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Life is too short for boring stories

Ich habe es gekostet, das Wunder des Du-geworden-seins, das Wunder der Menschwerdung, der Inkarnation, der fleischgewordenen Annahme. Ich habe mich daran gesättigt und gelabt, an dem einen Wort, das etwas aus mir machte, was ich zuvor nicht war. Oder doch? Hat es nicht eine Zeit gegeben, in der ich es war? Hat es nicht eine Zeit gegeben, in dem ich das Wort nicht als gesprochenes gewahrte, sondern als seiendes, in der Vorsprachlichkeit meiner Existenz, in der ich noch so nahe am Sein war und mich noch niemand davon abgenabelt hatte? Hat es nicht eine Zeit gegeben, in der ich es einfach nur war ohne es mir zuvor bewusst machen zu müssen? Hat es nicht eine Zeit der vollkommenen Unschuld und Nähe gegeben? Hat es nicht eine Zeit gegeben, in der ich ganz war?

Dia.log, das Fließen der Worte zwischen Dir und mir. Allzu leicht lassen wir uns dazu verführen, dass diese Worte gesprochene sein müssen, artikulierte. Dabei ist gerade der Dia.log aus gesprochenen, artikulierten Worten, ein gebrochener. In seiner Ursprünglichkeit bedurfte und bedarf der Dia.log keiner gesprochenen, artikulierten Worte um im Fluss zu bleiben, sondern nur den Augen.blick, den Blick der Augen. Noch bevor wir sprechen konnten, sprachen wir uns zu, im ersten Augenaufschlag schenkten wir uns und empfingen.

 

Es war nicht notwendig Bitte oder Danke zu sagen, war nicht notwendig Du oder Ich zu sagen, war nicht notwendig zu erklären, denn erst mit den gesprochenen, artikulierten Worten kommt das Missverständnis zwischen uns, denn diese Worte sind allenfalls und nur in den wohlmeinendsten Ohren Annäherung an das Eigentliche, Lebendige, an das Sein. Das ist seine Gebrochenheit. Im Wort der Vorsprachlichkeit sind wir, geben uns als wir selbst, empfangen als wir selbst und bleiben heil. Noch bevor wir sprechen, uns artikulieren können, sind wir aufeinander-hin. Wir sind offen und durchlässig, aufnahmebereit und gebensfähig.

 

Doch dann sollen wir uns artikulieren, und wir lernen es, lernen die Worte und ihre Bedeutung. Ein Tisch ist ein Tisch. Es geht noch an, wenn ich auf den Tisch weisen kann, wenn ich von ihm spreche. Dieser Tisch ist der Tisch, von dem ich spreche. Aber schon, wenn ich von einem Tisch spreche, der nicht da ist, denkst Du an einen anderen Tisch als ich. So kommt es zu den Missverständnissen. Mühsam lernen wir Worte, die uns nicht nur einander nicht näherbringen, sondern uns voneinander entfernen. Mühsam lernen wir Worte, die uns die Welt näherbringen sollen, weil alle meinen wir müssten uns doch verständigen können, meinen wir können uns nur so einander verbinden, und dabei meinen sie eigentlich, dass alle die Ursprache verlieren müssen, wenn sie ihnen schon genommen wurde, diese Ursprache in der Wir uns selbst das Wort und das Zueinander und das Verstehen sind.

 

Im Anfang sind wir es, in aller Selbstverständlichkeit, um es uns dann abtrainieren zu lassen, so sehr, dass wir unserer eigenen Bedeutsamkeit misstrauen, die doch so offensichtlich ist. Mühsam und verunsichert müssen wir es erst wieder lernen, zu vertrauen auf unser Innerstes. Wir stopfen die Löcher, die uns durchlässig machten auf Dich, denn es wird uns lange genug eingeredet, dass wir misstrauen müssen, so wie allen anderen, und damit wird die Angst vor dem Verrat zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung, denn wer den Verrat fürchtet und ihm entgehen will, begeht ihn, indem er dem anderen die Möglichkeit unterstellt. Doch eines Tages kann es sein, dass es uns wieder begegnet, dieses Unvoreingenommen-sein und uns erhebt in das vorsprachliche, unartikulierte, gelebte Du-Sein, in den Dia.log, der Du und ich heißt, und wenn wir das erleben durften, werden wir dahinter nie mehr Zurück können und uns immer danach sehnen, weil wir wissen, dass es sein kann, weil wir wissen, dass wir es sein können, lebendiger Dia.log.

Aus: „Anonym. Begegnungen“

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