Unsere Reise nach Ravenna: Brief 2

Unsere Reise nach Ravenna: Brief 2 – Alle Geschichten

Für Dich, der Du meine Sehnsucht nährst!

Vor einiger Zeit bin ich hier angekommen, hier in Dechantskirchen. Nein, angekommen ist das falsche Wort, denn ankommen würde wohl implizieren, dass ich am Ziel bin. Das bin ich wohl noch lange nicht. Abgesehen einmal davon, dass das Ziel nicht einfach ein Ort ist, an den ich fahren und dann bleiben kann. Ich habe es noch nicht gefunden, dieses Wo, das Ziel heißt, wo ich bleiben kann, weil es keine Sehnsucht gibt, die mich wieder forttreibt, wo auch immer hin, einen Ort, an dem meine Unruhe aufhört und ich Frieden mit mir selbst finde. Noch bin ich allzu hungrig nach dem Leben – was auch immer das heißen mag. Noch bin ich voller Sehnsucht nach Dir.

Nur drei Dinge hast Du zu erledigen! Hast Du zumindest gesagt. Was können das für drei Dinge sein, dass ich noch nicht einmal ein Lebenszeichen von Dir bekommen habe?

Vor einiger Zeit bin ich also hierhergekommen. Ich kann Dir nicht sagen, wann es war, denn ich habe beschlossen nicht mehr auf die Uhr zu sehen. Wozu auch? Es gibt nichts, was mir die Uhr diktieren könnte, hier auf dieser, unserer Reise. Im normalen Leben, ja, da ist es notwendig, denn da ist der Tag verplant, mitunter auch die Nacht. Wir müssen Verabredungen, Arrangements treffen, denn sonst würde nichts funktionieren. Ich sehe durchaus ein, dass das so zu sein hat, doch hier, ausgeklinkt sozusagen aus dem normalen Leben, beinahe wie ein Aussteiger, allerdings befristet, da gibt es keinen Grund mir von der Uhr diktieren zu lassen was ich wann zu tun habe.

Ich esse, wenn ich hungrig bin, schlafe, wenn ich müde bin, und wenn ich es an einem Ort nicht mehr aushalte, fahre ich zum nächsten. Völlige Freiheit und sanftes Loslassen, aber auch gänzliche Verlorenheit in die Unendlichkeit der Möglichkeiten und an das Losgelassen-sein.

Ich sollte glücklich sein, sollte frei durchatmen können, und doch scheine ich kaum Luft zu bekommen. Ich bin festgefahren im Gedanken an Dich und der Sehnsucht nach Dir. Es ist, als würde ich erst werden, sein, wenn Du da bist. Umso länger Du fort bist, desto enger schnürt sich mein Herz, als wenn ein Korsett darum gelegt wird, das unablässig enger geschnürt wird, raubt mir die Kraft zu atmen, die Kraft zu denken, bis auf diesen einzigen, einsamen, verlorenen Gedanken. Drei Dinge, bloße drei Dinge, nur das, und Du kommst zu mir, Du hast es mir versprochen.

Ich bin also hier angekommen und durch den Ort spaziert. Irgendwo wollte ich in Ruhe einen Kaffee trinken. Kaffee getrunken habe ich, das ja, nur nicht in Ruhe. Kaum, dass ich saß, trieb es mich wieder weiter. Danach habe ich mir ein Zimmer gesucht und gefunden, ein kleines, nettes Zimmer für diese eine Nacht, doch auch dort hielt es mich nicht, hielt ich es nicht aus. Bloß nicht stillstehen, immer weiter gehen, wie eine Getriebene, immer, immer weiter. Nur, wenn Du kommst, mich in den Arm nimmst, nur dann kann ich Ruhe finden, doch Du bist nicht hier. Die Sehnsucht tut weh. Ich will dem Schmerz entkommen, doch wohin soll ich mich wenden, um mir selbst zu entkommen? Wie war die Zeit, in der es diese Sehnsucht noch nicht gab, diese Zeit vor Dir? Gab es diese Zeit überhaupt? Zu lange schon folgt mein Leben dem einen Rhythmus, von einem Mal Du zum nächsten Mal Du, zu lange, als dass ich mich daran erinnere, dass es je anders gewesen wäre, anders hätte sein können. Ich will mich gar nicht daran erinnern. Ich habe sie nur vergessen, für mich um das Glück des Augenblicks willen, vergessen, um im Fokus zu bleiben, aller Ungerechtigkeit und Fahrlässigkeit meinem Werden gegenüber zum Trotz, denn ja, es gab auch davor schöne, beglückende Momente. Ich will es nicht mehr wissen. Denn die Zeit mit Dir, das muss die beste Zeit meines Lebens sein, muss sein, muss einfach so sein.

Bis jetzt wusste ich immer, wann dieses nächste Mal Du sein würde. Darauf habe ich hingelebt. Doch jetzt, jetzt weiß ich nicht, wann das sein wird. Heute? Morgen? Irgendwann?

