1940 wurde die letzte Wasserleiche am Friedhof der Namenlosen begraben. Betreut wurde der Friedhof von Josef Fuchs, der selbst nach seiner Pensionierung noch Sorge für die Gräber trug. Und diese Aufgabe erfüllte er bis zu seinem Tod 1996. Noch heute gibt eine jährliche Gedenkfeier für die Toten auf dem Friedhof der Namenlosen. Am Nachmittag des ersten Sonntags nach Allerheiligen versammeln sich die Mitglieder des Fischervereins Albern, um ein von ihnen gebautes Floß, geschmückt mit Kränzen, Blumen und brennende Kerzen, zu Wasser zu lassen. Auf dem Floß befindet sich ein symbolischer Grabstein mit der Inschrift „Den Opfern der Donau“ auf Deutsch, Tschechisch und Ungarisch. Ein Gedenken auch noch 85 Jahre später. Für Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, in der Donau starben.
So viele Namenlose seit 1940. Ein Weltkrieg, der Europa erschütterte. Doch nicht nur Europa. Wir sind es gewohnt, nur in diesem engen Zirkel zu denken, doch der Faschismus ist eine Ausgeburt des imperialistischen Staatsmonopolkapitalismus, der sich seit diesem Krieg, der eine Mahnung sein sollte, nicht verbessert hatte. Wie viele Tote sind auf den Schlachtfeldern zurückgeblieben, ohne Namen, vielleicht einfach nur verscharrt, ohne Friedhof. Namenlose Tote ohne Friedhof. Auf allen Seiten. Auch in Afrika. Die Bomben von Hiroschima und Nagasaki zeigten wie viele Tote man mit einem einzigen Streich produzieren kann. Es ist nicht unabsichtlich. Vielmehr ist es gewollt. Agent Orange, ein Gift, das Vietnam lahm legte. Es gibt Nationen, die das dürfen, ohne vor dem großen Weltrat ihr Antlitz zu verlieren oder für die nächsten Jahrzehnte zu Kreuze kriechen zu müssen. Eigentlich gibt es nur eine, die es dennoch schafft immer noch für viele als Retter von Demokratie und Freiheit zu gelten. Während sie ungeniert überall Embargos verhängen oder ihre Truppen stationieren oder kurzerhand Söldnerheere bezahlen, um einer politischen Richtung den Garaus zu machen, der dieser Nation nicht passt. Das dürfen sie. Und bekommen dafür auch noch ab und an einen Nobelpreis. Auch die guten Kooperationspartner. Tausende Kinder, die an Hunger sterben. Und mir fällt ein Gedanke eines Menschen ein, der ein Konzentrationslager überlebt hat. Jedes Mal, wenn er eine Beerdigung sah, hat er von da an gedacht: „So viel Aufhebens wegen nur eines Toten!“ Die Spitze der Unmenschlichkeit, die die Opfer und Überlebenden dazu verdammten, den Tod in all seiner erschreckenden Alltäglichkeit zu begreifen. In Massengräbern verscharrt. Oder im Krematorium verbrannt. Namenlose ohne Friedhof. Ohne Gedenken.
Millionen Tote, die sich der Imperialismus auf die Fahnen schreiben darf. Terroristen waren wohl auch darunter. Menschen, die sich ihrer Haut wehrten. Aber vor allem Zivilist*innen, Frauen, Männer und Kinder, ohne Unterschied, ohne Achtung und ohne Entschuldigung. Millionen Tote, weil die, die es in der Hand haben, das Notwendigste vorenthielten. Essen, Wasser, Medikamente. Lieber werden sie vernichtet, bevor sie denen zukommen, die sie wirklich brauchen. Vielleicht, weil sie nicht zahlen können. Oder ganz banal, nicht unterwürfig genug waren. Oder wir verfüttern sie den Milliarden an tierlichen Mitgeschöpfen, die zu Maschinen zur Lebensmittelproduktion degradiert werden, die halt zufällig ein schlagendes Herz haben. Ein Leben. Zumindest Lebensfunktionen. Ein praktischer, energieeffizienter Weg der Aufbewahrung. Milliarden Namenlose, allerdings mit Friedhof. Der Friedhof der menschlichen Mägen. Und während diese tierlichen Geschöpfe in kürzester Zeit mit Turbofutter hochgemästet werden, erbärmlich und abscheulich, verhungern Kinder, die damit satt werden könnten, sterben dahin wie die Fliegen. Mehr Wert wird ihnen nicht zugemessen. Es kostet ein Achselzucken. Opfer eines Turbokapitalismus, der sich das Recht herausnimmt, alles für sich in Anspruch zu nehmen, was die Natur und die Lebewesen zu bieten haben. Während er durch die sich immer mehr aufblasende Produktion des Unnötigen die Umwelt zerstört und das Klima ruiniert, verkauft er sich immer noch als die beste aller Lebensformen. Für ein Prozent der Menschheit. Die anderen 99% müssen es glauben, ohne je das gelobte Land zu sehen.
Der Kommunismus hat 100 Millionen Tote zu verantworten, heißt es. Vielleicht stimmt es, doch der Kapitalismus in seiner faschistoiden, imperialistischen, ausbeuterischen, zerstörenden, kriegstreibenden Form treibt Milliarden in Elend, Leid und Tod. Die Diktatur des Kapitals ist der Untergang. Namenlose Opfer ohne Zahl. Und ohne Friedhof.


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