Die Familien der Toten hatten gemeinschaftlich diesen Juristen beauftragt. Sie wollten Schadenersatz. Und eine lebenslange Rente für die Frauen. Denn sie hätten schließlich den Ernährer verloren. Es sollte auch eine Untersuchung eingeleitet werden, die darüber Aufschluss geben konnte, ob der Unfall durch entsprechende Wartung bzw., wenn diese nicht mehr möglich war, durch Erneuerung der Maschine verhindert hätte werden können. Der Chef, der jetzige, hatte dem Rechtsvertreter der Familien auseinandergesetzt, dass das völlig unangemessen war, denn schließlich war er es, der dafür gesorgt hatte, dass diese Familien überhaupt was zum Essen hatten oder sonst wie überleben konnten. Dafür hätte ihm noch niemand gedankt, aber wenn einmal etwas passierte, dann müsse er dafür geradestehen. Das wäre unfair. Geld bekommen fürs Nichtstun, das verstanden die Arbeiter viel besser, als die Arbeit zu erledigen.
10 Stunden Schichten
10 Stunden Arbeit
Zehn Stunden Schichten. Zehn Stunden Arbeit pro Tag. Blieben noch 14 Stunden zum Leben. Als wenn die ein Leben hätten. Zehn Stunden wären viel zu wenig. Niemand nähme Rücksicht auf seinen Verdienstausfall. Zehn Arbeiter. Gut, da hätte man morgen andere, denn für diese Tätigkeit war keinerlei Qualifikation notwendig. Aber die Maschine. Die würde ihn viel Geld kosten. Sehr viel Geld. So viel, davon hätte der Anwalt, der den Pöbel verteidigte, keine Ahnung. Nicht einmal eine Vorstellung. Und wenn er nun, wegen der überzogenen Forderungen der Hinterbliebenen, die ganze Fabrik schließen müsse? Dann würden mit einem Schlag 1.000 Arbeiter auf der Straße stehen. Ob ihnen das lieber wäre?
Schon während er die Worte aussprach, fiel ihm ein, dass er das sowieso schon längst machen wollte. Die Fabrik schließen und an einem Ort eröffnen, an dem es keine Arbeiterrechte, keine überzogenen Lohnforderungen und vor allem keine Gewerkschaft gab. Mit einem Wort, ein Land, in dem man über so kleine Unfälle kulant hinwegsah. Das alles beeindruckte den Anwalt nicht. Er blieb bei seinen Forderungen. Sie könnten sich, so meinte der Anwalt zum Chef, zum jetzigen, außergerichtlich einigen, wenn er, der Arbeitgeber, den Forderungen der Hinterbliebenen nachkäme. Das wäre einfacher und schneller. Damit legte er einige Seiten Papier auf den Schreibtisch, auf denen, wie der Jurist meinte, all diese besagten Zahlungen angeführt waren, die er, der Chef, der jetzige, leisten sollte. Er würde ihm 48 Stunden Zeit geben, es sich zu überlegen. Das sollte ihm auch die Möglichkeit verschaffen, seinen Rechtsvertreter zu kontaktieren. Dieser würde ihm sicherlich raten, auf diese Forderungen einzugehen, denn wenn der Fall vor Gericht kommen sollte, was niemand hoffen konnte, weder die eine noch die andere Seite, würde es noch viel teurer und vor allem zeitaufwendiger werden. Dann ging der Anwalt.
Der Chef, der jetzige, stand da und war verärgert. Der Herr Doktor, der es doch tatsächlich nicht für unter seiner Würde befand, die Prolos zu vertreten, hatte ihm nicht einmal zugehört. Unwillkürlich dachte der Chef, der jetzige, an seinen Großvater. Zu seiner Zeit hätte er einfach die Kosten der Begräbnisse übernommen und das wäre es gewesen. Selbst das hätte als eine Geste der Großzügigkeit gegolten. Ein guter Patriarch eben. Aber heutzutage, da wollten sie Schadensersatz und Rente. Vielleicht auch noch eine Arbeitsplatzgarantie. Dabei hatte er schon so viel zu tragen.