Du hast mich hineingestoßen, in diese unerträgliche Ungewissheit mit Deinen drei Dingen. Worauf soll ich zustreben, wenn es nicht zu Dir ist? Habe ich denn sonst noch etwas, worauf ich hinstreben könnte, da ich keine drei Dinge habe, nicht einmal eines? Sinn- und ziellos treibe ich durch das Meer der Zeit, in dem jeder Tropfen gleich ist, da ihm die Struktur fehlt, die Du ihm verliehen hast, seit jenem ersten Tag, am Anfang der Zeit.

Kannst Du Dich noch erinnern, an diesen Tag, da wir uns zum ersten Mal begegnet sind? Du hast mir die Hand gereicht, wie es eben üblich ist, wie es die Konvention verlangt. Kann sein, dass ich etwas zerstreut war, wie immer. Diese gewisse Grundaufgeregtheit, wie Du es irgendwann genannt hast, die mich immer beherrschte, doch dann fand mein Blick Deine Augen, die es schafften, all die verstreuten Teile meiner Selbst zusammenzuziehen, zu zentrieren. Ich war zutiefst betroffen, weil ich noch niemanden getroffen hatte, der mich zu mir selbst zwang. Wir sahen uns zum ersten Mal, und doch war es mir, als würden wir uns schon ewig kennen, so vertraut warst Du mir, obwohl ich nichts von Dir wusste, war alles Wissen von Dir in mir grundgelegt, vom Anfang der Zeit an. Es musste nur noch gehoben werden, gleich einem versunkenen Schatz.

Von diesem Moment an war ich Dir Du. Nein, es lief natürlich nicht so reibungslos wie ich es jetzt vorzutäuschen suche. Mein erster Gedanke war Flucht, doch wohin sollte ich fliehen, hinaus aus meinem Kopf? Deine Augen hatten sich eingebrannt, der Klang Deiner Stimme umschmeichelte meine Seele. Deine Augen und Deine Stimme dünkten mir wie Nektar und Ambrosia, während, doch nicht zur Sättigung, sondern nur das Verlangen fortschreibend. Du – das war das Wort, das Du mir eingebrannt hattest. Du, das ich nur mit dem ganzen Wesen sprechen kann. Ich öffnete meine Hände, streckte sie Dir entgegen, um anzunehmen was immer Du mir auch geben würdest. Ich öffnete meinen Mund Dich in mich aufzunehmen, Gift oder Medizin. Und flehte, bettelte, lass mich nicht allein, bleib bei mir, wie Du es warst, vom Beginn der Zeit, verlass mich nicht, bis zum Ende der Zeit.

Jedes Mal fühlte ich mich wie zerrissen, mitten entzwei, wenn ich von Dir gehen musste, um mich jedes Mal neu zusammensetzen zu lassen, wenn ich wieder zu Dir kam. Von diesem Moment an war die Sehnsucht meine ständige Begleiterin, ward ich eine Getriebene zwischen zwei Zuständen, mit Dir oder ohne Dich. Die Sehnsucht trieb mich zu Dir, doch wohin soll ich mich wenden, jetzt, da Du noch drei Dinge zu tun hast, nur noch drei Dinge, und ich nicht einmal eines.

Drei Dinge, die Du zu tun hast. Vielleicht sind es inzwischen nur mehr zwei oder gar nur mehr eines oder keines. Möglicherweise bist Du schon auf dem Weg zu mir. Der Gedanke kam mir, als ich gerade durch die umliegenden Felder streifte. Es könnte ja durchaus sein, dass Du schon hierher unterwegs bist, nein, dass Du gar schon da bist, dass Du da bist und mich suchst, dass Du da bist und mich suchst und mich nicht findest, dass Du da bist und mich suchst und mich nicht findest und wieder zurückfährst, und ich das einzige verpasse, worauf ich hoffe, worauf ich warte, wohin ich strebe, sonst nichts, nichts mehr.

So schnell ich konnte rannte ich zurück ins Hotel, zu dem kleinen, netten Zimmer, das ich mir für diese Nacht genommen hatte, doch es war ebenso leer und einsam wie ich es verlassen hatte, und leer und einsam bedeutete, dass Du nicht da warst. Nichts weiter und doch alles. Langsam ging ich wieder, hinaus zu den Feldern, denn die Leere und Einsamkeit konnte ich nicht ertragen, die in diesem Zimmer ohne Dich wohnte, und eigentlich konnte ich auch die Leere und Einsamkeit im Ohne-Dich draußen nicht ertragen.

Das Korsett wurde fester und fester geschnürt. Ich spazierte durch die Felder, kreuz und quer, ohne auf irgendetwas um mich zu achten, bis die Dämmerung hereinbrach und eine tiefe Erschöpfung. Ich legte mich ins Gras und sah hinauf zu den Sternen.

