Lieblingsfarbe bunt

Lieblingsfarbe bunt – Aktivismus

Wild und frei und ungestüm ist sie, ungezwungen und immer lächelnd. Bürgerlich anmutende Damen und Herren sind zumeist schockiert bei ihrem Anblick, von ihren Haaren, die jede Woche eine andere Farbe haben, ihren tätowierten Armen und Beinen, dem textilen Stilmix, dem sie sich verschrieben hat. Es ist eine Freude mit ihr durch die Straßen zu gehen und zu erleben, wie Menschen, die sich mokiert abwenden, von ihr in Bann gezogen werden, wenn sie sich auf ein Gespräch mit ihr einlassen. Denn sie ist, was ich noch nicht erwähnt habe, klug, besonnen und verbindlich in ihren Äußerungen. Beinahe sanft. Das kommt jedes Mal so völlig unerwartet, dass die Angesprochenen völlig auf all die Äußerlichkeiten, die sie zuvor gestört haben, vergessen. Oder nein, nicht vergessen, sondern finden, das passt zu ihr, das ist ein Gesamtes. Deshalb wirkt es auch so authentisch.

Beherrscht, selbstsicher und souverän, so ist eine andere Freundin von mir. Minimalisitsch würde ich ihren Kleidungsstil bezeichnen. Alles muss praktisch sein, angefangen bei der Kurzhaarfrisur, über die praktischen Hosen und Schuhe bis hin zu der robusten Tasche. Grau, braun, dunkelblau, mit einem Wort, dezente Farben bevorzugt sie, als wollte sie sich so unscheinbar wie möglich machen. Hart und abweisend kann sie wirken, aber sie ist es nicht. Nur dass sie es sich sehr genau aussucht, wen sie an sich heranlässt. Ein Leben voller Rückschläge hat sie misstrauisch werden lassen, aber wer diese Barrieren zu überwinden vermag, der findet in ihr eine loyale, zugewandte und empathische Person, die immer zu einem steht. Konstanz und Konsequenz zeichnen ihre Worte und ihre Handlungen aus. Konsistent würde ich es nennen. Wenn ich ein Beispiel nennen sollte für jemanden, auf den die Redewendung „wie ein Fels in der Brandung“ zutrifft, dann wäre sie es.

Verträumt, verspielt und zart, ist eine weitere Freundin von mir. Sie liebt es, sich in Pastelltönen zu kleiden, doch nicht nur das. Die Stoffe, aus denen diese gemacht sind, kann man als fließend bezeichnen. Ihr langes, goldblondes Haar reicht ihr bis zu den Hüften. Sie trägt es offen, dem Wind ausgesetzt, der es flattern lässt, der Sonne, die es zum Leuchten bringt. Dabei ist sie zurückhaltend, beinahe schüchtern. Wenn ich sie sehe, muss ich unwillkürlich an einen Schmetterling denken, der sich elegant und luftig bewegt. Ihr Lächeln ist bezaubernd und einnehmend. Alles Laute und Harte ist ihr zuwider. Automatisch ändert man die Wortwahl, wenn man mit ihr spricht, um darauf Rücksicht zu nehmen.

Drei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und dennoch, wir verstehen uns gut. Es kann schon sein, dass wir nicht einer Meinung sein. Das ist auch gut so, denn alles andere wäre langweilig. Denn ich kann Dich akzeptieren und respektieren, in dem, was Du bist, ohne in allem mit Dir übereinstimmen zu müssen, so lange wir einander schätzen, so wie wir sind, aufeinander eingehen und uns nicht verbiegen wollen, so lange wir ehrlich authentisch sind, weil es passt. Jede von ihnen deckt etwas ab, was ich nicht bin und nie sein werde, was mich bereichert, auch von den Gedanken, die andere Wege gehen als meine, die andere Antworten finden, auf die ich nicht gekommen wäre.

Deshalb sage ich, wenn Du mich fragst, welche meine Lieblingsfarbe ist, nicht rot oder gelb oder pink oder sonst etwas, sondern bunt, so bunt wie das Leben ist, in all seinen Ausformungen, wenn man es zulässt und sich selbst in seiner Meinung, seiner Art zu leben und zu denken, nicht zu wichtig nimmt. Es findet sich für jede Farbe, jede Schattierung, jede Ausformung ein Platz und wenn Du mir entgegenkommst, so ganz anders als alle anderen, dann möchte ich mich gerne zu Dir setzen und mir erzählen lassen, von Dir. Denn nur dann, kann ich Dich verstehen. Das ist das Geheimnis eines friedlichen Miteinander, aufeinander zuzugehen, zuzuhören und verstehen wollen. Mehr ist nicht notwendig, außer dem Vertrauen in das, was uns alle verbindet, in Ruhe und Sicherheit zu leben, egal woher wir kommen, welche Sprache wir sprechen, wen wir lieben oder welche äußere Erscheinung wir haben, das Leben so gut und geglückt zu leben, wie es geht, das ist das Ziel.

Es kommt nicht von ungefähr, dass jene, die es nicht zulassen wollen, dass andere glücklich sind, selbst verbohrt und unveränderlich sind im Glauben, sie alleine wären so, wie es sein soll und alle, die anders sind, müssen entweder vernichtet werden oder, wenn das nicht geht, zumindest weit weg gehen. Deshalb wollen sie nur Uniformität, Gleichheit, Unterwerfung und Despotismus. Der Groll, gegen alles, was sich ein wenig davon abhebt, macht sie verbittert und gewalttätig. Um ihren geballten Hass auf sich zu ziehen, genügt es schon zu bekennen:

Meine Lieblingsfarbe ist bunt.

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