Alexander und Florian wuchsen heran, weil das Leben sich nicht aufhalten lässt, doch unter völlig verschiedenen Bedingungen. Alexander genoss eine ausgezeichnete Ausbildung an diversen privaten Bildungseinrichtungen, während Florian öffentliche Kinderbetreuungsinstitutionen besuchte. Nach der Schule saß er im Hinterzimmer des Geschäftes, das nun seiner Mutter gehörte und machte seine Hausaufgaben. Immer öfter half er aus und war stolz, wenn er seiner Mutter was abnehmen konnte, denn nach und nach begriff er, wie arbeitsreich ihr Leben war, auch wenn sie sich nie etwas anmerken ließ. Sie teilten das Leben miteinander und Florian wusste, dass man sich anstrengen musste, wollte man im Leben etwas erreichen. Bereits im Alter von zehn Jahren war er sicher, er wollte einmal eine tolle Erfindung machen, mit der er genug Geld verdienen konnte, dass seine Mutter nie mehr arbeiten musste oder nur so viel, wie sie wollte. Alexander bekam zwar von allem nur das Beste und Teuerste, doch er lebte in einer Art Parallelwelt, weitab von der echten, eigentlichen, behütet und beschützt, so sehr, dass er vom Leben außerhalb keine Ahnung hatte. Eigentlich hätten sich die beiden niemals begegnen dürfen, es geschah dennoch, als die beiden Burschen 14 Jahre alt waren.
Alexander besuchte, wie jede Woche, das Konservatorium in Begleitung seines Kindermädchens. Eigentlich hätten die Eltern gewünscht, dass der Hr. Prof., der als der beste Klavierlehrer des Landes galt, ins Haus kommen sollen, doch dieser war nicht dazu zu bewegen. So viel Alexanders Erziehungsberechtigte auch boten, er bestand darauf, dass Alexander zu ihm käme. Darüber hinaus verlangte er auch von ihnen nur den üblichen Stundensatz. Die einzige Vorgabe, die der Professor hatte, war, dass er nur Schüler*innen annahm, die tatsächlich seine Mühe wert waren, also sowohl über das genügende Talent als auch den notwendigen Fleiß verfügten. Alexander verließ gerade den Unterrichtsraum, vor dem bereits Florian wartete. Es war ein Tag, an dem Alexander meinte, er habe besonders gut gespielt, während sein Lehrer nicht so überzeugt war. Seine Enttäuschung war grenzenlos. Es war ein Gefühl, mit dem er nicht umgehen konnte. Das führte dazu, dass es sich einen Kanal suchte. Da stand Florian vor ihm. Man sah ihm die einfachen Verhältnisse an, aus denen er stammte. Seine Kleidung war sauber, aber alt. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Alexander das Gefühl der Überlegenheit. Schließlich war er noch nie außerhalb seiner Kreise verkehrt. Verzweifelt hatten seine Eltern versucht, ihn davon abzuschirmen und es war ihnen bis zu diesem Tag auch gänzlich gelungen. Der Professor wusste genau, was er tat, als er darauf bestanden hatte, dass der Junge zu ihm käme. Er hatte das Haus gesehen, das Dienstpersonal und vor allem, er hatte gehört, wie seine Eltern von ihm sprachen. Der Junge musste unbedingt einmal hier raus, hatte der Professor bei sich gedacht. Viele andere wären bei dem enormen Honorarangebot schwach geworden, nicht jedoch er, denn Geld hatte ihm noch nie etwas bedeutet. Er hatte genug, um sein Leben so zu führen, wie er es wollte. Seine große Liebe galt der Musik und nur dieser. Deshalb war es ihm auch stets ein großes Anliegen gewesen, sein Wissen weiterzugeben. Talentierte, fleißige Schüler*innen gab es in jeder Gesellschaftsschicht, so dass er seine Preise so gestaltete, dass es sich jede*r leisten konnte. Er war nicht käuflich. Wohl zum ersten Mal im Leben von Alexanders Eltern geschah es, dass sie einem Menschen mit Grundsätzen gegenüberstanden, die er für kein Geld der Welt verriet. So war ihnen keine Wahl geblieben. Sie mussten ihn zum Professor schicken, so dass der Moment kam, dass sich Alexander, der Junge, der mit dem sprichwörtlichen silbernen Löffel auf die Welt gekommen war und Florian, der aus der Unterschicht stammte, begegneten. Abschätzig musterte Alexander Florian von oben bis unten. „Du willst Klavier spielen können?“, warf er ihm an den Kopf, „Der Herr Professor hat Dich aus bloßem Mitleid aufgenommen, Du Prolet.“ „Meinst Du?“, fragte der Klavierlehrer, der die ganze Szene beobachtet hatte, „Na dann kommt mal beide rein und Florian wird Dir zeigen, wie viel Mitleid man aufbringen muss, um ihn als Schüler anzunehmen.“ Alexander, dessen Enttäuschung mittlerweile verpufft war, fühlte sich elend. Noch mehr, als bereits die ersten Töne verrieten, Florian war nicht nur gut, er war sehr viel besser als Alexander. Am liebsten wäre er im Boden versunken vor Scham und Selbsthass.

