Unsere Frau stand, als wir sie verließen, mit dem einen Bein am Badewannenrand und war verunsichert, sollte sie sich nun rasieren oder nicht. Wobei Verunsicherung offenbar nicht sein darf. Man hat eine fertige Meinung zu haben und diese durchzuziehen. Wie viele Menschen doch so aufrecht und unbeeinflusst sind, wie zumindest aus den diversen Kommentaren hervorgeht, finde ich bemerkenswert. Es stimmt natürlich, es war ihr Körper und sie konnte damit tun und lassen, was sie wollte. Das hat noch nichts mit Feminismus zu tun, sondern mit einem grundlegenden Menschenrecht, so lange man niemand anderen mit seiner Entscheidung in seiner Freiheit einschränkt.
Was nun konkret das Rasieren betrifft, so ist es tatsächlich etwas, was jeden Menschen selbst betrifft. Dennoch ist die Aussage, „Feminismus heißt, zu tun, was ich will“ in seiner Generalität zu hinterfragen. Da fiel unserer Frau mit dem Bein am Badewannenrand eine Begebenheit ein, die sie sehr verwundert hatte, als sie geschah.
Eine Freundin unserer Frau war mit ihrem Lebensgefährten auf Besuch und sie fragte, ob die Gastgeberin nicht ihr Tattoo herzeigen wolle, das sie sich vor Kurzem am Unterschenkel stechen ließ. Die Frau trug eine lange Hose, so dass sie diese erst hochziehen musste, um der Bitte der Freundin nachkommen zu können. Plötzlich meinte diese, sie dürfe das nur tun, wenn sie rasiert sei, weil sonst müsse sie sich fremdschämen und dürfe das Bein auf gar keinen Fall herzeigen. Die Frau war zunächst einfach nur verwundert, denn es war etwas, was ihr als Selbstverständlichkeit präsentiert wurde, die sie in Erstaunen versetzte, denn damit gab ihr die Freundin zu verstehen, dass eine Frau nur herzeigen dürfe, wenn sie rasiert sind und das gilt ausnahmslos und für alle. Tatsächlich war es so, dass sich die Frau die Beine länger nicht rasiert hatte. Dennoch ließ sie sich nicht beirren und zeigte das Tattoo auf unrasiertem Bein. Die Freundin war schockiert. Die Frau amüsiert. Angesichts dessen, was sie damals zu ihrer Freundin sagte, entschloss sie sich nun zur Rasur.
Es wäre legitim, so ihre Entgegnung, wenn sie, also die Freundin, sagte, sie legte bei sich selbst Wert darauf, immer rundum unbehaart zu sein, aber sie möge doch diese Vorgabe nicht auf andere übertragen. Sie war sich nun ganz sicher, dass sie dies tat, weil sie es wollte und aus keinem anderen Grund. Und wenn sie es sich noch genauer überlegte, so war dieses Nachdenken darüber völlig irrelevant, denn es ändert nichts an patriarchalen Strukturen, ob man nun rasiert ist oder nicht. Was allerdings durchaus Einfluss darauf hat, ist der Umgang der Menschen miteinander. Doch wenn sich bereits beim Thema Rasieren entfachen lässt, wie ist es dann erst bei anderen Themen, die tatsächlich von Relevanz sind. Wobei der Verdacht nahe liegt, dass es dann nicht einmal beachtet wird. Und als sich die Frau anzog, nachdem sie sich rasiert hatte, dachte sie:
Frauen können Mütter sein, aber sie müssen nicht.
Und wenn sie sich dafür entscheiden, Mütter zu sein, dann ist es legitim zu sagen, dass es anstrengend ist und sie manchmal an die Grenzen ihrer Belastbarkeit steht, ohne dass ihr jemand sagte, sie hätte das mit dem Mutter-sein lassen sollen, wenn sie nur jammert, zumal es sich um ihre ureigendsten Instinkte handelt, wenn sie sich für das Mutter sein entscheidet, also hat sie immer gefälligst glücklich zu sein. Das ist übrigens etwas, was tatsächlich patriarchale Strukturen stützt.
Frauen können Mütter sein und berufstätig, ohne sich als Rabenmütter beschimpfen lassen zu müssen oder es auch nur zu denken.
Frauen können sich dafür entscheiden, keine Mutter zu sein, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.
Frauen können sich dafür entscheiden, Mütter zu sein und nicht berufstätig, ohne sich als Heimchen am Herd abstempeln lassen zu müssen.
Auch Männer dürfen.
Doch ganz gleich, für welchen Lebensentwurf man sich entschieden hat, das Wesentliche ist, sich der Solidargemeinschaft zugehörig zu fühlen. Denn was die jemanden zu „haten“, die Degradierung des anderen, weil sich diese Person Gedanken macht und damit ihre legitime Verunsicherung zum Ausdruck bringt. Und eigentlich sollte man darüber reden.


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