Das Märchen von Hegern, Pflegern und Regulierern (2)

Bild: Regulierer (1) - Daniela Noitz

Der Jagdlandesobermufti (JLOM) nahm einen weiteren Schluck von seinem Bier, denn so konnte er seine Gedanken am besten fokussieren. Seine Aufgabe war keine Rekapitulation der natürlichen Ordnung zwischen Mensch und Frau, sondern den Kindern zu vermitteln, dass Jäger wichtig waren und einen enormen positiven Effekt auf die sonst so unregulierte, unbehegte und ungepflegte Natur hatten. Natürlich sollten nicht alle Jäger werden. Da ging es wieder um den Kampf um begrenzte Ressourcen. Er stellte sich kurz vor, wie das wäre, wenn jeder im Wald herumliefe und Jäger wäre. Da wäre sonst nichts mehr da, außer der Lodenzunft, was ihn auch wieder zu der Geschichte zurückführte, die er eigentlich erzählen wollte.

„Liebe Kinder! Ich werde Euch jetzt erzählen, und darum geht es schließlich, warum es so wichtig ist, dass wir Jäger uns kümmern. Warum es notwendig ist zu hegen und pflegen und zu regulieren. Vor vielen Jahren war es also so, dass der Wald voll war mit Raubzeug, also mit Tieren, die andere Tiere fressen. Da war kein Platz mehr für irgendetwas anderes, denn sie fraßen die kleinen Häschen und Rehlein und wurden immer mehr und mehr. Weil es auch niemanden gab, der sie regulierte, also dafür sorgte, dass sie nicht überhand nahmen, sich so vermehrten, dass sie sich gegenseitig schon auf die Füße traten. Dasselbe gilt übrigens auch für Gewässer. Die Fische vermehrten sich so drastisch, dass kein Platz mehr war im Wasser. Kurz und gut, es war eine schwarze Zeit, in der es keinen Ausweg mehr gab. Es musste jemand her, der sich darum kümmerte und den Missstand in Ordnung brachte. Die Tiere sahen ihre letzte Hoffnung im Menschen, der als einziges Wesen in der Lage war, das zu beheben, weil er so schlau und vorausschauend und klug ist. Aber wie sollten die Tiere den Menschen vermitteln, dass sie unbedingt ihre Hilfe brauchten? Tag und Nacht sannen sie nach, aber es fiel ihnen nichts ein. Schließlich waren sie zu dumm, die Menschen zu verstehen und ihre Sprache zu sprechen. Das aber sah der liebe Gott und auch die Not. Deshalb schickte er einem meiner Vorfahren im Traum eine Botschaft, die da lautete: ‚Siehe die Not der Natur, die Du als die Krone der Schöpfung und mein Ebenbild, als einziger beheben kannst. Doch Du tust es nicht. Das macht mich traurig. Deshalb gehe hin, wande Dich in grünen Loden, ergreife das unumgängliche Regulierungswerkzeug und geh in den Wald, die Ausgewogenheit wieder herzustellen. Denn das Land, das Wasser, die Berge und Täler, all das gebe ich Dir zur Erfüllung Deiner Aufgabe.‘ Da kam meinem Vorfahren das große Zittern an, denn wie sollte er solch ein großes Problem lösen. ‚Aber Herr, ich bin allein. Was kann ich tun?‘, erwiderte mein Vorfahr. ‚Du Kleingläubiger, meinst Du nicht, dass ich Dir die nötigen Fähigkeiten an die Hand gebe, wenn ich Dich auserwähle? Aber ich will Dir verraten. Wenn Du ausziehst, gewandet in Loden, mit der Büchse über der Schulter, dann werden es die anderen sehen und es wird ihnen ein Zeichen sein. Und all die, die verstehen, werden sich ebenfalls in Loden kleiden und Dir mit dem Gewehr folgen. Andere wiederum legen sich die Fischerkleidung an und nehmen die Rute. So werdet ihr viele werden. Doch sei achtsam, es wird auch jene geben, die vom Teufel besessen sind, die meinen, es handle sich um Mordlust und Gier. Sie werden gegen Euch arbeiten. Aber ihr werdet viele sein und andere überzeugen. Es ist nicht leicht, aber Du wirst es schaffen, wenn Du vertraust‘, meinte Gott zu meinem Vorfahr, der seinen Auftrag erfüllte, getreulich der göttlichen Weisung. Und sie regulierten all das Raubzeug so, dass der Wald wieder frei war für die kleinen Häschen und Rehlein und Vögelchen und Eichkätzchen. Und ebenso verfuhren die Fischer, die so viele Fische entnahmen, dass die verbleibenden wieder genug Platz hatten, herumzuschwimmen und sich des Lebens zu freuen. So haben die Jäger nicht nur Ordnung in die Natur gebracht, sie haben sie vor sich selbst gerettet. Die Natur kann nichts ohne den Menschen. Über viele viele Jahre hinweg hat die Natur auf den Menschen gewartet, also nicht alle, sondern diese besondere Gattung der Jäger und Fischer, die die harte Arbeit auf sich nahmen und nehmen, die Natur zu behegen und zu bepflegen und zu regulieren. Ohne uns würdet ihr nicht mehr in den Wald gehen können, weil ihr bereits nach fünf Schritten von einem Bär zerfetzt und einem Wolf gefressen werden würdet. Ihr könntet durch keine Fluss waten oder in keinem See schwimmen, weil die vielen kleinen Fische Euch sofort abknabbern würden. Aber so könnt Ihr Euch frei bewegen und müsst Euch nicht fürchten. Wir Jäger wachen über Euch.“

Damit schloss der JLOM seinen Vortrag. Bleiernes Schweigen lag über der Gruppe von Kindern. Wie versteinert saßen sie da. Kein Applaus, keine Anerkennung, nur Entsetzen, das sich in ihren Gesichtern spiegelte. „Gut so“, dachte der JLOM, „Denen habe ich mächtig Angst gemacht. Die werden es nicht wagen, Antijagdterroristen zu werden.“ Hätte er gewusst, dass eben jene Kinder eine Woche zuvor einen Vortrag von einem Wildbiologen gehört hatten, dann wüsste er, es war nicht Angst vor den Folgen, ohne Jäger zu sein, sondern die Angst vor den Jägern selbst, die die Kinder erstarren ließ. Aber letztlich ließ sich ein zartes Stimmchen vernehmen: „Und deshalb schießt Ihr jetzt alle Tiere tot?“ Zu einer Antwort kam der Vortragende nicht mehr, denn in Windeseile scheuchten die Kindergartenpädagoginnen die Kleinen in den Garten. „Aber gewirkt hat es trotzdem“, beschloss der JLOM für sich und verließ aufrecht, so gut es ging, die Kinderaufbewahrungsstätte.

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