Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!
Jeden Tag blieb Tia bei dem kleinen Antiquitätengeschäft stehen, um die Truhe, die in der Auslage stand zu betrachten. Irgendwann würde sie hineingehen und sie kaufen können. Seit einem Jahr sparte sie jeden Cent von dem, was sie sich neben der Schule verdiente. Mittlerweile hatte sie € 800,– gespart. Es fehlten noch € 500,–, dann hätte sie den Kaufpreis beisammen. Nur mehr ein paar Monate, dann wäre es so weit. Heute jedoch war es anders, denn die Truhe stand nicht mehr in der Auslage. Was war geschehen? Hatte sie jemand anderer gekauft? Zum ersten Mal betrat sie das Geschäft.
Tia musste für diesen Schritt all ihren Mut zusammennehmen, denn sie war sich durchaus bewusst, dass sie nach dem aussah, was sie war, die Tochter von armen Leuten. Alles an ihr war zwar sauber, aber die Kleidung wirkte abgetragen und alt, was sie auch war. Bei sechs Kindern im Haus, bescheidenen Löhnen der Eltern und der kleinen Landwirtschaft, war es notwendig, dass die kleinen Geschwister die Sachen der Älteren auftrugen. Tia war die Jüngste. Dementsprechend oft gebraucht war die Kleidung, die sie trug. Ihre Mutter war geschickt im Stopfen und Flicken. Auch ihre Nähkünste waren unübertroffen und so schaffte sie es jedes Mal, ein Kleidungsstück zu etwas Besondern zu machen. Doch in diesen ehrwürdigen Räumen bedrückte Tia dies doch. Vor allem, weil sie wusste, dass der Enkel des Besitzers, der mit ihr in die Klasse ging, immer damit prahlte, wie viel Geld sie doch hätten und dass sein Großvater das nur zum Zeitvertreib machte. Doch diese Truhe, die musste sie haben. Jetzt, wo sie so lange gespart hatte, jetzt konnte sie nicht einfach weg sein. Das durfte nicht sein.
„Guten Tag, junge Dame“, begrüßte Tia ein ehrfurchtsgebietender Herr mit einem langen, weißen Bart. Er war groß und breit, wobei er sich auf einen Stock stützte, „Was kann ich für Sie tun?“
„Guten Tag“, erwiderte Tia den Gruß. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie je im Leben gesiezt worden wäre. Das verunsicherte sie noch zusätzlich, doch sie wusste genau, was sie wollte, „Ich wollte fragen, was mit der Truhe passiert ist, die immer in der Auslage stand.“
„Die steht jetzt im Lager“, erklärte der Mann ungerührt.
„Das heißt, sie ist noch nicht verkauft? Ich kann sie noch bekommen?“, fragte Tia, die vor lauter Erleichterung auf ihre Unsicherheit völlig vergaß.
„Ich habe Sie jeden Tag vor der Auslage gesehen und gewartet, dass Sie hereinkommen und fragen“, erklärte der Herr, der mit seinem Bart ein wenig Ähnlichkeit mit dem Weihnachtsmann in Tias Vorstellung hatte, „Aber Sie sind leider nie gekommen. Nun war gestern jemand da, der die Truhe kaufen wollte. Ich habe gesagt, sie wäre schon verkauft und habe sie ins Lager gegeben. Warum sind Sie nie gekommen?“
„Weil ich das Geld nicht habe“, erklärte Tia verschämt, weil sie überzeugt war, dass sie der Mann, trotz aller Freundlichkeit, auf die Straße setzen würde, nachdem er jetzt wusste, dass sie arm war.
„Was meinst Du denn, was die Truhe kostet?“, fragte der Mann stattdessen.
„Luis, also Ihr Enkel, der mit mir in die Klasse geht, hat mir gesagt, € 1.300,–. Und er sagte noch, dass ich das eh nie schaffe, als Tochter von Kleinhäuslern und sein Opa, also Sie, an so eine wie mich sowieso nie verkaufen würde, weil schließlich wären Sie ein Geschäftsmann, der sich mit dem Pöbel nicht abgibt.“ All das, war ihr einfach so herausgerutscht, weil er so offen und vertrauenswürdig wirkte.
„So, so, hat er das, der Luis“, sinnierte der alte Mann, „Ich denke, dass es nicht darauf ankommt, wie viel Geld jemand hat oder was für einen Status, sondern wie er ist. Und ich meine, dass Sie einen besonderen Grund haben, diese Truhe zu wollen. Vielleicht möchten Sie mir den verraten und über den Preis können wir reden.“
„Meine Großmutter, die immer auf uns, also auf mich und meine Geschwister, aufgepasst hat und vor drei Jahren gestorben ist, hatte eine Truhe, die fast genauso ausgesehen hat“, erklärte Tia, „Ich vermisse sie so sehr, ihre Geschichten, ihre Art für uns da zu sein und uns zuzuhören.“ Unwillkürlich rannen Tia bei dem Gedanken an ihre Großmutter die Tränen über die Wangen.“
„Ich denke, ich habe sie gekannt, die Steinschauer Maly. Wir waren vor vielen, vielen Jahren eng befreundet“, meinte der bärtige Mann leise, als hinge auch er einer Erinnerung nach, „Und deshalb will ich Ihnen einen Vorschlag machen, was den Preis betrifft.“ Gespannt sah Tia ihn an. Ob sie sich die Truhe würde leisten können?
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