall. Dort, wo sie niemand sieht. Die Menschen verstehen das nicht. Sie sind immer so entrüstet. Die Babies sollen bei ihren Müttern sein. Aber nur, wenn sie nicht die Milch trinken. Wenn sie es doch tun, dann müssen sie weg. Auf lange Fahrt. Sie tun es immer, die Kälber. Es ist ihnen nicht beizubringen, es zu lassen. Die Oma sieht es nicht. Deshalb macht es ihr nichts. Manchmal schreien die Kühe. Sie sind Mütter. So wie die Menschenfrau, die Fritzchen geboren hat. Aber es sind eben Kuhmütter. Das ist etwas anderes. Da braucht man sich keine Gedanken zu machen. Die Kühe hören auch wieder auf. Zu schreien. Dann kann man sie wieder schwängern.
Schwein, Kuh, Stute, überall wird geschwängert. Nur zu schade, dass es am Ende der Schwangerschaft immer ein Baby gibt. Ein Ferkel, ein Kalb, ein Fohlen. Schwangerschaft ohne Baby wäre am besten. Aber es geht nicht. Aber es ist leicht so ein Baby zu entsorgen. Erschlagen. Oder verkaufen. Oder ein frühzeitiger Abort. Da stirbt es von selbst. Man muss es nur liegenlassen. Nur bei dem Ferkelchen ist es anders. Das bringt immerhin noch Fleisch. Darüber freut sich Fritzelchens Mama. Vor allem, wie der Kleine dadurch gedeiht. Eigentlich aufgeht. Wie ein Hefeteig. Beim Hefeteig gehört es. Fritzelchens sollten es nicht. Es ist nicht gesund. Macht nichts. Die Oma ist auch angetan.
Es gibt etwas, was sie mit ihm gemein hat. Außer die Genetik. Auch für die Oma werden Stuten geschwängert und ausgebeutet. Auch nicht bei uns. In Kanada. Oder in China. Das geht uns nichts an. Und dem Hormonpräparat, das daraus hergestellt wird und bei uns verkauft wird, dem sieht man es nicht an. Sauber verpackt. Kleine Tabletten. Trächtige Stuten erzeugen Östrogen. Sie stehen dicht an dicht. Dürfen sich nicht bewegen. Sonst verrutscht das Gefäß, das den Urin auffängt. Konzentrierter Urin. Sie trinken wenig. Sie bekommen wenig zu trinken. Sonst wird der Urin verwässert. Die Ausbeute kleiner. Die Fohlen dürfen zur Welt kommen. Das Hormon wird auch bis zum Ende der Schwangerschaft produziert. Dann steht man da, mit einer Stute, die keine Hormone mehr hat, also nicht die gewollten. Das Fohlen ist auch da. Weg damit. Zur Schlachtung. Und die Prozedur beginnt von vorne.
Ein paar Jahre lang überleben die Mütter. Dann sind sie ausgelaugt. Dann hat sie genügend eingebracht, dass es nicht stört. Es kommt eine neue, die ihren Platz einnimmt. Sie werden weggeschmissen wie eine ausgedrückte Zahnpastatube. Weggeworfen. Ersetzt. Aber die Oma braucht das. Wegen dem Wechsel. Deshalb ist sie Oma. Sie bekommt keine Kinder mehr. Sie begnügt sich mit dem Fritzchen. Oder anderen noch möglichen Nachkommen einer anderen Frau. Sie ist Stellvertreterin. Selbst nicht mehr Frau. Der Abschied wird ihr nicht leichtgemacht. Sie verliert die Libido. Trocknet aus. Nicht mehr vollständig. Alt. Verbraucht. Das Fleisch wird faltig. Die Lust vergeht. Es kann nicht hingenommen werden.