10 Tote
10 Stunden Schicht Ausfall
Und womöglich müsste er noch eine neue Maschine kaufen. Eigentlich der ideale Zeitpunkt, die Fabrik in ein anderes Land zu verlagern. Andererseits hatte er in diese so viel investiert. Woanders müsste er neu anfangen.
10 Familien
10 trauernde Ehefrauen
10 mal 10 trauernde Menschen
Der Tod gehört zum Leben dazu. Sie hätten auch auf der Straße sterben können bei einem Unfall. Oder bei einer Schlägerei im Bierzelt. Oder durch eine heimtückische Krankheit. Dafür hätte der Chef nicht aufkommen müssen. Das hätte die Allgemeinheit übernehmen dürfen. Aber weil es zufällig in seiner Fabrik passiert war, wurde er jetzt dafür verantwortlich gemacht. Doch da kam ihm ein Gedanke, der ihn womöglich retten würde. Der Vorarbeiter, der in diesem Teil der Fabrik, zu diesem Zeitpunkt die Aufsicht hatte, der hätte ihm verschwiegen, dass die Maschine schon längst erneuert hätte werden müssen. Damit könnte er die Verantwortung auf ihn abwälzen. Das ginge allerdings nur, so weit war der Chef, der jetzige, informiert, wenn er eine Bestellung zum verantwortlichen Beauftragten nach § 9 Abs. 2 Verwaltungsstrafgesetz unterschreiben würde. Er könnte ihm das Schreiben unterjubeln und es zurückdatieren. Dann wäre er mit einem Schlag alle seine Sorgen los. Deshalb ließ er den Vorarbeiter kommen und ihm das rasch erstellte Schreiben vorlegen. Mit dem Stift wies der Chef, der jetzige, auf die Stelle, an der der Vorarbeiter unterschreiben sollte.
Der allerdings legte den Kugelschreiber zur Seite und las das Dokument aufmerksam, während der Chef, der jetzige, ständig auf ihn einredete, er brauche das doch nicht zu lesen und es wäre eine reine Formalität. Als all das nichts nützte, verlegte er sich darauf, Dinge wie Loyalität und Vertrauen ins Feld zu führen. Auch das stieß auf taube Ohren. Der Vorarbeiter las unbeirrt alles genau durch. Es handelte sich zwar nur um einen kurzen Text, aber er war in dieser merkwürdigen juristischen Sprache verfasst, die schwer zu verstehen ist. Zuletzt richtete sich der Vorarbeiter auf und seinen Blick auf den Mann, der ihm das Schriftstück zur Unterzeichnung vorgelegt hatte. Die Frage des Vorarbeiters war klar, kurz und präzise. Ob er, der Chef, der jetzige, denn tatsächlich meine, er würde seine Zustimmung zu etwas geben, was ihn zum Alleinverantwortlichen machen würde. Ob er, der Chef, der jetzige, ihn für so dumm oder naiv hielte, dass er sich dafür hergeben würde. Wie oft habe er denselben schon darauf hingewiesen, dass die Maschine erneuert gehört hätte. Eigentlich war es schon gemeingefährlich, irgendjemand in die Nähe dieses Produktionsmittels zu lassen, wenn es eingeschaltet war. All das hatte der Chef, der jetzige, allerdings als unwichtig und unbedeutsam abgetan.
10 tote Arbeiter
10 Stunden Schichten
10 Leidensgenossen
10 Freunde
10 gut bekannte Familien
So viele Leben habe er durch seine Gier zerstört. Dafür müsse er zahlen. Das wäre zwar kein wirklicher Ausgleich, aber wenn all diese Menschen schon um ihre toten Angehörigen trauern mussten, so sollten sie sich zumindest keine Gedanken um das Finanzielle machen müssen. Damit wollte er das Büro verlassen. Der Chef, der jetzige, warf ihm hinterher, dass er gefeuert wäre. Der Vorarbeiter drehte sich nochmals um, um dem verdatterten Eigentümer ruhig mitzuteilen, dass alle Arbeiter bereits die Arbeit niedergelegt hätten. Damit verließ er das Büro und die Fabrik.


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