Frau Margarete Taubenbruch ging einkaufen, Lebensmittel einkaufen. Das braucht man eigentlich nicht extra dazuzusagen. Es weiß jede, wenn man sagt, man gehe einkaufen, dass Lebensmittel gemeint sind. Manche machten das täglich. Frau Margarete Taubenbruch genügte es, an zwei Tagen in der Woche den nahegelegenen Supermarkt zu besuchen. Montags und freitags, jede Woche. Montags, um einzukaufen, was sie für sich brauchte. Und freitags, um sich mit den Lebensmitteln zu versorgen, die notwendig waren, um ihre Familie, die regelmäßig am Wochenende zu Besuch kam, zu verköstigen. Das waren immerhin sechs Personen, ihre Tochter mit Mann, ihr Sohn mit Freundin und zwei Kindern. Margarete Taubenbruch bekochte sie gerne. Seit ihr Mann tot war, gab es sonst niemanden, den sie mit ihren kulinarischen Leckerbissen beglücken konnte. Natürlich wusste sie auch, dass die jungen Leute sparen mussten. So konnte sie ihnen ein wenig aushelfen. Margarete Taubenbruch war ein guter Mensch. So hatte sie es gelernt und behielt es bei.
Deshalb konnte sie es auch nicht ignorieren, dass eines Tages ein Mann vor dem Supermarkt saß, die Mütze mit der offenen Seite nach oben vor sich hingelegt. Man muss es sagen, wie es ist und Margarete Taubenbruch erkannte es sofort, es war ein Bettler. Ein Mensch, der andere darum bat, ihm ohne Gegenleistung, Geld zukommen zu lassen. Dabei sah er so nett aus und gar nicht schmuddelig, wie sich die alte Dame einen Bettler immer vorgestellt hatte. Doch was sie noch mehr bewegte als der Mann, der jeder, die Münzen in seine Mütze warf, mit seiner angenehmen Stimme dankte, war der kleine Hund, der neben ihm lang. Ein Bettchen hatte der Mann für seinen Schützling dabei, auf dem er sich einrollte und still lag, solange sein Besitzer dort saß. All das hatte Margarete Taubenbruch in den wenigen Sekunden erkannt, die sie benötigte, um an dem Mann vorbei- und in den Supermarkt hineinzugehen. Dann begann sie zu überlegen, was sie tun sollte. Schließlich vergaß sie nie darauf, dass sie ein guter Mensch war und das beinhaltete, anderen, die in Not waren und um Hilfe baten, diese auch zu gewähren. Gewähren war das richtige Wort, denn in ihrer Großmut und Untadeligkeit würde sie es tun, wie einst Martin, der, auf seinem Pferd thronend, den Mantel teilte. So würde sie von ihrer erhobenen, stehenden Position, ein paar Münzen in die Mütze werfen. Sie war gerade beim Regal mit Mehl, Zucker und anderen Backwaren angekommen, als sie sich selbst eingestehen musste, es war noch zu wenig, was sie zu tun beabsichtigte. Ihr Gewähren wäre noch nicht vollständig. Doch was war es, was fehlte? Gedankenverloren schob sie dien Einkaufswagen weiter und als sie unvermittelt aufsah, fand sie sich vor dem Regal mit dem Heimtierfutter. Natürlich, das war es, sie musste auch dem kleinen Hund etwas bringen. Der konnte schließlich mit Geld nichts anfangen. Deshalb fischte sie ein Säckchen mit Leckerlis für den Vierbeiner aus dem Regal und legte es zufrieden in ihren Einkaufskorb. Als sie den Supermarkt verließ, gewährte sie, wie vorgesehen, die Münzen, die sie vorbereitet hatte, indem sie diese in die Mütze warf. Doch bei der milden Gabe für den Hund war es schwieriger, denn die wollte sie nicht einfach so hinwerfen. Deshalb trat sie näher an den Mann heran und drückte ihm diese in die Hand, wobei sie bemerkte, dass sie ihre überlegene Stellung als Stehende gegenüber einem Sitzenden nicht mehr ganz aufrecht halten konnte, denn sie musste sich ein wenig nach vorne beugen. Der Hund, der bis jetzt still gelegen war, schnupperte unversehens und erkannte, dass es sich um etwas handelte, was für ihn bestimmt war. Hurtig sprang er auf, wedelte mit dem Schwanz und forderte ein, was ihm gehörte. Lächelnd riss der Mann das Säckchen auf und gab seinem befellten Freund etwas von dessen Inhalt. Margarete Taubenbruch sah noch ein paar Momente zu. Dann verabschiedete sie sich galant mit einem leichten Kopfnicken, beseelt von dem erbaulichen Gefühl, ein guter Mensch zu sein.

