Emil, der Hamster

Emil, der Hamster – Alle Geschichten

Hermann, genannt Hermandl, da er noch ein Kleiner war und recht umtriebig, was dazu verleitete, zumindest die Mutter und die Omas und die Tanten und sonstiges weibliches Anverwandtes, vorherzusagen, aus dem Hermandl würde mal so ein richtiger Mann, wo er jetzt schon ein Mandl war. Groß, stark und durchsetzungsfähig, ja, das war die Vorhersage. Obwohl, durchsetzungsfähig, das war er schon jetzt, zumindest war es nicht leicht, sich seinem Wollen zu widersetzen, denn er war so nachhaltig und konsequent darin, dass irgendeine gute Seele irgendwann nachgab. Egal, wie lange es dauerte. Darin bestand wahrscheinlich das eigentliche Geheimnis. Hermandl gab nie auf. Selbst wenn es Wochen dauerte. Andere Kinder hätten schon längst darauf vergessen, nicht aber dieser kleine Sturkopf.

Eines Tages wünschte er sich einen Hamster. Dieser Wunsch war wohl dem geschuldet, dass er an diesem Nachmittag einen Freund besucht hatte, der ein solch kleines, durchaus als putzig zu bezeichnendes, Tierchen sein eigen nannte und in einem Käfig in seinem Zimmer verwahrte. Der kleine Racker – es war ein Junge – war auf den Namen Lars getauft worden, tollte übermütig in seiner Unterkunft herum und faszinierte den Hermandl ungemein. Daraufhin marschierte er nach Hause und trat mit eiserner, entschlossener Miene seiner Mutter entgegen. Diese wiederum, da sie ihren Sohn kannte, versteinerte bei seinem Anblick sofort, denn sie war sich sicher, da kommt jetzt etwas, wozu ich eigentlich Nein sagen sollte. So erfüllte es sich, denn Hermandl äußerte den Wunsch, einen Hamster, den er Emil zu taufen gedachte, und zwar mit allem Brimborium, wie er es bei der feierlichen Sakramentserteilung bei seinem kleinen Bruder erlebt hatte, zu besitzen. Die Mutter, die selbstverständlich Nein sagte, denn – so ihre Überzeugung – so ein Hamster sei kein Spielzeug, schon gar nicht für einen heranwachsenden Jungen, worum es sich bei dem Hermandl schließlich handelte, dessen Feinmotorik noch ausbaufähig war und sie würde dem niemals zustimmen, so die Mutter, da könne er machen, was er wolle. Außerdem sei so ein Tierchen wahrscheinlich völlig uninteressant für den Sohn, denn er wäre schließlich nachtaktiv und hätte ganz bestimmt kein Interesse, mit dem Hermandl zu spielen. Nein, das war ihre Entscheidung und würde es auch bleiben. Tatsächlich blieb die Mutter bei ihrer Entscheidung, doch sie war nicht die einzig weibliche Anverwandte, derer der kleine Sturkopf habhaft werden konnte. Eine fand er, die sich dazu überreden ließ, nämlich die Tante Erni, die älteste Schwester seines Vaters, die schon über 50 und noch immer unverheiratet war.

Zwei Wochen später stand ein großes Terrarium mitsamt dem Emil, dem Hamster bei der Tante Erni im Gästezimmer und harrte der Dinge, die da kommen mochten. Eher harrte er nicht, denn es war ihm einerlei. Vielmehr tat er, was Hamster eben tun, futtern, graben, die Umgebung inspizieren. Hermandl war überglücklich und erklärte die Tante Erni zu seiner Lieblingstante und er wolle jetzt sofort bei ihr einziehen, denn die Mutter wäre gemein, weshalb er lieber bei ihr wohnen wolle, denn sie würde ihn verstehen. Das war der Tante Erni, die sich oft sehr alleine fühlte, sehr recht. Die Mutter nahm es achselzuckend zur Kenntnis und Hermandl zog mit Sack und Pack zur neuen Lieblingstante.

Im neuen Heim angekommen, erwartete der Junge nun von dem neuen Haustier, dass es sich erkenntlich zeige und ihn lieb habe. Also rief der Hermandl den Emil, dem das aber ziemlich egal war und sich deshalb nicht von seiner Beschäftigung abbringen ließ, die, das es erst früher Nachmittag war, darin bestand, dass er schlief. Der Hermandl wollte aber partout mit ihm spielen und grub ihn aus, packte ihn grob und schüttelte das kleine Tierchen, das ihn prompt in den Finger biss. Daraufhin ließ er reflexartig das Fellbündel fallen, das sich sofort in einer Zimmerecke versteckte. Damit war die Hamsterleidenschaft vorbei und wenn der Hermandl das undankbare Viech, wie er es nannte, zwischen die Finger bekäme, würde er ihm den Hals umdrehen. Dieses ließ sich aber nicht blicken. Deshalb packte der Hermandl erneut und zog zurück zur Mutter, denn es war Zeit fürs Abendessen, meinte er zumindest und der Emil, der Hamster, der war blöd.

Blöd ist es allerdings, sich ein Tier zu nehmen und wegzuschmeißen, wie Unrat, wenn es nicht passt. Deshalb sollte man überlegen, was man tut, bevor man sich ein Tier ins Haus nimmt. Was war mit dem Emil? Der hatte sich zum Glück nicht verletzt und durfte glücklich und zufrieden sein Hamsterleben bei der Tante Erni verbringen, die ihn stets gut versorgte. Aber nicht für jeden Hamster, den sich ein Kind einbildet, geht es so gut aus, denn schließlich hat nicht jeder eigensinnige Hermandl eine empathische Tante Erni.

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