novels4u.com

Life is too short for boring stories

Sophie war überzeugt davon, dass sie alles schaffen könnte, was sie wollte. Wenn sie sich etwas vornahm, dann setzte sie es auch in die Tat um, beharrlich, stur und unerbittlich. Und je mehr ihr gelang, desto mehr wollte sie. Kaum, dass sie sich gedacht hatte, nach dem Projekt mache ich Pause, waren ihr schon wieder zwei neue eingefallen. So gingen die Jahre dahin, bis sie völlig erschöpft und ausgelaugt war. „Vielleicht sollte ich über einen Urlaub nachdenken oder über etwas, was halt von den anderen Menschen als Urlaub bezeichnet wird“, dachte sie, „Was machten die bloß, wenn sie irgendwo hin fahren?“ Nach langem Grübeln, ohne dass sie zu einem Ergebnis gekommen wäre, beschloss sie, jemanden zu fragen, der sich mit solch exotischen Dingen auskannte, also der erstbeste Mensch, der ihr bekannt war und ihr unterkam.

„Du, ich fühle mich, als bräuchte ich Urlaub“, begann sie ihre Gedanken vor ihm auszubreiten, „Oder besser gesagt, ich nehme an, dass es mir so ergeht, wie es Menschen ergeht, die meinten, sie bräuchten Urlaub. Doch was macht man so, im Urlaub?“
„Nun, was stellst Du Dir denn vor, was man im Urlaub macht?“, erwiderte die Frage mit einer gegnerischen, was sich nicht gehört, aber in diesem Fall unausweichlich war. Schließlich musste er erst einmal feststellen, wie groß ihr Wissensdefizit betreffend Urlaub war.
„Ich hätte mir gedacht, dass ich z.B. nach Irland fahre. In Dublin gibt es eine tolle Tierrechtsorganisation. Da könnte ich Aktivismus betreiben, sozusagen völkerverbindend“, meinte sie, ein wenig aufgeregt bei dem Gedanken, doch im nächsten Moment nahm die Müdigkeit schon wieder überhand.
„Falsch, ganz falsch“, erklärte er ihr, „Menschen machen nichts im Urlaub, außer entspannen, sich vielleicht die eine oder andere Sehenswürdigkeit ansehen, im Café sitzen, die Kultur betrachten, gut essen gehen. Solche Dinge eben, aber sie verfolgen auf jeden Fall keine Projekte. Du musst lernen abzuschalten.“
„Nichts tun? Ausspannen? Entspannen?“, wiederholte sie, als hörte sie diese Worte zum ersten Mal, „Aber was tut man, beim Nichts tun oder Ausspannen oder Entspannen?“
„Das, was das Wort sagt, nichts“, entgegnete er, ein wenig amüsiert.
„Nichts“, wiederholte sie, als würde durch die Wiederholung irgendetwas klarer oder sie käme der Wortbedeutung näher, „Nein, ich kann nicht nichts tun. Das ist so, ich weiß nicht, so nichts.“
„Genau, nichts“, bestätigte er.
„Aber nichts, das geht nicht. Vielleicht nur ein bisschen? Ein klein, wenig bisschen?“, fragte sie nach.
„Nein, nicht einmal das kleinste bisschen etwas, nur nichts“, sagte er streng, „Pass auf, ich gebe Dir jetzt eine Aufgabe. Du fährst wohin, wo es weder eine Tierrechtsorganisation noch einen Lebenshof noch etwas Vergleichbares gibt und dort machst Du dann eine Woche lang nichts. Und in zehn Tagen treffen wir uns hier wieder, dann erzählst Du mir, wie es Dir ergangen ist.“

Und tatsächlich fand sie einen Ort, der völlig unbelastet war von irgendwelchen Organisationen obgenannter Art. Dort verbrachte sie eine Woche, wie sie es nannte, als Urlaub. Als sie sich nach diesen zehn Tagen am gleichen Ort wieder trafen, sah sie strahlend aus, wie das blühende Leben.
„Wie ist es Dir ergangen, in Deinem Urlaub?“, fragte er rundheraus.
„Großartig“, meinte sie strahlend, „Ich glaube, ich mache das jetzt öfter, dieses Urlaub-Ding.“
„Und Du hast tatsächlich nichts gemacht, nur ausge- und entspannt?“, hakte er misstrauisch nach, da er sie schon einige Zeit kannte.
„Nichts, ich habe nichts gemacht, absolut nichts, nur ent- und ausgespannt“, bestätigte sie lächelnd.
„Wie ist Dir das gelungen?“, forschte er weiter nach.
„Nun, ich kam an diesen Ort, den ich hier nicht nenne, denn schließlich tut es nichts zur Sache und fand es genauso vor, wie erwartet“, meinte sie, „Die Menschen hatten keine Ahnung von Tierrechten und es gab weit und breit keinen Lebenshof.“
„Sehr gut. Und Du hast andere Menschen kennengelernt?“, fragte er weiter.
„Ja, einige“, erklärte sie.
„Und was hast Du mit den Menschen gemacht, die Du kennenlerntest?“, bohrte er schon fast nach, weil er es immer noch nicht ganz glauben konnte.
„Wir haben einen Verein gegründet und einen Lebenshof geplant“, meinte sie.
„Und das nennst Du nichts tun?“, zeigte er sich irritiert.
„Natürlich. Ich bin gesessen und habe gesagt, was notwendig ist, geplant und skizziert. Um alles andere kümmern sich meine neuen Aktiven vor Ort.“
„Und das nennst Du nichts tun?“, wiederholte er seine Frage, wie eine hängengebliebene Schallplatte.
„Natürlich, nicht einen Handgriff habe ich gemacht“, erwiderte sie, „Nur geplant, geredet und gedacht, das ist eindeutig Nichts tun. Keine Tat. Siehst Du, ich habe das schon urgut drauf, mit dem Nichts tun.“
„Wie Du meinst“, sagte er noch, bevor er sich kopfschüttelnd abwandte. Vergnügt sah sie ihm nach. Ganz verstanden hatte sie seine Reaktion nicht, aber das war auch unwichtig, schließlich musste sie endlich wieder etwas statt nichts tun.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: