Neid (1)

Neid (1) – Alle Geschichten
🎬 Start der Serie!

Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!

Langsam ließ Tia den Brief sinken, den sie von ihrer besten Freundin erhalten hatte. Zumindest war sie bis jetzt der Meinung gewesen, dass sie ihre beste Freundin war. Marianne hieß sie und dieser Brief, diese Aneinanderreihung von schier unzähligen Sätzen, hatte Tia zum Weinen gebracht. Ungeachtet dessen, dass ihr Name Tia Freude bedeutete, war sie nun abgrundtief traurig. Es war nicht nur, dass die Vorwürfe völlig unerwartet gekommen waren, sie verstand sie nicht. Hatte sie bis jetzt alles missinterpretiert? War ihre Sicht der Dinge tatsächlich so verschieden? Energisch wischte sie sich die Tränen weg, damit sie wieder sehen konnte. Sie wollte den Brief noch einmal, langsam und sorgfältig lesen. Vielleicht war es doch nur ein Missverständnis ihrerseits.

„Liebe Tia!“, so begann der Brief, was nun noch keine negativen Assoziationen zuließ und eigentlich gar nicht zum Rest passte, was auch Marianne einräumte, doch erst im nächsten Satz. Ihr musste der Widerspruch selbst bewusst geworden sein.

„Ich schreibe ‚Liebe Tia!‘ wohl aus reiner Gewohnheit, denn ich wüsste nichts, was an Dir lieb wäre. Vielleicht habe ich das früher gedacht, aber mittlerweile ist mir klar geworden, auch dank anderer Menschen, die wir beide kennen, dass es nichts an Dir gibt, was lieb ist, noch dass Du je lieb zu mir warst. Dennoch schreibe ich es, weil es mich schmerzt, es nicht zu tun. Auch wenn das gelogen ist, so ist der Rest meines Briefes voller Einsichten, die ich schon längst hätte haben können. Allerdings muss ich mir selbst zugute halten, dass Deine Egozentrik erst so richtig offensichtlich wurde, als Du plötzlich alle Brücken abgebrochen hast, Dich Deiner Verantwortung entzogst und auf und davon bist. Wir waren alle vor den Kopf gestoßen. Vor allem ich, da ich mich Deine beste Freundin schimpfte. Und selbst ich habe Dich offenbar nie wirklich gekannt. Jedenfalls dachte ich und sagte es auch, dass Du wieder normal werden würdest, nachdem Du Dich beruhigt haben würdest, aber mittlerweile sind etliche Jahre vergangen und Du hast Deinen egozentrischen Lebensstil beibehalten. Mir wurde aber bewusst, dass Du schon immer so warst.“

Was für ein Beginn, dachte Tia kopfschüttelnd. Sie verstand die Welt nicht mehr. Ja, sie hatte getan, was sie für das Richtige hielt. Sie konnte sich erinnern, dass sie schon oft darüber gesprochen hatte, einfach auf und davon zu gehen, mit nichts weiter als dem, was in ihren Rucksack passte, weil sie sich in ihrer Heimat schon lange nicht mehr wohlgefühlt hatte. Irgendwie hatte sie den Eindruck, dass es eben nicht das Leben war, das sie führen wollte, aber musste, wenn sie nicht ständig anecken wollte, bei den Normalen und Anständigen. Doch was hieß, sie hätte sich ihrer Verantwortung entzogen? Immer hatte sie alle Anforderungen erfüllt. Als Marianne und Tia 14 Jahre alt waren trennten sich ihre Wege, zumindest schulisch. Denn Marianne besuchte das Gymnasium, wie es ihre Eltern befohlen und Tia absolvierte eine Lehre, denn das war für sie vorbestimmt. Schließlich befand ihre Familie, allen voran ihre Großmutter, dass man mehr Schule nicht brauchte und es Zeit wäre, Geld zu verdienen. Sobald sie es sich leisten konnte, zog Tia weg von ihrer tyrannischen Familie und in eine eigene Wohnung. Wobei tyrannisch wohl ein wenig hart klingt, aber letztlich kommt es darauf hinaus, wenn die Tochter bzw. Enkelin alles zu erfüllen hat, was im Leben vorgeschrieben scheint. Dazu gehört, hart zu arbeiten, eine Familie zu gründen und weiter hart zu arbeiten. Dann baut man ein Haus und geht irgendwann in Pension. Doch Tia ließ bereits da aus, denn sie wurde schwanger. Aber nicht, wie es sich gehört, nachdem sie ordnungsgemäß geheiratet hatte, sondern unter Umständen, die das bürgerliche Denken nicht anders bezeichnen konnte als schlampig. Der Vater des Kindes machte sich auch postwendend aus dem Staub. Tia nahm es hin, wie es ihre Art war und zog ihr Kind alleine groß. Außer gute Ratschläge, im besten, und Vorwürfe, im schlechtesten Fall bekam sie keine Unterstützung. Auch Marianne sagte eigentlich nichts weiter als, dass sie doch arm sei und ging ihrer Wege. Eigentlich war es interessant, dass sich Marianne überhaupt je mit Tia abgegeben hatte, denn bereits im Kindergarten, wo sie sich kennengelernt hatten, reglementierten Mariannes Eltern den Umgang ihren Tochter sehr strikt. Da war kaum jemand gut genug. Warum war es Tia gewesen?

Du willst wissen, wie es weitergeht? Hier kommst Du zu Teil 2.

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