Der Mut der Verzweiflung

Der Mut der Verzweiflung – Alle Geschichten

Leonore radelte gutgelaunt von der Schule nach Hause. Sie hatten in Biologie, ihrem Lieblingsfach, gelernt, dass es keine wesentlichen Unterschiede zwischen Menschen und anderen Säugetieren gab. Mehr noch, es gab viel mehr Gemeinsamkeiten. Dennoch hatte sogar Leonore in ihren jungen Jahren bereits erlebt, wie schrecklich andere Lebewesen behandelt wurden. „Wenn ich einmal groß bin“, hatte sie sich selbst geschworen, „werde ich Biologie studieren und Tiere retten.“ Für sie gab es nichts Besseres, was man in seinem Leben tun konnte. Energisches Hupen riss sie aus ihren Tagträumen.

Ein Lastwagen fuhr hinter ihr und wollte sie anscheinend überholen, was aber nicht möglich war, da sie viel zu weit nach links abgekommen war. Rasch lenkte sie zum Straßenrand, so dass der mächtige Wagen an ihr vorbeifahren konnte. Der Geruch und die Schreie ließen keinen Zweifel darüber zu, was dieser geladen hatte. Es handelte sich um einen Lebendtiertransport, genauer hin einen Ferkellebendtiertransport. Leonore stand da und weinte vor Wut und Trauer. Da sah sie plötzlich etwas, was sie veranlasste, rasch ihre Tränen zu trocknen. Eines der Tiere hatte es offenbar geschafft, auf die Brüstung zu klettern. Todesmutig ließ es sich fallen, so dass es sehr unsanft auf der Straße landete. Dort blieb es liegen. Rasch fuhr Leonore hin, um zu sehen, ob das Baby noch lebte. Ja, es atmete noch. Oder besser, er. Doch er vermochte nicht aufzustehen. Was sollte sie nun tun? Es war ihr durchaus bewusst, dass sie hier ein Leben retten konnte, genauso, wie sie es sich erträumt hatte. Sie hob das kleine Tier hoch und legte es sanft in ihren Fahrradkorb. So schnell und gleichzeitig vorsichtig wie möglich fuhr sie zum hiesigen Tierarzt. Dieser stellte fest, dass der kleine Racker einen Bruch davongetragen hatte, ansonsten aber durchaus gesund war. „Wie heißt er denn?“, fragte der Tierarzt unvermittelt. „Felix“, antwortete Leonore spontan. „Sehr passend“, erklärte der Veterinär zustimmend, „Der Glückliche. Ich denke, er kann sich tatsächlich glücklich schätzen, dass Du ihn gefunden hast.“ „Aber er hat es sich auch selbst zu verdanken, weil er so mutig war“, fügte Leonore hinzu. Nachdem Felix versorgt worden war, fuhr Leonore nach Hause. Zum ersten Mal wurde ihr ein wenig mulmig. Wie würde ihre Mutter reagieren, wenn sie ein Ferkel nach Hause brachte? Wie der Vater? Oder Toby, ihr Hund? Vorsichtig öffnete Leonore die Haustüre.

Toby begrüßte Leonore überschwänglich, wie es seine Art war. Dann entdeckte er Felix und zeigte sich auch über seine Anwesenheit erfreut. Die erste Hürde war genommen. „Hallo Leonore“, sagte die Mutter und nahm die Tochter lächelnd in die Arme, „Aber wen hast Du uns da mitgebracht?“ Schon während die Mutter die Frage stellte, begann sie Felix zu streicheln, der erfreut quiekte. „Was für ein bezauberndes Baby“, stellte die Mutter fest, „Ich denke, er wird sich bei uns im Garten wohl fühlen.“ „Und bald schon mit Toby toben, wenn sein Bruch verheilt ist“, fügte Leonore hinzu, um dann der Mutter die Geschichte von Felix Rettung zu erzählen. „Nein, nicht ich habe ihn gerettet, sondern er sich selbst“, meinte Leonore nachdenklich, „Ich kann nicht verstehen, dass wir Toby streicheln und Felix essen. Oder dass es so viele Menschen gibt, die sich schrecklich aufregen, wie die Chinesen mit Hunden und Katzen umgehen, unterzeichnen Petitionen, um das zu beenden, aber gleichzeitig behandeln sie Millionen von Tieren, Schweine ganz vorneweg, aber auch Hühner, Kühe, Schafe, Ziegen, Pferde und viele andere, mindestens genauso schlecht. Selbst Hunde für Tierversuche. Wie passt das zusammen?“ „Es passt nicht zusammen, wenn man logisch denkt, wenn man versteht, dass es keinen Unterschied gibt zwischen den verschiedenen Spezies, der es rechtfertigen würde, eine schlechter oder besser als die andere zu behandeln. Doch solange damit viel Geld verdient wird, und zwar von wenigen, wird es weitergehen. Die Gesetzgebung richtet sich danach, denn sie folgt der Meinung der Reichen schon lange. Und auch die Politik wird anweisen, die zu schützen, die Tierleid verursachen und die zu kriminalisieren, die es beenden wollen.“ „Aber was kann dagegen getan werden?“, fragte Leonore. „Den Kapitalismus beenden. Alles andere ist wenig zielführend“, erklärte die Mutter, „Und in der Zwischenzeit sollten so viele Menschen wie möglich erkennen, was für ein wunderbares Geschöpf der kleine Felix ist.“ „Aber wo ist der kleine, wunderbare Felix?“, wollte Leonore wissen. „Schau nur, er hat sich mit Toby zusammen in sein Körbchen gekuschelt. Wenn das nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft ist.“

Kommentar verfassen

Noch mehr Lesestoff:

Kommentar verfassen