Der Segen der Fabriksarbeit (1)

Der Segen der Fabriksarbeit (1) – Themen: Alle Geschichten, Leben, Arbeiter*innen, Ausbeutung, Fabrik, Familien, Kapitalist*innen, Opfer | novels4u.com
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Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!

An diesem Sonntag, den 22. Dezember 2024 um 22 Uhr, nicht ungefähr, nicht annäherungsweise, sondern punktgenau um 22 Uhr, war es geschehen. Warum wir das so genau wissen? Weil es der Zeitpunkt des Schichtendes war, an diesem Sonntag, dem letzten vor Weihnachten, worauf sich so viele freuten. Das war zumindest gemeint. Dabei mussten genau jene am 24. Dezember wieder arbeiten. Aber soweit dachten sie nicht. Das war das Denken des Arbeiters. Das Ende der Schicht. Das nächste Bier. Das nächste Essen. Das war es. Mehr war in diesen Köpfen nicht drinnen. Deshalb gab es Hierarchien. Chefs. Vorgesetzte. Die dachten, war der Chef, der derzeitige, überzeugt. Fürs Denken wurde der Arbeiter nicht bezahlt. Natürlich, ein Chef, ein Vorgesetzter oder wer auch immer mehr Hirn im Kopf hatte, würde es sich ab und zu wünschen, dass es anders wäre, aber dann müssten diese die Arbeiter besser entlohnen und das würde die Ausschüttungen an die Investoren verringen. Und das will schließlich niemand.

Aber wenn an diesem Sonntag, den 22. Dezember 2024 um 22 Uhr vielleicht doch ein wenig gedacht worden wäre, nur ein ganz klein wenig mehr als daran, die Stätte der Produktivität so schnell wie möglich zu verlassen, dann wäre die ganze Sache anders ausgegangen. Vielleicht. Aber selbst das war schon zu viel verlangt, scheinbar. Es war also 22 Uhr, Schichtwechsel. Pünktlichst, wie immer, ließen die Arbeiter alles stehen und liegen und gingen, während die nächste Schicht die freien Plätze einnahm. Keine Minute durfte verschwendet werden. Das wurde peinlichst genau kontrolliert. Dann erfolgte die Explosion. Zehn Arbeiter waren tot. Fünf auf der Stelle, fünf starben, während auf die Rettung gewartet wurde. Obwohl diese innerhalb weniger Minuten eingetroffen war. Doch bis die Firma, die die Reparatur durchführen sollte, kam, vergingen sogar zehn Stunden.

10 tote Arbeiter

Fünf aus der Schicht, die endete, fünf aus der Schicht, die begann. Hätten nicht alle zehn der Toten der Schicht angehören können, die erst begann. Schließlich stand die Maschine zehn Stunden auf jeden Fall still. Also waren auch die Überlebenden umsonst gekommen. Man schickte sie aufräumen. Aber das war schließlich nicht produktiv. Es störte dann auch nicht, dass die Toten abtransportiert wurden, die Halle vom Blut gesäubert werden musste. Guillotiniert wäre einer geworden, hieß es. Ein Blech, das weggeschleudert worden war, hatte ihm einfach den Kopf vom Körper getrennt. Worüber regt man sich auf, wenn es doch schnell ging. Der Chef, der jetzige, hatte eine kleine Guillotine in seinem Büro stehen. Zum Abschneiden der Spitze seiner Zigarren. Oder seiner Gäste, also der Zigarren der Gäste. Rauchpausen waren für die Arbeiter streng verboten. Der Chef paffte seine Zigarren immer und überall. Das wäre aristokratisch. Arbeiter könnten sich nur Selbstgedrehte leisten. Das wäre vulgär. Er dürfe das, er wäre der Chef. Außerdem, und das war der eigentliche Grund, ginge durch die Rauchpausen wertvolle Arbeitszeit verloren. Und das Gesindel war sowieso schon so faul.

Wehmütig dachte der Chef, der jetzige, immer an seinen Großvater, wie er ihm von seinen Anfängen erzählt hatte. Von der Fabriksgründung. Er erzählte gerne davon. Das war großartig, damals in dn späten 30er Jahren. Alle, außer den freien, Gewerkschaften waren verboten. Auch die Sozen. Und vor allem, die Kummerln. All das linke Gesocks. Er war der absolute Herr der Fabrik. Ja, er war sehr dafür, für diesen starken Führer, ohne Kompromisse. Wie im Staat, so auch in seiner Fabrik. Natürlich hatte der Großvater auch hart dafür gearbeitet. Schließlich bekommt man so eine Fabrik nicht geschenkt. Nicht ganz. Geholfen hatte sicher, dass er bereits ein Mitglied der NSDAP wurde, als sie in Österreich noch verboten war. Nicht, dass er sich als Nazi sah. Er war vielmehr ehrgeizig und handelte vorausschauend. Mit seinem Betritt hatte er alles auf eine Karte gesetzt und gewonnen. Eine arisierte Fabrik war seine Belohnung gewesen, die er als aufrechtes Parteimitglied anvertraut bekam. Für einen Apfel und Ei. Aber ansonsten hatte er sich alles hart erarbeitet. Er war nicht nur ein Chef, sondern der unumschränkte Herrscher. Ein kleiner Führer. Als der Krieg vorüber war, arbeitete er genauso weiter wie zuvor. Für ihn änderte sich nichts. Auch nicht seine Gesinnung. Dazu war er zu unpolitisch. Nur mit den Vergünstigungen für die Arbeiter, die die Sozen nach und nach provozierten, konnte er nichts anfangen. Frustriert und verhärmt zog er sich aus dem Geschäft zurück, das sein Sohn weiterführte. Dieser war, erzogen im autoritären Sinne seiner Zeit, ein braver Nachfolger, ohne jegliche Ambitionen. Der Großvater starb, einsam und zurückgezogen. Daraufhin übergab der Vater des jetzigen Chefs die Leitung der Fabrik an seinen Sohn. Es war, als wäre er befreit worden, der Vater, von einem Leben, das er nur dem Großvater des jetzigen Chefs zuliebe geführt hatte. Doch da niemand mehr da war, der ihn zwang, und sei es durch seine bloße Anwesenheit, machte er das, was er immer schon machen wollte. Er wurde Insektenforscher. Zum Begräbnis musste er gehen. Das gebot der Anstand. Auch der Enkel, der jetzige Chef. Doch galt das auch für die der zehn Arbeiter, die bei dem bedauerlichen Zwischenfall gestorben waren?

10 tote Arbeiter
10 Begräbnisse

Natürlich nicht, denn wer könnte schon auf zehn Begräbnisse gehen. Zehn Begräbnisse. Was für ein Hohn! Zehn tote Arbeiter am Beginn einer zehn Stunden Schicht. Immerhin waren fünf davon mit ihrer Schicht schon fertig. Blieben aber immer noch fünf, die ihren Arbeitsplatz verwaisen ließen. Fünf Arbeiter einer zehn Stunden Schicht bedeutete allein durch diese einen Ausfall von 50 Arbeitsstunden. Und wenn das nicht genug Verdienstentgang bedeutete, für ihn, den Chef, den jetzigen, so kam doch allen Ernstes bereits am Montagmorgen ein Anwalt in sein Büro. Noch vor den Professionisten, die die Maschine reparieren sollten. Der Chef, der jetzige, hörte sich das Anliegen an.

Den zweiten Teil findest Du hier.
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