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Life is too short for boring stories

Er hatte es sich gerade auf der Couch gemütlich gemacht, als sie sich vor ihm aufstellte. Zögerlich sah er vom Fernseher weg und zu ihr hin.

„Du weißt doch, dass heute diese Vernissage ist?“, fragte sie gedehnt.

„Ja, ja“, antwortete er, „Kann schon sein.“

„Ich würde da gerne hingehen“, fuhr sie fort und sah ihn mit diesem Blick an, in dem gespannte Erwartung lag.

„Könnten wir machen“, entgegnete er ausweichend, „Aber wir könnten auch zu Hause bleiben.“

„Zu Hause bleiben können wir immer, aber die Vernissage, die findet nur heute statt“, meinte sie stirnrunzelnd.

„Du willst also hingehen?“, fragte er, um sich zu vergewissern, ob er sie richtig verstanden hatte.

„Wovon rede ich denn die ganze Zeit?“, erwiderte sie unwirsch. Nein, gesagt hatte sie das nicht, bloß die Möglichkeit erwogen, aber das ließ er sicherheitshalber unerwähnt.

„Na dann lass uns hingehen“, meinte er seufzend, während er gar nicht erbaut war, allein von dem Gedanken, dass er noch einmal das Haus verlassen sollte.

„Moment, so einfach ist das nicht“, erklärte sie, die Hände in die Hüften stemmend, „Ich will nicht, dass Du mir zuliebe gehst, sondern ich will, dass Du hingehen willst, aus eigenem Antrieb und Interesse.“

„Also schön, ja ich will hingehen“, sagte er folgsam.

„So kommst Du mir nicht davon“, fuhr sie fort, „Ich will, dass Du es wirklich willst. Nicht, dass ich mir den ganzen Abend anhören kann, dass Du nur meinetwegen hingegangen bist. Sag, dass Du es willst, und zwar so, dass ich es glauben kann.“

„Ich will auf diese Vernissage gehen“, meinte er, während er versuchte so ernsthaft und glaubhaft wie möglich zu klingen.

„Ich will es unbedingt. Sag es!“, forderte sie.

„Ich will unbedingt auf diese Vernissage gehen“, erwiderte er, pflichtschuldig.

„Na gut, wenn Du unbedingt willst, dann gehen wir halt hin“, meinte sie, schritt auf die Türe zu, um sich doch nochmals zu ihm umzuwenden, „Du willst unbedingt auf diese Vernissage? Warum willst Du so unbedingt auf diese Vernissage?“ Beinahe wäre ihm herausgerutscht, weil sie wollte, dass er unbedingt wollte, aber er wusste aus jahrelanger Erfahrung, dass das nur zusätzliche Probleme bedeuten würde, wenn er sie daran erinnerte, was sie gerade eben gesagt hatte und höchstwahrscheinlich gar nicht gesagt hatte. Zumindest nicht so. Deshalb schwieg er, während sie ihn weiter musterte.

„Es muss doch einen Grund geben, warum Du da so unbedingt hinwillst. Ihr Männer tut doch alles nur aus einem Grund, einer Frau“, meinte sie, „Die Künstlerin soll jung und hübsch sein. Kennst Du sie?“

„Sie wurde mir einmal vorgestellt“, erwiderte er ausweichend, was auch der Wahrheit entsprach und ja, er konnte sich bei der Gelegenheit davon überzeugen, dass sie jung und hübsch war.

„Warum hast Du plötzlich dieses Glitzern in den Augen? Du kennst sie also doch näher“, mutmaßte sie.

„Nein, ich kenne sie nicht näher und das Glitzern ist sicher nur die Reflexion des Lichtes“, versuchte er zu deeskalieren.

„Du hast etwas mit ihr!“, meinte sie, voller Überzeugung, „Und jetzt willst Du unbedingt hin. Und da nimmst Du mich mit, um Deine Geliebte zu sehen. Was bist Du für ein Heuchler!“

„Ich habe nichts mit ihr, ich kenne sie ja gar nicht“, versuchte er es mit der Wahrheit.

„Ja klar, zugeben wirst Du es“, sagte sie gereizt, „Du gibst doch eine Affäre erst zu, wenn ich Dir handfeste Beweise liefern kann.“

„Gut“, beschloss er, „Dann bleiben wir eben zu Hause.“ Er schickte sich schon an, seinen gemütlichen Platz auf der Couch wieder einzunehmen, als er zurückgepfiffen wurde.

„Nein, mein Lieber, so einfach kommst Du mir nicht davon“, erklärte sie energisch, „Jetzt werden wir erst recht hingehen. Ich will mir Deine Geliebte doch ansehen. Ganz genau werde ich Euch beobachten und wenn nur ein falsches Wort fällt, ein verdächtiger Blick, dann habe ich Dich. Und dann werde ich dieser Dame den Marsch blasen. Die wird sich unterstehen, je wieder einen verheirateten Mann auch nur anzusehen. Du gehörst mir. Da hat keine andere auch nur hinzusehen. Es muss ein Exempel statuiert werden. Schließlich sind Eigentumsrechte das höchste Gut in unserer Gesellschaft.“ Sprachs, öffnete die Türe und ging hinaus in die Nacht. Pflichtschuldig folgte er ihr, mit dem untrüglichen Bewusstsein, dass es ein besonders netter Abend werden würde. Und dazu musste er noch nicht einmal hellsehen können.

4 Gedanken zu “Der Vernissagebesuch

  1. g0gool sagt:

    Diese Gespräche gab es vor meiner Scheidung auch ständig. Nur, dass unsere Abende nicht schön waren. Niemand ist des anderen Besitz, nicht einmal nach der Hochzeit.

    Liebe Grüsse und Danke für den netten Text so früh am Morgen
    g0gool

    Gefällt 1 Person

    1. novels4utoo sagt:

      Ich kann da leider auch aus dem Nähkästchen plaudern. Man hat den Eindruck, dass man sagen kann, was man will, es ist immer falsch. Und nein, niemand gehört jemandem. Liebe ist Freiheit – nicht Besitz, aber da steht das weitläufige gesellschaftliche Denken im Weg.
      Vielen Dank für Deine Gedanken zu meinem Text.

      Gefällt 1 Person

  2. oma99 sagt:

    …aus dem Handbuch „Wie zerstöre ich zwischenmenschliche Beziehungen“, Besitzdenken und Egoismus in Hochform.
    Übrigens direkt in unserer gesamten westeuropäischen Gesellschaftsstruktur auf allen Ebenen zu finden.

    Gefällt 2 Personen

    1. novels4utoo sagt:

      Ja, leider mitten aus dem Leben gegriffen.

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