Zum „Internationalen Tag des Bärenschutzes“
Abseits aller Zivilisation. Nur mit dem Nötigsten ausgerüstet, um zu übernachten, zu essen. Nichts weiter. Wasser schöpften wir aus dem Bach. Glasklar und kalt und belebend war es. Von den Bergen herab kam es. Ich könnte nicht sagen, dass mir etwas abging. Alleine wäre es etwas anderes gewesen, aber in einer Gruppe. Es gibt immer etwas zu erzählen. Wozu man sich sonst nicht die Zeit nimmt. Menschen, die man so lange und eigentlich auch gut kennt. Dennoch weiß man so vieles nicht. Es fehlt an den richtigen Momenten. Zumindest an den Orten, an denen man eingespannt ist zwischen Verpflichtungen. Man bespricht gerade mal das Notwendigste. Hier hat man Zeit. Gedanken strömen. Man unterbricht sie nicht. Es besteht kein Grund, dass sie zielgerichtet sein müssen. Hier in den rumänischen Karpaten hat man die Muse und die Zeit.
Jeden Tag frühstückten wir. In Ruhe. Dann zogen wir los, die Gegend zu erkunden. Abseits der Wege, den Berg hinauf, wieder hinunter zum Lagerplatz. Wölfe sollte es in der Gegend geben. Wir sahen bei dieser Reise keine. Aber wir hörten sie. Wenn wir am Abend am Lagerfeuer saßen. Wir entdeckten ihre Hinterlassenschaften. Sie haben uns nicht überfallen. Wölfe brauchen den Menschen nicht. Aber die Natur schon.
Am letzten Tag standen wir auf einer kleinen Lichtung und dachten, wie schön es wäre, jetzt noch einem Tier zu begegnen, das es bei uns nicht gibt. Und da kam er getrottet, der Bär, aus dem Unterholz. Keine 30 Meter von uns entfernt. Wir standen da und schauten. Dem Bären waren wir völlig egal. Er trottete seelenruhig über die Lichtung und verschwand auf der anderen Seite wieder im Unterholz. Eine friktionsfreie Begegnung. Ich könnte nicht sagen, dass ich Angst verspürt hätte. Eher Aufregung. So lange hatte ich darüber nachgedacht, wie es sein würde, wenn es passiert. Eine Begegnung ohne Gitter. Ohne Sicherheitsmaßnahmen gegenüber dar ach so grausamen Kreatur. Man kennt das Bild aus den Märchen. Gemacht, Menschen Angst zu machen. Und Menschen, die Angst haben zerstören das, was sie bedroht. Zumindest das, was sie zerstören können. Wölfe. Bären. Und viele mehr. Es ist einfach, wenn man die notwendige Ausrüstung hat. Schwerer ist es, miteinander zu leben. Das fällt vielen Menschen schon mit ihresgleichen schwer. Wie dann erst mit der fremden Kreatur, die so anachronistisch wirkt. Unzivilisiert. Und doch gibt es etwas, was alle von uns, ja alle, mit dieser Kreatur verbindet, der Wunsch ein Leben zu führen in Freiheit und ohne Angst. Satt zu werden. Unterschlupf zu finden, wenn das Wetter es erfordert. Einen ruhigen Platz für den Winterschlaf. Zumindest, wenn man ein Bär ist. Ausreichend Nahrung und gegenseitiger Respekt. Ein Platz, an dem man seine Jungen großziehen kann. Das ist alles. Mehr will der Bär nicht. Ich denke, er sieht zufrieden aus, wie er so gemütlich über die Lichtung trottet. Es ist ihm egal, dass wir dort stehen und ihn ansehen, als wäre er eine Erscheinung. Es kommt mir auch so vor. Es war unser letzter Tag. Dann würden wir zurückkehren in die sog. Zivilisation mit all ihren Auswüchsen. Eigentlich hatte ich die Hoffnung schon aufgegeben, doch da war er, der Bär und ich war dankbar für diesen Moment, der mir geschenkt wurde.
Ungefähr in der Mitte der Lichtung hielt er inne. Der Bär. Da sah er zu uns herüber. Es war, als hätten alle Geräusche aufgehört, als wäre alles zum Stillstand gekommen, mit ihm. Es waren nur wenige Augenblicke, aber es war ein Blick, der mich traf. Ein ruhiger, sicherer Blick. Dann befand er offenbar, dass wir uninteressant sind und trottete weiter. Als er verschwunden war, setzten wir ebenfalls unseren Weg fort. Dann erst wurde mir bewusst, dass dieser Bär die Kraft gehabt hätte, uns alle umzubringen. Wir hätten keine Chance gehabt. Der Mensch läuft viel langsamer, klettert viel schlechter und sogar beim Schwimmen schlägt ihn der langsamste Bär. Er hätte es können. Der Mensch tut es, wenn er es kann, anlegen, schießen, töten. Grundlos. Der Bär tut das nicht. Er befindet, dass es keinen Mehrwert für ihn hat, ein paar Menschlein zu töten. Er braucht auch keine Trophäen. Zu essen hat er auch so genug. Nur der Mensch tötet, um des Töten willens, um zu zeigen, wie mutig und stark er ist. Doch was ist mutig und stark daran, einen Bären zu erschießen? Und das nur, um ihn tot zu sehen. Nicht, weil er sonst verhungert. Nicht, weil er angegriffen wird, sondern einfach so. Da fragt man sich schon, wer von den beiden, Mensch oder Bär, ist tatsächlich zuvilisiert?
Wir steigen an diesem Nachmittag vom Berg hinunter. Eine letzte Nacht im Zelt. Eigentlich möchte ich nicht zurück. Aber ich muss, warum auch immer ich das glaube. Man meint aus Verpflichtung. Ich folge dieser. Doch ich nehme etwas mit, das wertvoller ist, als jedes gekaufte Souvenir. Es ist die Erinnerung an eine Begegnung.


Kommentar verfassen