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Life is too short for boring stories

Erst in Deinem Versteck hast Du es gemerkt. Gerade noch rechtzeitig. Noch nicht zu spät. In Deinem Versteck, das Dir Zuflucht bietet vor der Welt. In Deinem Versteck, in dem Du die Welt beherbergst. Nichts hast Du ausgelassen, von dem, was Du gesehen hast. Angesehen. Nicht wie andere, die einfach nur denken, ha, ein gutes Motiv, und schon wird geknipst. Du hast es angesehen. Du hast es komponiert. Sicher, die Welt ist wie sie ist, aber sie fügte sich in Deine Komposition. Oder fügtest Du Deine Komposition in die Welt?

Oder war es beides, ein Sich-Fügen der Welt in Deine Komposition und ein Sich-Fügen der Komposition in die Welt. Doch wenn Du bleibst, dann hat die Komposition weder Ton noch Silbe. Dann ist sie bei Dir, und doch ohne Bedeutung. Denn man kann nur das Tote halten. Das Lebendige muss man lassen, damit es auch am Leben bleibt. Vorsichtig hebst Du die Hand. Die Innenfläche nach oben gekehrt. Zur Faust geballt. Du siehst nichts als Deine eigenen Finger, und davon auch nur einen Teil. Dann lässt Du los. Streckst die Finger aus und spreizt sie voneinander ab. Fläche. So gerade wie möglich. Und siehe, das Leben lässt sich darauf nieder. Schwingt. Tönt. Singt. Gerade noch rechtzeitig hast Du es gemerkt, in Deinem Versteck.

 

Moment um Moment um Moment, die Du festgehalten hast, eingeschweißt in Kompositionen. Dein Takt. Deine Musik. Deine Stimme. Aber es kann nicht sein, ohne das, was sich Dir von außen zuträgt. Takt von außen. Musik von außen. Stimme von außen. Tritt ein in den Dialog. Bestimmst die Zeit. Lässt Dich von der Zeit bestimmen. Von der Stimmung einnehmen. Dann erst bildest Du ihn ab. Den Moment des Lebens. Früher hast Du gesagt, dass Du ihn festhältst oder bannst oder fixierst. Bis Du es gemerkt hast, dass Du ihn tötest, wenn Du ihn festhältst oder bannst oder fixierst. Doch jetzt, da Du es Dir zutragen lässt und abbildest, jetzt trittst Du ein, in den Dialog und der Moment, den Du mitnimmst, bleibt ein lebendiger. Spuren des Lebens. Einzelheiten. Momente. Für sich bleibend, und doch eintretend in ein Ganzes. Vertiefung und Verheißung. Bloß das Abgebildete, das immer auch über sich hinausweist. Moment um Moment um Moment.

 

Und es gibt kein Versteck mehr, nur noch Rückzug und Auszug. Du betrachtest den Moment, den die Photographie preisgibt. Du tauchst in ihn ein und in den Dialog, mit Deinem damaligen Ich, der damaligen Welt und entdeckst es neu mit Deinem Ich im Jetzt. Die Hand mit der Handfläche nach oben. Aufs Neue erhoben, wenn Du Deine Photographien hinausträgst. Du lässt es zu. Den Dialog außerhalb von Dir, außerhalb der eigenen Komposition. Teil von Dir. Die Handfläche geöffnet. Leben schenken, indem Du den Dialog ermöglichst, zulässt, dass der Moment Deiner Komposition in den Moment eines anderen gewandelt wird. Fremdheit oder einfach Unbefangenheit, die den Moment mustert, prüft, annimmt und seinen eigenen Dialog beginnt. Erzählt von einem Sehen, das nicht Deines ist, erzählt von einem Nicht-Sehen, das nicht Deines ist. Denn es lebt das Vorhandene und das Nicht-Vorhandene. Erzählt von einem Geschehen in Deinem Moment, die nicht Deine ist, erzählt von einem Nicht-Geschehen in Deinem Moment, das nicht Deines ist. Nicht-Deines und Deines, wie kleine Federn, die Deine Hand in die Luft wirft, die wieder herabsinken und sich zu einem Neuen ordnen. Deine Komposition in der Welt und die Welt in Deiner Komposition wird zu einem Unsere Komposition in der Welt und die Welt in Unserer Komposition. Wenn Du es zulässt, das zu lassen, was nur im dialogischen Prozess eine lebendige Bedeutung bewahrt.

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