Es war ein wunderschöner Tag im Juni. Sie setzten sich auf die Terrasse des Cafés. Eigentlich glitten sie bei den diversen Treffen sofort in Small-Talk ab, aber Sabrina ließ es nicht zu, denn sie wollte die Möglichkeit nutzen, allein mit ihren Freundinnen zu reden. Es war eine ganz andere Stimmung, als wenn die Männer mit dabei gewesen wären. „Ist es nicht seltsam“, fasste Sabrina ihren Eindruck in Worte, „Es fühlt sich viel freier an, da unsere Männer nicht mit sind.“ „Das stimmt“, gab ihr Sybille recht, wenn auch aus anderen Gründen, denn sie wusste, dass Fridolin, ihr Mann, kein Interesse an zwischenmenschlichen Querelen hatte. Kein Interesse traf es vielleicht nicht ganz. Es handelte sich eher um mangelndes Verständnis. Er konnte mit solchen Dingen einfach nichts anfangen. So brillant er als Wissenschaftler auch war, das war nicht seine Welt. „Es ist mir, als könnten wir offen und ehrlich miteinander reden“, erklärte Sabrina und sprach die jüngsten Ereignisse offen an, „Ich habe gehört, dass Du Dich von Deinen Mann scheiden lässt.“ „Ja, das stimmt, und es war allerhöchste Zeit“, bekräftigte Susanne die Aussage. „Nun, dann erklär mir bitte, wie es so weit kam“, forderte Sabrina Susanne auf, „Was noch wichtiger ist, können wir Dich in irgendeiner Weise unterstützen, denn als Hausfrau …“
„Es ist gar nicht so leicht zu benennen, was dazu führte oder wie es so weit kam“, meinte Susanne nachdenklich, „Aber ich werde versuchen, es Euch zu erzählen. Ihr wisst ja, dass ich gelernte Gärtnerin bin, also nicht studiert habe, wie ihr. Ich stamme aus einer Arbeiter*innenfamilie und stellte es mir schön vor, nicht arbeiten zu müssen, sondern mich um Haus und Garten, Kinder und Mann kümmern zu dürfen, ohne die Bürde der Erwerbsarbeit mittragen zu müssen, wie es bei meiner Mutter und schon bei meiner Großmutter der Fall gewesen war. Ich hätte die Zeit Gemüse anzubauen, einzulegen und meine Familie wirklich gesund zu ernähren. Das alles schien mir durch Ferdinand möglich zu sein. Ihr wisst ja, wie charmant er sein kann. Außerdem wünschte er sich – so wie ich – eine große Familie. So heirateten wir und ich bekam hintereinander vier Kinder, die sich auch zu großartigen Menschen entwickelten. Vieles von dem, was ich mir erwünscht hatte, wurde auch eingelöst. Ich konnte für die Familie da sein, ohne den üblichen Stress. Jeden Abend, wenn er nach Hause kam, war das Abendessen bereitet. Ich engagierte mich danach auch in Kindergarten und Schule. Das fühlt sich für mich nach wie vor richtig an und ich bin sehr froh, mit meinen Kindern gewachsen zu sein, doch nach und nach schlich sich etwas anderes ein, das Gefühl, nicht mehr als eine Dienstmagd zu sein, zumindest für meinen Mann. Egal, was passierte, seine Bedürfnisse mussten immer im Mittelpunkt stehen. Er interessierte sich weder für die Kinder noch für mich. Wichtig war nur er. Natürlich hatte ich nicht viel anderes zu berichten, denn schließlich bestand mein Leben nur aus Haus und Kindern und ihm. Wehe, wenn etwas nicht ganz so war, wie er es sich vorstellte, dann konnte er regelrecht ausrasten. Und damit ihr nicht falsch denkt, nein, er hat mich nie geschlagen. Aber er schaffte es immer wieder, mich herunterzumachen, vorzugsweise vor den Kindern. Besonders den Mädchen schien er einzubläuen, dass eine Frau dieses Leben haben dürfte und sonst keines. Eine Dienstmagd für den Mann, nichts weiter. Er begann auch mit dem Haushaltsgeld zu knausern. Also begann ich zu überlegen, was ich tun könnte, um mir zumindest ein kleines Stück Unabhängigkeit zu erarbeiten. Dann kam ich endlich auf die Idee, ich würde das, was ich bisher nur zum Spaß gemacht hatte, zu einem Geschäft umwandeln, mein Gemüse und Obst vermarkten. Damit begann ich vor ungefähr fünf Jahren. Ich machte mir noch Sorgen, dass es Ferdinand nicht gutheißen würde, aber der bekam davon gar nichts mit. Denn etwas zur gleichen Zeit begann er immer öfter abends nicht nach Hause zu kommen. Am Anfang rief ich ihn noch an, weil ich mir Sorgen machte. Er machte sich zunächst auch noch die Mühe, sich Ausreden einfallen zu lassen, doch irgendwann hörte auch das auf. Fünf Jahre ging das so, wie gesagt und ich in meiner Naivität dachte einfach, es wäre wegen der Arbeit, bis ich entdeckte, dass er eine Geliebte hatte. All die Zeit, wie sich herausstellte.“ „Da hast Du ihn zur Rede gestellt und um die Scheidung gebeten?“, platzte Sabrina in die Erzählung. „Nein, so einfach war es nicht. Ich beschloss einen anderen Weg zu gehen“, erwiderte Susanne mit einem zarten Lächeln.
Du willst wissen, wie es weitergeht? Hier geht es zu Teil 3.

