Wildwuchs

Wildwuchs – Alle Geschichten

Melinda war ein glückliches Mädchen, denn ihre Mutter verstand es, sie zu zähmen, ohne sie zu beschneiden oder gar zu brechen, das galt für ihren sich entwickelten Charakter ebenso wie für ihre wilden, feuerroten Locken, die ihre rundes mit den vielen Sommersprossen umwucherten.
„Du musst sie auf den Ernst des Lebens vorbereiten“, ermahnte die Großmutter streng und meinte damit, dass sich Melinda nicht wie ein Junge benehmen sollte, angetan mit Latzhose und dem Taschenmesser, das ihr bei ihren Waldexpeditionen mit ihren Freund*innen gute Dienste leistete, „Schließlich kommt gutes Benehmen nicht über Nacht. Du wirst sehen, wenn es so weitergeht wird sie nie eine richtige Dame und dann … nun ja, Du weißt schon.“ Das wusste Melindas Mama nur allzu genau. Die größte Angst der Großmutter war, dass das ungestüme, aber stets fröhliche Mädchen, sich dafür entscheiden könnte, nichts für Männer übrig zu haben.

„Aber sieh doch nur, wie glücklich sie ist. Ich denke, das ist der beste Start ins Leben. Oder meinst Du nicht?“, pflegte Melindas Mutter geduldig zu wiederholen, doch ihre Bemühungen gingen ins Leere, was allerdings nichts an der Grundeinstellung änderte. Schließlich war Melinda erst zehn. Da würde sie sich noch oft genug verbiegen müssen.

Eines Tages geschah es, dass die Großmutter im Garten arbeitete, während Melinda auf den Bäumen herumkraxelte. Gerade als sie an einem dicken Ast baumelte und der Wind die Lockenpracht zerzauste, entfuhr der Großmutter ein durchdringender Schrei. Hurtig sprang Melinda vom Baum, um nachzusehen, was da passiert war, denn so wild und ungestüm wie sie war, zeigte sie sich auch als hilfsbereit und mitfühlend. So fand sie ihre Großmutter am anderen Ende des Gartens zwischen den Brombeersträuchern, die sie unbedingt meinte, zurückstutzen zu müssen.
„Oma hat viel fürs Zurechtstutzen übrig“, schoss es Melinda unwillkürlich durch den Kopf. „Was ist denn passiert?“, fragte sie die Großmutter, die nur stumm auf ihren Knöchel wies. Offensichtlich hatte sie sich in einem Netz verheddert, das sie vor einigen Monaten selbst angebracht hatte, das aber schon längst überwuchert worden war. Jetzt war es ihr zum Verhängnis geworden. Doch Melinda war auf solche Zwischenfälle bestens vorbereitet. Rasch zückte sie ihr Taschenmesser.
„Oh mein Gott, Du wirst mich schneiden“, sagte die Großmutter voller Entsetzen in der Stimme.
„So ein Unsinn“, gab Melinda kopfschüttelnd zurück, „Ich weiß was ich tue.“ Tatsächlich gelang es ihr den umwickelten Fuß der vor Schreck erstarrten Frau mit einigen gezielten Schnitten zu befreien. Nicht den kleinsten Kratzer fügte sie ihr zu. Selbst die Strümpfe waren heilgeblieben. Verdattert sah die betagte Dame zu ihrem Fuß und der lächelnden Enkelin.
„Du kannst ja tatsächlich damit umgehen“, meinte sie kopfschüttelnd, „Obwohl Du ein Mädchen bist.“
„Genau“, gab ihr Melindas Mutter recht, die unbemerkt zu ihnen getreten war, „Und sie ist deshalb nicht weniger ein Mädchen, weil sie das kann. Ganz im Gegenteil, sie wird sich im Leben behaupten und sich zu helfen wissen oder anderen. Je nachdem, was nötig ist.“
„Vielleicht ist es doch an der Zeit, meine Meinung ein klein wenig zu revidieren“, stimmte ihnen die Großmutter zu. Damit gingen sie gemeinsam zum Haus und Melinda hieß die Großmutter, sich zu setzen. Das Mädchen ging in die Küche und kam einige Zeit später mit selbstgemachter Limonade zurück.
„Die ist sehr gut“, sagte die Großmutter, als sie gekostet hatte. Und war eigentlich recht froh, dass ihre Enkelin ein echter Wildwuchs ohne Beschneidung war. Vielleicht hatte sie es deshalb abgelehnt, weil sie es für sich selbst gewünscht hatte. Das hinderte sie nicht daran, dass sie sich mit Melinda freute.

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