Die Reisende (3)

Die Reisende (3) – Alle Geschichten

Der Freund, wie ihn die Reisende nennt und weil es ihr Zugang zu ihm ist, diese Art der Verbundenheit. Trotzdem. Trotzdem? Ja, trotz dem Umstand, dass sie sich in vielem nicht verstehen. Der Freund hat einen Stützpunkt, auch wenn er fast nie dort ist. Er will diese Sicherheit einer Möglichkeit, zurück kehren zu können, wenn er wieder einmal weg ist. Er reist nicht, er geht weg. Auch und vor allem von diesem Ort. Sobald er weg ist, will er wieder zurück. Und wenn er in die wohlbekannte Umgebung kommt, atmet er auf. Kurz darauf scheint ihm die Enge des Kennens wieder die Luft abzuschnüren, als wäre er ein Gefangener des Bekannten. Nicht Vertrautem, denn er lässt Vertrautheit nicht zu. So gut wie nicht. Außer zu der Reisenden. Deshalb ist er trotzdem der Freund.

Es gibt vieles, was sie trennt, doch da gibt es eine Sache, eine einzige, die sie so fundamental verbindet, dass es all das Trennende aufhebt. Es ist dieses Gefühl der Verlorenheit in einer Welt, in die sie so falsch scheinen, weil alle anderen anders sind. Es genügt, sie zu Vertrauten, ja Verbündeten werden zu lassen, während sie sich einer Menge von Menschen gegenübersehen, die so anders sind, dass sie nicht vertraut, damit werden können. Sie sind sich einander. Die Reisende sieht den Freund nicht oft. Er ist woanders, wenn sie Lust hat, ihn an seinem Stützpunkt zu besuchen. Und wenn er an seinem Stützpunkt ist, will sie ihn nicht besuchen. Sie bewegen sich aneinander vorbei. Räumlich. Zeitlich. Manchmal, sehr selten, klappt es doch. Sie sind sich aber gedanklich verbunden. Dann geht es der Reisenden besser. Sie brauchen nicht zu kommunizieren, um umeinander zu wissen. Einmal nur, da ist er aus sich herausgegangen. Sie hat es herausgefordert, weil sie wissen wollte, ihn wissen wollte. Er gewährte ihr einen Einblick in seinen Schmerz, der ihn den größten Teil seines Lebens mit sich getragen hatte und den er zuzudecken, aber niemals zu heilen vermochte. Vielleicht wollte er es auch gar nicht mehr. Er hatte ihn so lange mit sich getragen, dass er ein Teil von ihm war, der ihn wieder zurückführte in die Lebendigkeit. Lebendigkeit im Schmerz. Sich selbst fühlen im Schmerz. Auch das kann Leben sein. Verworren. Vielleicht. Absurd. Durchaus denkbar. Aber ist ein Leben, das beginnt und endet, nicht eine Absurdität an sich? Wenn man sich nicht über sich hinausbewegt, sowieso. Manche meinen, es ist der Nachwuchs, der sie bleibend macht. Und dann kann dieser Nachwuchs es nicht erwarten, diese Vorfahren so schnell wie möglich aus ihrem Gedächtnis zu tilgen. Taten, die sich einprägen. Geschichten, die man erzählt. Alles nur, um die Absurdität nicht mehr zu spüren. Es ändert aber nichts daran. Nihilismus ist zu kurz gegriffen. Fatalismus ist ein Akt sich nicht zu beteiligen. Ablenkung ist die Art des Freundes, damit umzugehen. Die Reisende beobachtet, nimmt zur Kenntnis und wenn es notwendig ist, in den Arm. Wenn es hilft. Wenn sie einander begegnen. Diese wenige Male des Zusammenseins. Wollen wir in unserer Freundschaft bleiben? Das hatte der Freund die Reisende gefragt. Aber eigentlich war es keine Frage, auch wenn sie so formuliert war. Es war vielmehr eine Feststellung. Weil der Freund wusste. Weil der Reisende wusste. Manchmal stellt man Fragen, auch wenn man weiß. Ja, wir wollen in der Freundschaft bleiben. Das hatte die Reisende gesagt. Es war wie eine Antwort formuliert. Aber es war keine Antwort. Es war eine Feststellung zu einer anderen, weil sie darin blieben, egal was passierte, in dieser Verbundenheit, die sie ein klein wenig vergessen ließ, wie verloren sie waren, in dieser Welt. Als der Freund und die Reisende ist es zu ertragen. Nach wie vor. Dann kommen sie zusammen, an seinem Stützpunkt. Weil er einen hat. Sie nicht. Dann loten sie aus, das Verstehen und das Nicht-Verstehen. Sie atmen auf, wenn sie wieder auseinander gehen. Doch kurz darauf schnürt es ihnen die Kehle zu. Weil das Vertraut-sein als ihr Fundament und die Verbundenheit jedes Nicht-Verstehen aufwiegen. Nochmals in eine Vertrautheit umfassen. Es ist so absurd, in dieser Konstellation, wie das Leben, das sie durchschaut haben. Die Reisende. Der Freund.

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