Auch dafür müssen Stuten herhalten, trächtige Stuten. Nein, auch nicht bei uns. In Kanada. In China. Dauerhaft schwanger gehalten. Östrogen ist konzentriert in ihrem Urin. Still müssen sie stehen. Sonst wird es verschüttet. Der Schlauch schabt am Fleisch. Scheuert wund. Das Fohlen als Fehlprodukt. Es wird entsorgt. Um sofort wieder schwanger zu werden. Körper bereiten sich vor. Auf die Geburt. Auf ein Baby. Das frühzeitig entfernt wird. Oder gleich nach der Niederkunft verschwindet. Für den reibungslosen Ablauf im Stall. Für die Überwindung der Unpässlichkeiten westlicher Frauen. Für den Spaß am Leben. Es ist wichtig, sich begehrt zu fühlen. Ein erfülltes Sexualleben. Ausgeglichen durch die Produkte, die der verachteten, entstellten Kreatur abgepresst werden. So geht es der Oma besser. Die Hitzewallungen fallen aus. Die Stabilität ist da. Die Koketterie mit der Unvergänglichkeit der Jugend wird forciert. Der frische Liebhaber bestätigt, dass sie immer noch eine Frau ist. Ein vollwertiges Weib. Im Sinnlichen. Im Fleischlichen.
Fritzelchens süße Schwabbelringe. Mutters gepuschte Brüste. Omas straffer Altweiberleib. Der Stuten ausrangierte, ausgezehrte Körper. Der Schweinemütter lebendiger Milchmaschinenkörper. Der Schweinekinder bebeinte Extrawurstfabrik. Alle im Zyklus des Reproduzierens des Fleischlichen gefangen gehalten.
Fritzelchen erfreut sich an der Milch der fremden Mutter. Auch am Fleisch des toten Kindes einer anderen Mutter. Fritzelchens Mutter erfreut sich an der Stattlichkeit ihres Sohnes. Während sie sich nicht darum kümmert welchem Kind sie die Muttermilch entwendet. Welcher Mutter sie das Kind wegnimmt. Geboren, um zu sterben. Sie erfeut sich ihrer staatlichen Brüste, ihrer Libido und dem Gefallen des Mannes. Zurecht geritten abseits eines Mutterseins. Die Liebhaberin mit den fleischlichen Vorzügen.
Fritzelchens Vater erfreut sich der als feminin gestalteten Fleischanhäufung. Dem Schönheitsideal der Zeit entsprechend optimiert. Fritzelchens Oma erfreut sich ihres Enkelsohnes. Ohne Gedanken an den Enkeln entfremdete Großmütter. Und an ihrer wiedererwachten Libido. Die Bestätigung findet in den Armen eines jungen Gigolos. Ihr Wohlbefinden gründend auf der Gefangenschaft anderer Mütter.
Pferdemütter in Misshandlung.
Schweinemütter in Ausnutzbarkeit.
Kuhmütter in Verwertbarkeit.
Abgetriebene Pferdekinder.
Verwertete Schweinekinder.
Entsorgte Kuhkinder.
Zusammengepfercht im Stall. Jeglicher Lebensäußerung beraubt. Auf Notwendigkeit reduziert. Brauchbarkeit. Kapitalisierbarkeit. Hineingestopft in den Transporter. Ein Blick auf den Himmel. Eigentlich zwei. Einer beim Einsteigen. Einer beim Aussteigen. Hineingetrieben in das Gebäude des Mordens. Mit Stöcken geschlagen. Mit Elektroschockern terrorisiert. Und mitten im Töten, auf dem blutbeschmierten Boden, dem überall präsenten Sterben wird der Koitus zum Mittel der Betäubung. Die interagierenden Körper als lebender Gebrauchsgegenstand zum Abreagieren des eigenen Versagens. Ablenkungskörper. Um nicht mehr daran zu denken, an die Schweine, die hinter der Tür verzweifelt um ihr Leben ringen. An die Kühe, die um ihre entwendeten Babies trauern. An die Stuten, deren Gebärmütter für die Hormonproduktion gefüllt und ebenso wieder entleert werden.
Fritzelchen trinkt die Milch eines anderen Babies. Er isst das Fleisch eines fremden Kindes. Er legt an Gewicht zu und wächst hurtig für sich hin, in eine Zukunft, die der Fleischkonsum zerstört. Davon weiß er nichts. Das stört niemanden. Unbehelligt ist er vom Leid, umsorgt, behütet von einer Mutter, die bei ihm ist und deren fleischliche Reize den Mann dazu bringt, sich ebenfalls um den von ihm gezeugten Nachwuchs zu kümmern. Auch wegen dem Braten, den sie kocht und den Käse, den sie auftischt. Und der unbesorgten Oma, die sich wieder jung fühlen darf. Oder so wahrgenommen wird.

