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Life is too short for boring stories

Erwartungen sind etwas Trügerisches, denn sie müssen mit der Realität nicht viel zu tun haben. Zumeist scheitern wir an der Unübertragbarkeit von Wünschen. Diese nennen wir dann im Nachhinein Erwartungen. Wünsche können als etwas Nebulöses abgetan werden. Von Erwartungen behaupten wir, dass sie vorhersehbar sind und somit auch vom Anderen verstanden oder gesehen werden müssen. Besonders fatal wird es, wenn wir meinen, es müsste sich von selbst verstehen und der Andere ist bloß nicht aufmerksam genug, wenn er es nicht sieht. Doch nichts versteht sich im Leben von selbst. Nur, dass sich nichts von selbst versteht, sollte sich von selbst verstehen. Aber da rennt Martinique bei dem Einen offene Türen ein, bei dem Anderen geschlossene, was doch recht schmerzhaft sein kann, wie sie bereits erfahren durfte. Daraus hatte sie gelernt, ihre Erwartungen, soweit es andere betraf, auf ein Minimum herunterzuschrauben.

„Ich glaube an Deine Offenheit und Zugewandtheit, den Willen mich anzunehmen“, sagte sie schließlich, sich aus Christians Umarmung windend. Es redet sich so schlecht, wenn man von einem Arm umschlungen und damit auch ein wenig gefangen ist. Nicht, dass sie es nicht ab und an genoss, gehalten zu werden, aber nicht, wenn sie sich und ihre Gedanken ausbreiten wollte.

„Ich glaube nicht“, erklärte Christian rundweg, „Glauben, das hat für mich so etwas Schwülstiges und Unhinterfragbares. Du kannst das Fertige nehmen wie es ist, oder Du musst es lassen. Das ist mir zu absolut.“

„Du glaubst nicht? Was glaubst Du nicht?“, fragte sie entsprechend.

„An nichts, was so vorgegeben ist. Ich weiß was ich weiß, oder eben nicht. Dazwischen gibt es nicht viel“, erklärte er, trotz allem abwägend, „Ich denke, ich brauche es auch nicht. Ich meine, ich sehe keine Relevanz. Es ist wie es ist. Und was nicht ist, ist eben nicht, aber es hilft mir nicht weiter, wenn ich mich im Dubiosen verliere. Ganz im Gegenteil. Sich zu verlieren ist immer gefährlich.“

„Auch wenn es ein Du ist, an oder in das Du Dich verlierst?“, warf sie ein.

„Gerade wenn es ein Du ist, ganz egal wie Du es definierst, als Lebewesen, oder als Gott. Nichts als Projektion von Wünschen, die sich nicht erfüllen, nicht erfüllen können“, meinte er folgerichtig, „Mir kommt es vor wie eine Flucht aus der Wirklichkeit oder die Abgabe von Verantwortung. Wenn es jemand gibt, der für alles verantwortlich ist, dann bin ich aus dem Schneider. Damit mache ich es mir viel zu leicht.“

„Wo ich sage, ich glaube, da meine ich, dass ich Vertrauen in jemanden setze, der mich behütet und beschützt und leitet“, erklärte sie nachdenklich, „Damit ich nicht so verloren bin in dieser Welt.“

„Und warum gibt es dann so viele Verlorene in dieser Welt, wenn es wirklich dieses Du gäbe, von dem Du sagst, Du setzt Dein Vertrauen in dieses?“, erwiderte er postwendend, „Wenn es das Du gibt, dann frage ich mich, warum so viele von ihm vergessen werden. Warum lässt es das Leid und das Elend und die Grausamkeit zu? Dann ist es doch entbehrlich.“

„Aber es gibt auch das Glück und die Hoffnung und die Liebe“, meinte sie, und es klang schwach, selbst in ihren Ohren.

„Es ist doch schön, wenn man noch Illusionen von den Menschen hat“, sagte er trocken.

„Du wolltest wohl sagen, wenn man noch naiv genug ist“, gab sie zurück.

„Nein, so wollte ich es nicht sagen, sonst hätte ich es so gesagt“, beschwichtigte er.

„Aber ich mache Dir einen Vorschlag, wir gehen da hinaus in die Welt und sehen sie uns an, und wenn wir sie finden, die verändernde Kraft der Liebe, dann …“, begann sie, um doch nur unterbrochen zu werden.

„Du meinst so wie Zeus und Hermes in der Erzählung von Philemon und Baucis von Ovid, die da auszogen einen Gerechten zu finden?“, warf er ein, „Aber was, wenn wir ihn finden, oder eben jene Kraft?“

„Dann können wir zurecht sagen, dass es Sinn macht zu vertrauen, sogar Dir“, sagte sie spitz, um ihn einfach mitzunehmen, hinaus in diese Welt, die an sich weder gut noch schlecht ist, sondern nur die auszuhalten hat, die dieses oder jenes sein können. Und es war die Zeit, da sich der neue Tag anschickte zu werden.

„Wir wollen der aufgehenden Sonne entgegen gehen“, schlug sie vor, und er nahm ihre Hand und ging mit ihr.

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