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Life is too short for boring stories

Fr. Fleißig hielt den kleinen Jimmy auf dem Arm und untersuchte zunächst seine Pfoten, um den Grund seines Winselns zu erfahren, den sie auch rasch in Form eines Dorns fand, der sich in den Ballen gebohrt hatte und den sie mit einem Ruck entfernte. „Man muss die Ursache des Schmerzes entfernen, dann kann man die Wunde versorgen“, dachte sie für sich. Jimmy hatte bloß kurz gezuckt, ließ es aber ansonsten lautlos geschehen. Gedankenverloren begann Fr. Fleißig seinen Bauch zu kraulen, da sie spürte, dass sich etwas in ihr bewegte. Es war ihr, als würde das Eis zu schmelzen begonnen, das sie so lange um ihre Gefühle und Hoffnungen, ihre Träume und Sehnsüchte kultiviert hatte, um sich nicht mit ihnen auseinandersetzen zu müssen. Es taute und brach sich in Form von Tränen Bahn, die ihr über die Wangen liefen. So viele ungeweinte Tränen, über die Entfremdung von ihrem Mann und von ihren Kindern. Jimmy sah sie indes nur an, als wüsste er Bescheid.

Natürlich hatte sie sich ein Leben aufbauen wollen. Sie stammte aus sehr armen Verhältnissen, in denen nie sicher war, ob es am nächsten Tag was zu essen auf dem Tisch stand oder nicht mitten im Winter die Heizung abgedreht wurde, weil sie die Rechnungen nicht zahlen konnten. Ihre Eltern waren fleißig und arbeiteten hart. Aber sie waren einfache Hilfsarbeiter, die sich und die sechs Kinder zu versorgen hatten. Ihre Kindheit kam ihr vor, wie eine einzige Aneinanderreihung von Tagen voller Angst und Niedergeschlagenheit. Da gab es kein ausgelassenes Spielen, keine Ablenkung, nur dieser stumpfe Trübsinn. Sie lebten von Tag zu Tag und von der Hand in den Mund, ohne Aussicht auf Verbesserung. Als Fr. Fleißig in die Schule kam, wurde es noch schlimmer, denn sie wurde gemieden, als trüge sie ein Kainsmal auf der Stirn, das Kainsmal der Armut. Nichts schmerzt so sehr, nicht einmal Hunger und Kälte, wie die soziale Ausgrenzung. Sie wurde nicht eingeladen, weil sie niemanden einladen konnte, teilte keine gemeinsamen Erlebnisse, weil sie bei Schulveranstaltungen nicht teilnehmen konnte, da ihrer Familie das Geld fehlte und wurde wegen ihres Aussehens gehänselt, denn sie musste die alten Sachen ihrer großen Geschwister auftragen, die immer und immer wieder geflickt worden waren. Da nahm sie sich vor, dass sie diesem Abgrund entkommen würde, ganz egal wie. Sobald sie konnte, verließ sie die Schule, arbeitete als Sekretärin und trug so ihren Teil zum Familieneinkommen bei. Nebenbei belegte sie Kurse, die ihre Qualifikationen verbesserte. Rasch arbeitete sie sich nach oben und verdiente nach ein paar Jahren mehr, als ihre Eltern zusammen. Natürlich hatte sie Träume und Sehnsüchte, wie es junge Mädchen haben, aber sie versteckte diese, denn nichts durfte sie ablenken von ihren Zielen. Das ließ sie hart erscheinen. Als sie Markus Fleißig kennenlernte, erkannte sie auf den ersten Blick, dass dieser Mann der richtige war, um sich ein Leben nach ihren Vorstellungen aufzubauen. Mit aller Sachlichkeit ging sie zu Werk, so dass er bald davon überzeugt war, diese Frau war die richtige für ihn. Und die Träume und Sehnsüchte blieben weiterhin verborgen, doch nun, da dieser kleine Hund in ihren Armen lag und ihr die Tränen immer weiter über die Wangen flossen, begriff sie, dass es an der Zeit war etwas zu ändern. Hoffentlich war es noch nicht zu spät. Zunächst wollte sie Jimmy zurückbringen und dann ihren Mann suchen, von dem sie hoffte, dass sie ihn noch nicht verloren hatte.

Unterdessen hatte Hr. Dr. Schön sein Mahl beendet und das Besteck bei Seite gelegt. Seine Gastgeber, Hr. und Fr. Ehrgeizig, saßen immer noch stumm da und bliesen Trübsal. Wie hatte das nur geschehen können? Wie hatten sie nur so blind sein können gegenüber dem Offensichtlichen? „So einfach und friedlich und natürlich konnte das Leben sein“, dachte Hr. Dr. Schön unwillkürlich und sah das Rind, das er gerade verspeist hatte, friedlich grasend vor seinem geistigen Auge. „Einfach, friedlich und natürlich“, wiederholte er für sich, „Wie Lucindas Lachen oder ihre unverhohlene Zuneigung, ihre Spontanität. Wie lange ist das her? Ich habe diese erstickt, unter all dem, was ich von ihr verlangte und für unumgänglich hielt, weil ich es immer so gemacht hatte. Aber wäre nicht auch ein anderer Weg möglich? Könnte man nicht endlich das Leben vom Kopf auf die Füße stellen, dass es wieder so wäre wie früher, und sie die Frau, in die ich mich verliebt hatte und die ich so nachhaltig vertrieb. Vielleicht kann ich sie noch finden.“

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