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Life is too short for boring stories

„Herr Oberministerialrat haben nach mir gerufen?“, fragt ein kleiner, schmächtiger Herr beim Eintreten in das barock anmutende Arbeitszimmer des im Rang höherstehenden Beamten, untertänig.

„Ah der Herr Unterkommisär“, zeigt sich der mit Oberministerialrat betitelte Herr einen Hauch jovial gegenüber dem Rangniedrigeren, aber gerade solch einen feinen Hauch, dass es noch dem guten Ton entspricht, nachdem er ihn endlich erkannt hat, „Ich ließ tatsächlich nach Ihnen rufen, da mir schwerwiegende Vergehen zu Ohren kamen.“

„Aber doch nicht von meiner Seite?“, zeigt sich der Angesprochene bestürzt, bereit sofort sein Gewissen zu durchforsten und das kleinste Vergehen vor dem großen, imposanten Mann mit Schnauzbart auszubreiten.

„Doch nicht Sie. Wie kommen Sie denn auf sowas?“, erklärt der Oberministerialrat kopfschüttelnd, „Was könnten Sie auch schon anstellen? Sehen Sie sich doch an! Sie haben nicht die Möglichkeit zum kleinsten, unziemlichen Gedanken. Wirklich gut geraten, gut reguliert, muss ich schon sagen. Aber jetzt kommen Sie schon näher, setzen Sie sich da gegenüber und hören Sie mir zu.“ Eifrig folgt der Angesprochene dem Befehl seines Vorgesetzen, um im selben Moment, in dem er sich setzt, einen Block aus der Jacke zu zaubern. Einen Stift ebenfalls, bereit, jedes der nun folgenden Worte getreuest niederzuschreiben, um auch nichts zu vergessen.

„Packen Sie das weg, Mann, wir brauchen keine Aufzeichnungen. Sie müssen mir nur zuhören. Das was hier gesprochen wird, fällt unter die strengste Geheimhaltung. Ist das klar?“, meint der Vorgesetzte, woraufhin der Block und der Stift in der Tasche verschwinden. Das ist Antwort genug.

„Lassen Sie mich gleich in medias res gehen“, fährt der Oberministerialrat fort, „Was macht man mit einem Fluss, der über die Ufer tritt? Richtig, man reguliert ihn.“

„Reguliert ihn“, äfft der kleine, unscheinbare Mann nach.

„Natürlich, die Natur muss in ihre Schranken gewiesen werden, so schnell und unnachgiebig wie möglich. Wir können uns da keine Romantisierereien leisten, denn wo kämen wir da hin, wenn die Natur sich so mir nichts Dir nichts ausbreiten dürfte, wie sie wollte? Man reguliert. Denn sonst richtet der Fluss, unreguliert, ungeheuren Schaden an der Zivilisation an. Erinnern Sie sich an die letzten Überschwemmungen. Die Verwüstungen kosten Millionen. Millionen!“

„Millionen“, sagt der Untergebene nach.

„Richtig. Sie haben es verstanden“, zeigt sich der Vorgesetzte zufrieden, „Aber so hoch auch die Schäden sein mögen, die ein unregulierter Fluss anrichten kann, noch viel schlimmer sind die unregulierten Gedanken der Bürger.“

„Und Bürgerinnen“, ergänzt der kleine Mann, um sich sofort auf die Zunge zu beißen.

„Ja, die auch, meinetwegen“, zeigt sich der Mann mit Schnauzbart ein wenig genervt, „Wie auch immer, wir müssen die Gedanken regulieren. Wenn denen freier Lauf gelassen wird, dann wird unsere Zivilisation nicht nur unterspült, nein, dann wird das gesamte Gefüge auseinandergenommen und auf den Kopf gestellt. Subversive Elemente brechen sich Bahn. Anarchisten, Anarcho-Syndikalisten, Kommunisten, Freidenker, Libertäre und wie sie alle heißen mögen.“

„Subversive Elemente“, spricht der Zuhörende nach, um zu versichern, wiederum, dass er dem Redeschwall folgen kann.

„Und wie können wir die über die Ufer tretenden, unregulierten Gedanken unschädlich machen?“, fragt der Oberministerialrat, sich auf seinem Schreibtisch vorbeugend.

„Durch Kontrolle und Ablenkung?“, versucht sich der Angesprochene an einer zaghaften Antwort.

„Korrekt. Deshalb ist es unsere heiligste Pflicht, die Kinder in unseren Gewahrsam zu nehmen, sobald wir ihrer habhaft werden“, erklärt der höherrangige Beamte, „Wir nehmen ihnen die Lust am Denken, indem wir sie mit unnötigem Wissen vollstopfen, das keinen Sinn ergibt, sie im Wettkampf gegeneinander antreten lassen, das Solidarität und Zusammenhalt nicht einmal angedacht werden, sie mit Druck und Angst von der Neugierde und der Lebenslust heilen. Immer im Kampf um knappe Ressourcen, zeigen sie keine Ambition sich politisch zu betätigen und in den arbeitsfreien Stunden, die wir ihnen leider zugestehen müssen, füttern wir sie mit nichtssagenden Entertainment. Haben Sie mich verstanden?“

„Tun wir das nicht schon die ganze Zeit?“, wagt der Untergebene einen Einwand.

„Nicht genug, weit nicht genug“, erklärt der Oberministerialrat, „Wir müssen den Druck noch verstärken, die Möglichkeiten einengen, den Horizont verringern, wenn es sein muss durch noch mehr Angst.“

„Noch mehr Angst“, wiederholt der Angesprochene.

„Sehr gut, Sie haben verstanden. Sie können jetzt gehen, aber kein Wort zu irgendjemand, nur Soldaten der Regulierung sind gewünscht“, erklärt der Vorgesetzte, während sich der Untergebene mit einer kurzen Verbeugung verabschiedet und aus dem Büro eilt, begleitet von der Hoffnung, dass die Aufnahme gelungen ist, denn das würde die Genoss*innen sicher sehr interessieren. Schade nur, dass ihnen kaum jemand Glauben schenken wird.

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