Die Wohnung war verkauft, die restlichen Habseligkeiten, von denen sie meinte, dass sie sich nicht von ihnen trennen konnte, verstaute sie in ihrem und im Auto einer Freundin Elisa. Alles, was sie brauchte, hatte sie eingepackt. Nicht zuletzt einen Kundenstamm, der in ihrem Laptop verwahrt war. Für ihre Arbeit spielte es keine Rolle, wo sie sich aufhielt. Das schenkte ihr ein Gefühl der Sicherheit. Elisa hatte darauf bestanden, Magdalene zu begleiten. „Ganz ehrlich, Du bist schon ein wenig schräg“, hatte Elisa in ihrer bekannt euphemistischen Art erklärt, denn eigentlich dachte sie, dass Magdalena ziemlich durchgeknallt war, aber so weit wollte sie sich nicht aus dem Fenster lehnen, denn schließlich war es die Entscheidung ihrer Freundin, was sie mit ihrem Leben machen wollte, „Du lernst irgendeinen Typen auf Facebook kennen, der Dich einlädt und Du fährst los. Ich meine nicht nur auf Besuch, sondern um zu bleiben. Wenn es irgendwo in der Nähe wäre, bitte, aber das sind knapp 1.500 km bis nach Warna.“ „Das stimmt schon“, gestand Magdalena ein, „Aber ich habe einfach ein gutes Gefühl. Und hineinschauen kannst Du sowieso in keinen Menschen.“ „Das stimmt schon, aber ich will Dich zumindest begleiten, um mir den Typen anzusehen und ihm gleich zu erklären, dass er verdammt gut auf Dich aufzupassen hat“, meinte Elisa in ihrer resoluten Art. „Das freut mich sehr“, erklärte Magdalena, „Aber das wäre nicht notwendig.“ „Doch, das ist sogar unbedingt notwendig“, entschied Elisa und Magdalena widersprach nicht, denn eigentlich war sie sehr froh über die Begleitung.
Magdalena und Elisa fuhren im Konvoi, quer durch Ungarn, ebenso wie durch Rumänien und dann überquerten sie die Donau nach Bulgarien. Irgendwo schliefen sie ein paar Stunden, indem sie sich einfach auf einen Parkplatz stellten und die Augen zumachten. Endlich erreichten sie einen kleinen Ort in der Nähe von Warna, nicht ohne sich das eine oder andere Mal verfahren zu haben, denn was nützt es lesen zu können, wenn die vertrauten Schriftzeichen zu kyrillischen wechseln. Dennoch erreichten sie das Haus des Mannes, mit dem Magdalena von nun an das Haus teilen wollte. All dies geschah Ende August und es war noch sehr warm. Elisa stieg aus dem Auto und betrachtete das kleine Häuschen und den Grund. Sie befand es für in Ordnung. Der Eigentümer begrüßte sie und lud sie zum Essen ein. Elisa hatte ebenso wie ihre Freundin den Eindruck, er wäre vertrauenswüdig. Sie schätzte ihn um die 60. So trat Elisa guten Gewissens am nächsten Tag die Heimreise an, während Magdalena blieb.
Keinen Moment bereute sie ihren Schritt. Neun Monate später war sie immer noch dort. Es war ihr, als hätte sie eine Freiheit gefunden, die in Österreich nicht möglich gewesen wäre. Die Menschen waren arm, aber hilfsbereit. Es schien, als hätte Magdalena tatsächlich einen Ort gefunden, an dem sie bleiben wollte, einen Ort, an dem sie sich wohlfühlte, weil keiner fragte, woher man kam oder was man gelernt hatte, sondern man so genommen wurde, wie man war. Es war alles, was sie sich wünschte. Auch das Meer war nicht weit weg, so dass sie sich oft dort aufhielten. Das Leben konnte so schön sein. Beinahe hätte sie gesagt, es wäre perfekt. Es gab einen Menschen in ihrem Leben, der ihr in der Fremde half. Sie hatte die finanzielle Rückendeckung ihrer Kunden, die ihr immer wieder bestätigten, dass sie mit ihrer Arbeit zufrieden waren. Bloß zu billig war sie, raunten ihr wohlmeinende Stimmen immer wieder zu. Dennoch änderte sie nichts daran, denn sie brauchte nicht mehr.
Dann kam der Moment, da Magdalena meinte, sie bräuchte etwas Eigenes und könne ihrem Freund nicht immer am Rockzipfel hängen. Er half ihr eine passende Unterkunft zu finden. Tatsächlich stellte sich heraus, dass das einzig brauchbare Haus direkt neben seinem lag. Er half ihr mit den Formalitäten, dem Besuch beim Notar, den Verträgen und allem, was dazugehört. Eine Türe wollten sie in den Zaun machen, der zwischen ihren Häusern lag, damit sie sich jederzeit besuchen konnten. Miteinander Kaffee zu trinken und auch zu arbeiten. Die Zukunft lag rosig vor ihnen.
An einem wunderschönen, sonnigen Tag, den sie mit ihrem Unterkunftgeber am Strand verbrachte, geschah etwas, was sie zunächst völlig aus der Bahn warf. Ja, er war ein wenig übergewichtig und auch nicht mehr der Jüngste, aber damit hatte niemand gerechnet, konnte niemand rechnen. Er war gerade draußen im Wasser, als er sich an die Brust griff und sein Leben aushauchte. Hilfe kam rasch, aber nicht rasch genug, denn es war nichts mehr zu machen. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen. Magdalena war am Boden zerstört. Innerhalb dieser wenigen Monate war er zu ihrem besten Freund, ihrer Stütze geworden. Es war ihr, als würde sie den Halt unter den Füßen verlieren, in ein tiefes Loch stürzen. Sie fühlte sich wie gelähmt. Was sollte sie nun machen, ganz alleine, nur auf sich gestellt in der Fremde? Wie sollte es weitergehen? Sie fühlte sich wie gelähmt, so dass sie ihre Arbeit vernachlässigte und über diesen Menschen, der ihr so viel Kraft gegeben hatte, auch noch ihren wirtschaftlichen Boden verlor. Im Nachhinein bezeichnete sie diesen Winter, als den härtesten ihres Lebens. Neben der Verzweiflung über den Verlust, musste sie die Streitigkeiten der Verwandtschaft ihres Freundes ertragen. Die Verwandten interessierte nur das Haus, das sie geerbt hatten. Magdalena war es egal, denn sie hatte ihren Platz, aber er würde nie mehr derselbe sein, ohne ihren Freund. Sie musste mitansehen, dass das einzige, was die Verwandten interessierte, war, wieviel das Haus wert wäre. Der Mensch war ihnen egal. Magdalena war fassungslos, was Geld oder Besitz aus Menschen machen konnte. Dieser Streit legte sich erst, als die Erben persönlich ankamen, um ihren Besitz zu begutachten, der sich als wertlos herausstellte. Das Interesse verschwand und sie selbst auch. Und Magdalena erwachte mit dem Frühling zu neuem Leben. Sie würde, musste das schaffen. Sie hatte ihr Haus und eigentlich sollte man meinen, dass sie nun ruhig und zufrieden ihr Leben einrichten würde. Sollte man, aber Magdalena war anders und das letzte Wort noch lange nicht gesprochen. Denn sie wollte eigentlich noch viel mehr von der Welt sehen. Doch wie sollte sie das machen, jetzt, da sie ein Haus besaß?

