Wo ist mein Platz? (1)

Wo ist mein Platz? (1) – Alle Geschichten
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Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!

Vielleicht war es doch besser, damals, als es noch Stände gab und jede wusste, wo sie hingehörte. Einmal in einen Stand hineingeboren, blieb man dort für den Rest seines Lebens. Doch in einer Zeit, in der es offiziell weder Stände noch Klassen, weder oben noch unten gibt, da hat jede die Möglichkeit, alles zu machen, zu sein und zu erreichen. Frauen dürfen arbeiten gehen, aber sie müssen nicht. Genauso wie sie Hausmütterchen sein dürfen, wenn sie es denn anstreben, um sich liebevoll, einfühlsam und vor allem aufopfernd um Mann, Kinder und Hund zu kümmern. Man sagte mir, es könne etwas äußerst Befriedigendes haben. Aber egal, ob eine verheiratete Frau oder auch in einer Lebensgemeinschaft seiende die eine oder andere Variante wählt, so darf man nicht vergessen, dass diese Wahl nicht nur von ihr abhängt, sondern auch von dem mit ihr verbundenen – in welcher Weise auch immer – Mann. Allerdings ist darin ein Kriterium zu sehen, das den Ausschlag gibt bei der Partnerwahl. Deshalb nehmen wir nun drei junge Männer in Augenschein, die da doch ihre ganz genauen Vorstellungen haben. Ihre Namen sind Frederick, Ferdinand und Fridolin. Sie wurden in der Schule, wo sie bereits immer zusammensteckten, nur die drei Fs genannt, noch lange vor Fridays for Future gab, womit sie allerdings nichts am Hut haben.

Frederick, Ferdinand und Fridolin hatten miteinander ihre Schulzeit durchlebt und manchmal auch durchlitten, die Matura am selben Tag absolviert und hatten sich zum ersten Mal tatsächlich getrennt, als sie sämtlich ihre Studien aufnahmen, allerdings jeweils eine andere Richtung. So hatte sich Frederick für die Handelswissenschaften entschieden, denn er wollte dereinst erfolgreicher Unternehmer werden und dafür muss man handeln, im Doppelsinn des Wortes. Ferdinand war fasziniert von der Jurisprudenz. Weniger, weil er etwas mit Gerechtigkeit am Hut gehabt hätte. Da wäre er bei dem Studium sowieso gänzlich falsch gewesen. Ihm gefielen nur die Roben, die die Richter*innen tragen. Eines Tages, so war er sich sicher, würde er sich auch in einer stolz präsentieren und das Recht in seinen Händen halten. Entscheidungsgewalt, ohne dass ihm jemand dreinreden könnte, ja, das gefiel ihm. Fridolin hatte sich entschlossen, das Leben zu studieren, also Biologie. So unterschiedlich ihre Entscheidungen betreffs der akademischen Ausbildung waren, so weit gingen ihre Vorstellungen von Partnerschaft und Familie auseinander. Frederick meinte, eine Frau für sich einnehmen zu wollen, die selbst Geld verdiente und ansonsten alles machte, was eine gute Frau und Mutter auszeichnete, denn die neue Generation Powerfrauen, die schaffte das mit links, war er überzeugt. Deshalb lachte er sich Sabrina an, eine ehrgeizige, feministisch ausgerichtete Kommilitonin. Ferdinand hingegen war der Meinung, seine Frau sollte sich auf ihre weiblichen Tugenden besinnen. Was nichts anderes bedeutete, als dass sie ihre Erfüllung am heimischen Herd und mit der Obsorge für Mann und Kind finden sollte. Seine Wahl fiel, wenig überraschend, auf die schüchterne Susanne, die er vom Markt kannte. Sie war gelernte Gärtnerin und sollte ihre Kenntnisse im Familienverband einbringen. Fridolin gefiel keines der beiden Konzepte. Er meinte, er würde sich eine Frau wünschen, die seine akademischen Ambitionen teilte, also eine echte Lebens- und Arbeitspartnerin. Er sollte sie in Sybille finden, die mit ihm studierte.

Letztlich richteten sich alle drei Paare in ihrem Lebensentwurf ein. Frederick gründete ein florierendes Handelsunternehmen, während seine Frau eine Agentur ins Leben rief, die sich auf Marketing spezialisierte. So nebenbei, wie das bei Powerfrauen üblich ist, bekam sie zwei Kinder und buk offiziell die Kuchen für die Kindergeburtstage. Ferdinand wurde zuerst Anwalt, dann Staatsanwalt und zuletzt tatsächlich Richter, während seine liebe, süße, kleine Frau vier Kinder bekam und ihm des Abends, nett und adrett, zur Verfügung stand. Fridolin gründete gemeinsam mit Sybille ein Forschungslabor, das sie partnerschaftlich führten. Sechs Menschen also, die ihren Platz in der Welt gefunden hatten, an dem sie den von ihnen favorisierten Lebensplan verwirklichen konnten. Jedes Mal, wenn sie zusammenkamen, versicherten sie sich gegenseitig, wie glücklich sie doch mit ihrem Leben waren. Dies geschah zu Anfang recht häufig. Nach und nach reduzierten sich diese Treffen auf die Geburtstage. Es war anstrengend genug, jedes Mal darum bemüht, auch nicht den Hauch eines Zweifels über die Richtigkeit der jeweiligen Entscheidung aufkommen zu lassen. Schließlich durfte man nicht jammern, wenn man doch die Wahl hatte.

Mittlerweile waren 20 Jahre vergangen. Äußerlich war alles immer in geordneten Bahnen verlaufen, doch was dann geschah offenbarte, dass es innerlich ganz anders ausgesehen hatte. Susanne, Ferdinands Frau, hatte ihren Mann verlassen, von jetzt auf gleich, wie es schien. „Ich habe nie etwas bemerkt“, sagte Sabrina zu Sybille, als sie miteinander telephonierten, nachdem die Neuigkeit bis zu ihr durchgedrungen war. „Vielleicht sprechen wir mit ihr?“, fragte Sybille vage. Sabrina griff die Idee tatsächlich auf und die drei Frauen trafen sich in einem Kaffeehaus, um sich auszutauschen.

Du willst wissen, wie es weitergeht? Hier kommst zu Teil 2.

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