Nein, Menschen brauchen Tiere nicht zu lieben, nicht einmal besonders zu mögen. Das ist unseren nicht-menschlichen Mitgeschöpfen ziemlich egal. Außer denen, die wir so kaputt gemacht haben, dass sie vom Menschen abhängig sind, wie die Hochleistungskuh, die gemolken werden muss, weil wir ihr eine Milchleistung angezüchtet haben, die weit über das hinaus geht, wofür sie eigentlich Milch gibt, nämlich ihr Baby. Oder die Hühner, die so kaputt gemacht wurden, weil sie viel zu schnell wachsen, dass ihr Körper das trägt. Oder die Hunde, die aufgrund einer Qualzucht nur überlebensfähig sind, wenn man ihnen das Gaumensegel wegoperiert. Oder die Hühner, die so deformiert wurden, dass sie an ihrer eigenen Legeleistung zu Grunde gehen. Es gäbe noch viele weitere Beispiele von Mitgeschöpfen, die der Mensch für ein eigenständiges Leben untauglich gemacht hat. Daneben gibt es aber noch genug, denen es möglich ist, wenn wir sie nur lassen. Wenn nun das „Liebes“-Argument entkräftet ist, zeigen sich die wahren Abgründe.
„Es schmeckt ja so gut“ ist das erste, das man hört. Zunächst ist Geschmack anerzogen, was bedeutet, es geht, dass man sich selbst vom Esser toter Tiere zum Pflanzenesser umpolt. Deshalb zeigt es nur eines: Es geht um mein eigenes Wohlbefinden, meine Gelüste, mein Wollen und alle anderen sind mir egal. Es spielt keine Rolle, dass sie in Unfreiheit leben oder ausgebeutet oder getötet werden, so lange es mir schmeckt, nehme ich das alles in Kauf. Diese Art der Egozentrik, des Retardierens in das Betragen eines fünfjährigen Kindes, macht auch bei anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen nicht Halt. Egal, worum es geht, es will jeder als erster drankommen, das Beste bekommen und alles für sich. Die Distanz, die wir zu anderen Lebewesen aufbauen, um sie essen zu können, bestimmt auch unseren Umgang mit anderen Menschen.
Ein weiteres Argument ist, dass man ja den ganzen Wirtschaftszeig umbringt, wenn man kein Fleisch mehr isst oder andere tierliche Produkte. Die armen Erzeuger*innen von Tierfutter oder den damit verbundenen Giften, die notwendig sind, um die Monokulturen zu erhalten, hätten keinen Absatzmarkt mehr und müssten wirtschaftlich zugrunde gehen. Aber das sind noch nicht alle, denn da sind noch die Landwirt*innen, die Fleischhauer*innen und die Schlachthöfe. Die würden auch in Konkurs gehen. Und weil wir schon bei den Verlierer*innen einer weltweiten Veganisierung sind, es müssten auch die Pharmabetriebe und die Gesundheits- oder besser Krankheitsinstitute herbe Verluste einstecken. Das ist nun vordergründig nicht egozentrisch, sondern dabei denkt man doch an das Wohl der anderen. Es ist nur spannend, dass einem plötzlich all die Verlierer*innen einfallen, wenn es darum geht, die eigenen Gewohnheiten nicht zu ändern, aber kein Mensch ein Problem damit hatte, als sämtliche Videotheken wegen den Streamingdiensten, immer mehr Händler*innen wegen dem Online-Angebot die Pforten schließen mussten. Offenbar fallen einem die Anderen immer nur dann ein, wenn es darum geht, die eigene Wohlfühlzone zu verteidigen. Letztlich auch ein Ausdruck der Egozentrik.
Über Jahrzehnte wurde uns eingetrichtert, dass wir alles, immer und überall, am besten sofort haben können, dass unsere Wünsche, egal wie abwegig, zu erfüllen sind. Dementsprechend beleidigt reagieren die meisten, wenn man ihnen nahelegt, dieses Konzept des „Immer und Überall und Sofort“ auch nur zu überdenken. Man ist es so gewohnt und will, dass es so bleibt, ganz gleich, welche Folgen diese Ansprüche zeitigen oder wer daran zugrundegeht. Diese Art der Egozentrik ist vorherrschend geworden in unserer Gesellschaft und findet sich in allen Bereichen des Lebens, auch in den Beziehungen zwischen Menschen. Dementsprechend groß ist die Enttäuschung, die wir erleiden, wenn andere Menschen nicht immer und überall und für alles verfügbar sind. Es wäre höchste Zeit, unseren Umgang miteinander zu überdenken und unsere Einstellung zum Leben. Es gilt den Blick zu erweitern und die Bedürftigkeit des Anderen zu sehen. Damit beginnen sich unsere eigenen Ansprüche zu relativieren. Sollte das Recht auf Leben nicht mehr wiegen als mein Genuss? Ist das Recht auf Unversehrtheit nicht höher zu werten, als mein Verlangen zu besitzen?
Das Leben, das ich nehme, ohne Not oder Notwendigkeit, kann durch nichts ersetzt werden. Ich habe genug Alternativen, so dass es nur eine Konsequenz geben kann: Dieses Leben zu lassen, frei und unangetastet. Das geht aber nur, wenn wir unsere Egozentrik überwinden und unsere Verantwortung für unser Handeln und Unterlassen ernst nehmen.

