Dies ist der erste Teil einer epischen Serie. Verfolge das Abenteuer weiter!
Schwer lässt sich Mechthild Müller in den Stuhl fallen. Sie fühlt sich erschöpft und ausgelaugt. Das Mittagessen liegt ihr schwer im Magen. Dabei war der Schweinsbraten ganz mager. „Geben Sie mir ein Stück mit wenig Fett“, hat sie dem Fleischhauer ihres Vertrauens extra angewiesen. „Gnädigste, das schmeckt ja nicht“, erklärte dieser kopfschüttelnd, aber Mechthild bestand darauf, denn sie wollte sich gesund ernähren. Das ganze Fett war der Fehler, so ihre Überzeugung. Deshalb war der Schweinsbraten nicht schuld an ihrem Zustand, sondern ihre verdammte Schwiegertochter. Was bildete sich diese Pute eigentlich ein? Vor einer halben Stunde hate Xenia Veritas, die doch glatt ihren Künstlernamen behalten hatte, als sie Hartmut Müller heiratete, angerufen und der Schwiegermutter unter Tränen erklärt, dass ihr Sohn in dem Moment ins Krankenhaus gebracht wurde, weil er einen Herzinfarkt gehabt hatte. „Du bist schuld“, erklärte Xenia Mechthild erbarmungslos, „Du hast ihn krank gefüttert und wenn er das nicht übersteht, dann hast Du ihn auf dem Gewissen.“
Mechthild war nur dagesessen und sprachlos vor Erstaunen. Aber selbst, wenn sie Worte gefunden hätte, hätte sie sich selbst sagen müssen, denn ihre Schwiegertochter hatte sofort aufgelegt, nachdem sie ihre haltlosen Anschuldigungen angebracht hatte. Sie, schuld? Wie denn das? Sie hatte immer alles richtig gemacht, so wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte und die von ihrer usw. Es war schon richtig, in ihrer Kindheit und Jugend hatte es nur ganz wenig Fleisch gegeben, denn sie entstammte einer Arbeiterfamilie und es war Nachkriegszeit. Deshalb gab es nicht viel. Und das, was es gab, überstieg oft das Familienbudget. Obwohl beide Eltern arbeiten gingen. Die feinen Damen, die sie kannte, die gingen nicht arbeiten, doch für eine Frau aus der Arbeiterschicht war es selbstverständlich. „Ich will nicht bei den Kindern zu Hause bleiben“, hörte sie die Damen. Die mussten es, wenn der Ehemann gegen eine außerhäusliche Beschäftigung war. Wie sehr hätte sich Mechthild das gewünscht! Es ist schon eine verkehrte Welt. Die Menschen wollen immer das, was sie nicht bekommen. Dennoch dachte Mechthild nicht weiter darüber nach, weil es daran nichts zu ändern gab. So bauten sie sich über die Jahre ein kleines Häuschen, sie und ihr Mann. Neben der Arbeit in der Fabrik half sie auf der Baustelle aus und so gelang es ihnen, sich einen bescheidenen Wohlstand aufzubauen. Hartmut war ihr einziger Sohn, den Mechthild verhätschelte so gut es ging und wie sie es verstand. Dazu gehörte vor allem gutes Essen. Essen, das war so eine wunderbare Sache, jetzt, wo man sich so viel mehr leisten konnte. Es war gut, wenn man traurig war oder sich belohnen wollte. Wenn sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in der Wohnküche saß, freute sie sich immer daran, wie gut ihnen schmeckte, was sie für sie gekocht hatte. Doch dann tauchte diese Xenia auf, Xenia Veritas, eine bildende Künstlerin, in die sich ihr Sohn Hals über Kopf verliebt hatte. Und weil Mechthild eine gute Mutter war, wusste sie natürlich, dass es keinen Sinn hatte, ihrem Sohn diese Frau auszureden. Deshalb machte sie gute Miene zum bösen Spiel. „Was wohl die Leute denken?“, fragte sich Mechthild, als Hartmut Xenia zum ersten Mal mitbrachte, diese exotische Erscheinung, die in dem kleinen Dorf sofort alle Blicke auf sich zog, mit ihren pinken Haaren und den bunten Kleidern. Wie konnte man nur so herumlaufen? Außerdem schien Xenia ihre Haarfarbe öfter zu wechseln als ihre Unterwäsche. Nur ein einziges Mal hatte sich Mechthild hinreißen lassen, ihren Sohn zu fragen, was er denn an ihr fände. Hartmut jedoch lächelte sie nur an und meinte, Xenia sei ein wunderbarer Mensch und die Mutter solle doch ein wenig weltoffener sein. Weltoffener? In ihrem Alter? Dann war nie wieder darüber gesprochen worden und Mechthild nahm es hin, wie das Wetter und die Wutausbrüche ihres Mannes, wie etwas Unabänderliches. Doch der Vorwurf, sie wäre schuld, dass es ihrem Sohn schlecht ginge, das war so erschreckend, wie ungerecht, nachdem sie doch immer alles richtig gemacht hatte, genauso eben, wie sie es gelernt hatte. Allen anderen Männern in ihrer Familie hatte es schließlich auch nicht geschadet. Und das, was so lange richtig war, das sollte plötzlich falsch sein? Ihre Schwiegertochter war einfach bösartig und gemein. Sie war am Zustand ihres Sohnes schuld. Niemand anderer. So redete sie es sich zumindest ein. Und es funktionierte.
Du willst wissen, wie es weitergeht? Der zweite Teil erscheint am 06. August. Sei dabei.

