Er gilt als Geheimtipp, abseits der ausgetretenen Tourist*innenpfade in Wien, der Friedhof der Namenlosen. Die erste Hürde besteht darin, ihn zu finden, denn es gibt nur wenige Schilder, die am Wegesrand darauf hinweisen. Er liegt bei Stromkilometer 1.019 mitten im Alberner Hafen. Ein Wasserwirbel fing hier bis 1939 neben morschem Treibholz auch an die 600 Menschenleichen ein. Was ist aber so Besonderes am Friedhof der Namenlosen? Weltweit handelt es sich um die einzige Begräbnisstätte, die ausschließlich den Opfern eines Flusses vorbehalten ist. Bis 1940 fanden Ermordete, Unfallopfer und Opfer ungeklärter Kriminalfälle hier ihre letzte Ruhe. Die meisten sind unbekannt und wurden gleich begraben, nachdem sie angeschwemmt wurden.
Durch die Hafenregulierung beim Bau des Alberner Hafens und der Getreidesilos 1939 änderten sich die Strömungsverhältnisse im Donaustrom, so dass kaum mehr Leichen an dieser Stelle angeschwemmt wurden. Falls dies doch noch passiert, werden diese auf dem Wiener Zentralfriedhof beerdigt. Die letzte Beerdigung fand im Jahr 1940 statt.
Ich habe den Friedhof der Namenlosen in einer klaren Novembernacht besucht. Es war nicht allzu kalt, die Luft war angenehm und es herrschte eine tiefe Ruhe. Grabesruhe, wenn man so will, da zu dieser Zeit niemand am umliegenden Hafen zugange war. Ich war die einzig Lebende zu dieser Stunde an diesem Ort. Was mir als erst ins Auge stach war die runde Kapelle, die Auferstehungskapelle, in all ihrer Schlichtheit, oder gerade wegen dieser. Ein relativ kleines Kreuz thront in der Mitte des flachen, runden Daches, was sich daraus ergibt, dass die Kapelle selbst auch rund ist. Ebenso wie die drei kleinen Fenster. Nur bei der Türe blieb man beim gewohnten Rechteck. Zwei Steigen führen hinauf, links und rechts. Natürlich kann man nur mehr den neuen Teil des Friedhofs besichtigen, denn der alte war von Bäumen und Sträuchen überwuchert worden und immer wieder weggeschwemmt. Dort, wo einst die Totenstätte war, ist nun Auwald. Bis zur Jahrhundertwende wurden die angeschwemmten Wasserleichen hier bestattet. 1900 entstand der neuere Friedhofsteil jenseits des Schutzdammes. 1935 erhielt der Friedhof bei den Arbeiten zur Verstärkung des Schutzdammes eine steinerne Umfassungsmauer und besagte Auferstehungskapelle. Zwischen 1900 und 1940 wurden insgesamt 104 Wasserleichen beerdigt, von denen 43 identifiziert werden konnten.
61 Tote, die unter schlichten schmiedeeisernen Kreuzen liegen, von deren Schicksal wir nichts wissen. Auch keinen Namen, kein Alter, keine Lebensumstände. Unbekannte Tote mit einem unbekannten Leben. Ich stehe da und lasse meinen Blick langsam über die Ansammlung an Kreuzen wandern. Stille. Das Leben vergangen, ohne eine Spur hinterlassen zu haben. Familie, die zurückgeblieben ist und bis zum Schluss vielleicht hoffte, auf ein Lebenszeichen der Vermissten, des Vermissten. Das nicht kam. Nicht kommen konnte. Vielleicht hat sie oder er Kinder zurückgelassen, die wohl noch eine Zeitlang fragten, wo die Mutter oder der Vater abgeblieben wäre, wann sie denn nach Hause kämen. Eltern, die ihre Kinder nie mehr wiedersahen. Andere Verwandte, Freund*innen. Egal ob sie lang oder kurz im Gedächtnis blieben, es ist ein Trost für mich, dass es Menschen gab, die es nicht fertigbrachten, diese Toten einfach dem Fluss zu überlassen oder sie bloß notdürftig zu verscharren. Es waren wirtschaftlich keine einfachen Zeiten zwischen 1900 und 1940. Ein Weltkrieg. Die Bürde des Gebietsverlusts. Die Weltwirtschaftskrise und der damit einhergehende Aufstieg des Faschismus, und dennoch wurden bis kurz nach Beginn des nächsten Weltkriegs hier Menschen begraben, die man nicht kannte, denen man dennoch die letzte Ehre erwies, wie es so schön heißt, wohl auch in Gedenken an all jene, denen dies nicht zuteilwurde und wird.
Materielle Not ist keine Ausrede seine Menschlichkeit über Bord zu werfen. Manchmal hat man den Eindruck, gerade dort, wo die Not am größten ist, besinnen sich die Menschen dieser grundlegenden, verbindenden Gesten. Jede und jeder Tote hat jemanden, die oder der diese*n kannte oder mochte oder sogar liebte. Irgendwo bleibt eine Lücke. Man kann sich in die andere hineinversetzen und entsprechend handeln. Auch wenn ich nicht weiß, wer Du warst oder wem Du fehlst, wen Du zurücklässt oder verlassen musstest, weiß ich, dass Du ein Mensch warst, ein fühlendes, lebendes Wesen inmitten von anderen, die Dich mehr oder weniger kannten und mit Dir verbunden waren. Ich würde es mir so wünschen, für Menschen, die mir nahestehen. Ich würde es mir für mich wünschen.
Und wie ist es heute? Was ist nach dem Friedhof der Namenlosen? Lies am Mittwoch, den 27. August die Fortsetzung „Namenlose ohne Friedhof“.
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