Versonnen betrachtete ich mich im Spiegel. Es geschah an einem wunderschön sonnigen Augusttag, an dem ich die Freude hatte, eine gute Freundin wiederzusehen, die etliche Jahre im Ausland gelebt hatte. Wir trafen uns in einem Kaffeehaus. Wir saßen im Gastgarten, lachten und plauderten. Es gab viel zu berichten. Ich war wohl ein wenig in Sorge gewesen, wie dieses Wiedersehen sich anfühlen würde, aber das Gefühl der Vertrautheit stellte sich sofort wieder ein, ganz so, als hätten wir uns nicht vor ein paar Jahren, sondern gestern erst voneinander verabschiedet. Wir waren in ein angeregtes Gespräch vertieft, als uns ein andere Unterhaltung aus unserer unvermittelt herausriss.
Am Nebentisch hatten zwei Männer Platz genommen. Bisher waren sie uns nicht weiters aufgefallen, doch ihre tiefen, lauten Stimmen, die sie nicht zu dämpfen gedachten, ließen uns aufhorchen. Ungeniert unterhielten sie sich über die in diesem Kaffeehaus anwesenden Frauen. An keiner einzigen ließen sie ein gutes Haar. Wahlweise waren sie zu dick oder zu dünn, zu künstlich oder zu natürlich, zu feminin oder zu maskulin gekleidet. Die dafür gewählten Ausdrücke waren nicht nur herabwürdigend, sondern zutiefst misogyn. Worte wie Schnalle, Tussi, Mannweib waren noch welche von den harmloseren. Verdattert lauschten wir ihren Ausführungen. Wie ich bemerken konnte, erging es nicht nur uns so, sondern an sämtlichen Tischen waren die Unterhaltungen zum Erliegen gekommen. Dachten alle anderen auch darüber nach, dass sie all diese Schönheitsfehler ausmerzen müssten. Es hatte den Anschein, denn die Blicke richteten sich auf die eigene Erscheinung, als handelte es sich um eine unumstößliche Handlungsanweisung und nicht um eine zutiefst diffamierende Meinung von Männern, die davon ausgehen, ihre Aussagen seien unumstößlich. Es begann schon damit, dass es andere Menschen, genauerhin Frauen gab, die diese ernstnahmen. Wie kamen diese Herren dazu, sich derart überheblich und selbstherrlich zu benehmen? Es lag wohl daran, so meine Conclusio, dass Frauen nach wie vor zu zwei Dingen erzogen wurden. Die eine war, Männern gefallen zu wollen und deren Aussagen deshalb als bindend zu sehen. Die andere, dass Frauen in ständigem Konkurrenzkampf untereinander stehen. Natürlich um die Gunst des Alpha-Männchens. Es scheint immer noch so tief verwurzelt zu sein, dass die Reaktion so vorhersehbar wie unlogisch ist. Deshalb hob ich den Blick. Erfreut erkannte ich, dass es mir meine Freundin gleichtat. Es war mir, als hätten wir genau dasselbe gedacht. Der Blick versprach Einverständnis, war wie ein Auftrag sich gegen diese Indoktrination zur Wehr zu setzen. Deshalb hob ich die Stimme, so dass mich jede der Frauen, die von einem paar dahergelaufenen Männern abgeurteilt wurden, hören konnten.
„Wir sind weder zu dick noch zu dünn, weder zu künstlich noch zu natürlich, weder zu feminin noch zu maskulin gekleidet. Wir sind so, wie wir uns wohlfühlen“, begann ich.
„Es ist völlig irrelevant, was andere über uns denken, zumindest über unser Aussehen“, ergänzte meine Freundin.
„Niemand, der uns nicht kennt, hat ein Recht über uns zu urteilen“, fuhr eine andere Frau, offenbar durch uns befeuert fort.
„Es ist wichtig, die in die Schranken zu weisen, die immer noch meinen, sie hätten ein Recht auf dieses Urteil. Es ist nicht nur eine Provokation, sondern eine Entwürdigung“, sagte eine weitere.
„Um das zu verhindern, um zu zeigen, das lassen wir uns nicht länger gefallen, müssen wir zusammenstehen und aufhören, uns gegeneinander ausspielen zu lassen“, kam eine weitere unterstützende Stimme, der zustimmendes Gemurmel folgte.
„Deshalb, meine Herren, lege ich Ihnen nahe, Ihren verbalen Dünnschisse für sich zu behalten, falls Ihnen das möglich ist oder wir werden anfangen, in gleicher Manier über Sie zu sprechen“, wandte ich mich nun direkt an die despektierlichen Männer.
„Wir könnten Ihnen sagen, dass Ihr Doppelkinn ungustiös ist, der Schweißgeruch impertinent, die Flecken auf der Kleidung peinlich, die Haare, die Ihnen statt auf dem Kopf aus den Ohren und der Nase wachsen eklig und die Garderobe im Ganzen so, dass Frau nicht ein zweites Mal hinsehen möchte“, erklärte nun meine Freundin ruhig.
„Das tun wir aber nicht, weil wir uns nicht auf Ihr Niveau hinunterbegeben, aber seien Sie versichert, keine Frau wird sich für Sie interessieren und schon gar nicht sich von Ihrem Urteil beeinflussen lassen“, meinte eine andere.
Verkniffen sahen die beiden Männer von einer Frau zur anderen, die allesamt ihren Blicken standhielten.
„Komm, wir gehen, das sind doch alles wildgewordene Emanzen, die mal wieder Spaß daran haben, auf Männer loszugehen“, meinte der eine.
„Sind sie nicht arm, die beiden?“, wandte ich mich an alle anwesenden Frauen, „Aber Mami wird sie trösten.“
„Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Frauen aufwachen und sich die Beurteilung von Männern nicht mehr gefallen lassen, dass sie es nicht mehr zulassen, entzweit und gegeneinander aufgebracht zu werden. Es lebe die Solidarität“, sagte ich und die anderen stimmten mit ein, während die Herren nun endgültig das Weite suchten.
Was ist Eure Meinung? Ich bin gespannt darauf. Schreibt es mir gerne in die Kommentare.


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