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Life is too short for boring stories

Heitere, lächelnde, mit dem Leben zufriedene Frauen, die sich um den Haushalt und die Kinder kümmerten, des Abends den Ernährer mit einem schmackhaften Essen in einer sauberen, hellen Wohnung empfingen, das war das Idealbild der Zeit. Auch Antonia träumte davon, wie alle Mädchen um sie herum, die mit ihr tagtäglich in die Fabrik gingen, um dort sechzig Stunden pro Woche zu verbringen. Die Hälfte aller Mädchen über 14 Jahren arbeiteten in der Textilindustrie. Arbeitsunfälle waren an der Tagesordnung. Und wer verletzt oder krank war, verlor seinen Arbeitsplatz. Eine andere nahm ihn ein. Dennoch träumten sie, von einem Leben, das in allem dem widersprach, was sie tagtäglich erlebten. Hausfrau und Mutter-sein. Da sein für die Kinder, während die Frauen um sie bereits wenige Tage nach der Geburt wieder arbeiten gingen, weil sie es nicht wagten länger ihrem Arbeitsplatz fernzubleiben. Die Säuglinge wurden der Obhut jener Geschwister übergeben, die noch nicht arbeiten gehen konnten oder fremdbetreut. Antonias Mutter hatte kurz nach ihrer Ankunft einen Jungen zur Welt gebracht. Wenige Wochen später war er tot und in einem Armengrab verscharrt. Die Kindersterblichkeit lag bei Kindern bis zum sechsten Lebensjahr bei knapp 50%. Für Trauer war keine Zeit und kein Platz. Auch nicht für Freude. Die Hausarbeit musste nach einem langen Tag, den sie mit der Ausführung der immer gleichen Tätigkeit verbracht hatten, erledigt werden. Oder am Sonntag. Zumindest der war frei. Mangelernährt und ausgelaugt. Viel zu viele Kohlenhydrate, und kaum Eiweiß bestimmten den Speiseplan. Weil nur das Billigste gekauft werden konnte. Doch eines Tages, so war Antonia überzeugt, würde ihr Traum in Erfüllung gehen.

Bürgerliche Ideale und proletarische Wirklichkeit

 

Menschen neigen dazu Ideale aufrecht zu erhalten, nicht weil sie wirklich erstrebenswert sind, sondern weil sie ihnen anerzogen wurden. Sie werden nicht hinterfragt, sondern einfach unreflektiert angestrebt. Das erklärt, warum sie sich so hartnäckig halten. Manche davon betrafen und betreffen die Rolle der Frau in der Gesellschaft.

 

Anständige Frauen, so der Tenor, nicht nur in konservativen Kreisen, gehen nicht arbeiten. Damit wurden die in der Fabrik arbeiteten Mädchen und Frauen als liderlich und moralisch verworfen gesehen. Dabei wurde geflissentlich übersehen, dass diese kaum eine Wahl hatten. Wenn sie nicht gerade das fragwürdige Glück hatten in eine Familie geboren worden zu sein, die sich zum sog. Mittelstand oder gar zur Oberschicht zählen konnte, hatten sie keine andere Möglichkeit als arbeiten zu gehen, um schlicht und ergreifend nicht zu verhungern. Offen standen zu jener Zeit nur die Beschäftigung als Dienstmädchen, in der Fabrik oder als Prostituierte. Wobei gegen letztere vor allem auch konservative Frauen wetterten, ohne die sozialen Implikationen zu sehen. Opfer der Prostitution waren die Männer, so die allgemeine Meinung, nicht die Frauen. Hätten die, die von ihrem moralisch hohen Ross so unerbittlich auf diese Frauen herabsahen, ihnen eine Alternative geboten, so könnte man es noch irgendwie verstehen. Aber vielleicht ist es erstrebenswerter anständig zu verhungern als unanständig zu überleben. Darüber hinaus wurde gegen die hohe Geburtenrate gewettert. Würden die Arbeiter, so hieß es, nicht so viele Kinder bekommen, so würden sie auch nicht hungern müssen. Offiziell wurde das so verbreitet. Eine ungeheure Doppelzüngigkeit, denn einerseits wurde es verboten über Empfängnisverhütung auch nur zu sprechen und speziell aus kirchlichen Kreisen war das berühmte „seid fruchtbar und vermehret euch“ unermüdlich verbreitet, und andererseits waren die Fabrikanten froh über den reichlichen Kindersegen, da er einen nicht versiegenden Nachschub an Arbeitskräften garantierte, aber auch die Familien in Abhängigkeit hielt.

 

Das weibliche Idealbild heute

 

Das Idealbild der Hausfrau und Mutter ist längst passé. Es hat den Petticoat und die gestärkte Schürze abgelegt. Auch das immerwährende Lächeln und der selbstgekochte Pudding sind vorbei. Er wird fertig gekauft. Frauen, in unserer westlichen Gesellschaft, können und dürfen alles. Kein Weg ist ihnen versperrt. Egal welche Ausbildung sie machen möchten, sie finden den Zugang offen. Sie müssen auch ihren Mann nicht mehr um seine Erlaubnis fragen, wie es bis 1972 der Fall war, ob sie arbeiten gehen dürfen. Frauen heute sind mündig, selbständig, selbstbewusst und können frei entscheiden. Selbst Hausfrau und Mutter können sie sein, wenn sie das so wollen. So weit die Theorie. Doch das Ideal der unabhängigen Frau kann nur verwirklicht werden, wenn sie selbst Geld verdient. Denn Unabhängigkeit im politischen, rechtlichen oder auch sozialen Sinn ist nichts wert, ohne eine ökonomische Grundlage. Man kann es drehen und wenden wie man will, es geht letztlich immer ums Geld, oder – um es volkswirtschaftlich vornehmer auszudrücken – um die Steigerung des BIP (Bruttoinlandsprodukt). Deshalb ist das Idealbild jenes der karriereeifernden Frau, die ihre Kinder am besten von Anfang an fremdbetreuen lässt, eine Putzfrau engagiert hat und ständig Fertigprodukte aufwärmt, wenn sie schon nicht mit ihrer Familie auswärts essen geht. Denn die Fremdbetreuung erhöht das BIP, nicht jedoch wenn die Mutter zu Hause mit dem Kind spielt. Die Putzfrau, die die Hausarbeit erledigt, erhöht das BIP, nicht die Menschen, die selbst zu Besen, Schaufel und allem anderen greifen. Und nicht das selbstgemachte Essen, womöglich noch angereichert mit Gemüse aus dem eigenen Garten, erhöht das BIP. Ganz anders, wenn man sein Geld ins Restaurant oder in eine Junk-Food-Filiale trägt. Frauen sollen finanziell unabhängig sein und ihren eigenen Lebensweg gehen können, aber sie werden in eine Ecke gedrängt, in der sie nicht sehen, dass soziale und familiäre Strukturen zerstört werden. Nicht das Heimchen am Herd ist die Antwort, sondern die gemeinsame Übernahme der Lebensverantwortung der Familie und Gesellschaft. Frauen dürfen. Wie sie es schaffen, das ist ihr Problem. Alleingelassen, politisch und gesellschaftlich, finden sie sich darüber hinaus angefeindet von den eigenen Geschlechtsgenossinnen.

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