Wie viele von diesen drei Dingen Du wohl schon erledigt haben würdest? Wenn Du mich suchtest, wüsstest Du wo. Und wenn nicht? Ganz, ganz rasch verbannte ich diesen Gedanken aus meinem Kopf, doch immer wieder bahnte er sich den Weg an die Oberfläche, gleich einem ekligen Geschwür, das sich unaufhörlich mit Eiter füllt, wie oft ich es auch aufsteche und austrockne. Was, wenn diese drei Dinge, die Du zu erledigen vorgabst, nichts weiter als ein Vorwand waren, um mich allein loszuschicken, auf diese, unsere Reise? Was, wenn Du überhaupt nie die Absicht gehabt hättest nachzukommen, sondern mich nur hinhieltest, mit der Hoffnung, ich würde Dich irgendwann einfach vergessen?

Drei Dinge hattest Du zu tun – und ich nur das eine: nicht wahnsinnig zu werden vor Sehnsucht. Ich wollte sie hinausschreien, um sie loszuwerden, doch sie durchschnitt meine Kehle wie brennendes Wasser. So ähnlich musste es sich wohl anfühlen, wenn einem bei lebendigem Leib das Herz herausgerissen werden würde. Laufen, bis zur Erschöpfung, bis das Spüren aufhört, bis das Denken verblasst, bis zur totalen Erschöpfung. Doch ich konnte mir selbst nicht entkommen, so sehr ich es auch versuchte, ich konnte dem Strudel an destruktiven Gedanken, der sich immer schneller drehte und mich immer tiefer in sich hineinzog, nicht entkommen.

Ich habe mit Dir gearbeitet, und konnte nicht mehr ohne Dich arbeiten, ich habe mit Dir gesprochen, und konnte nicht mehr ohne Dich sprechen, ich war mit Dir neugierig, und konnte nicht mehr ohne Dich neugierig sein, ich habe mit Dir gegessen, und konnte nicht mehr ohne Dich essen, ich bin mit Dir gegangen, und konnte nicht mehr ohne Dich gehen, ich habe Dich geliebt, und konnte nicht mehr ohne Dich lieben, und ich habe mich Dir hingegeben, und konnte mich niemandem mehr hingeben. Mein ganzes Leben war zu einer einzigen Zwiesprache mit Dir geworden, vom Erwachen bis zum Einschlafen, ob offen oder nur in meinem Kopf, alles gleich. Ich bin mit Dir gewesen und konnte nicht mehr ohne Dich sein. Nein, mehr, ich bin Dir Du geworden, und nur mehr als dieses, Dein Du, kann ich sein.

Doch ohne Dich gibt es das Du nicht mehr, gibt es mich, als das, was Du aus mir gemacht hast, nicht mehr. Ohne Dich bin ich nur mehr eine Negation meiner Selbst. Und da habe ich ihn zum ersten Mal zu denken gewagt, diesen Gedanken, der sich aufdrängte, und den ich doch nicht wahrhaben wollte. Was ist, wenn Deine drei Dinge nur ein Vorwand wären nicht zu kommen? Was, wenn Du gar nicht kommen wolltest? Es war gedacht und präsent. Mit diesem Gedanken erreichte der Schmerz seinen Höhepunkt. Du hattest mich verlassen! Dessen war ich sicher, in diesem Moment. Du hattest mich negiert! Dessen war ich mir sicher, in diesem Moment. Trotz des Schmerzes war dieser Gedanke wie eine Befreiung: Ich war bereit das für mich Schlimmste zu denken, also war ich auch bereit, es zu ertragen.

Mein Blick wurde wieder klarer. Ich sah in den Sternenhimmel über mir und wusste, ich würde warten können. Wie auch immer, wann auch immer – alles Kleinigkeiten, Armseligkeiten im Meer der Unendlichkeit. Nicht, dass ich meinen Schmerz klein machen wollte, denn ich habe den Moment der Glückseligkeit ebenso gekostet, also musste ich auch den Moment des Schmerzes kosten, Moment, dem Ewigkeit innewohnt, denn hier wie dort wird die Wahrnehmung auf diesen winzigen Ausschnitt zusammengedrängt, so dass nichts anderes mehr zu existieren scheint.

Irgendwie kam ich in mein Zimmer zurück. Meine nächste Station wird Graz sein. Dort kannst Du mich morgen finden, wenn Du mich suchst, wenn Du Deine drei Dinge erledigt haben solltest. Wenn Du mich nicht suchst, wenn Du fernbleiben willst, dann kann ich es auch nicht ändern.

Die Nacht beruhigt mich, denn sie bleibt gleichmütig, dem Glück gegenüber ebenso wie dem Schmerz. Es war eine Nacht, in der wir unseren Platz fanden, im hohen Gras unter der Trauerweide, neben dem See, eine ebenso sternenklare Nacht wie diese, in der wir miteinander dort auf der Decke lagen, gemeinsam unsere Gedanken fliegen ließen und das miteinander träumten, in dem wir waren. Ich streichelte vorsichtig durch Deine Haare, über Dein Gesicht, um das Dich-spüren mitzunehmen, in diesen anderen Teil meines Lebens, in dem Du nicht bist und nie sein kannst, wühlte meine Nase in Deine Haare, um Deinen Geruch mitzunehmen – allzu schnell nur verwehen diese sinnlichen Eindrücke, und was bleibt ist die Leere.

Von der, deren alleinige Sehnsucht Du bist.

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