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Life is too short for boring stories

„Liberté, égalité, fraternité“, „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ – ja, es heißt Brüderlichkeit, im Wahlspruch der Französischen Revolution. Etablierung der Bürger- und Männerrechte, „Droits civils et humains“, es täuscht, im Französischen wird Mann mit Mensch gleichgesetzt, und umgekehrt. Es ist vergessen. Manches ist gut, vergessen zu werden, ausgesiebt im Stacheldraht der Geschichte. Das könnte es sein, als Grundlage, als Wertebasis, falls man sich doch nicht mit Schnitzel und Bier zufrieden geben will, dann vielleicht die Menschenrechte. Rechte, die jedem Menschen überall auf der Welt zustehen. Sie hören an keiner Grenze auf. An keinen Stacheldraht und eigentlich auch nicht im Niemandsland. Aber wer hört, was von dessen Stille verschluckt wird? Jenseits dieser Stille wurden sie festgelegt. Es dachte keiner daran, als festgehalten wurde, dass das Ziel der Menschenrechte darin bestehe, jedem Menschen ein Dasein in Würde zu ermöglichen. Beschlossen von der UNO 1948. Ein schmales Bändchen bestehend aus 30 Artikeln. Man stellt es neben Kants Schrift „Was ist Aufklärung?“. Dort stehen sie gut.

Im Niemandsland der Bildung. Zensur ist nicht mehr notwendig. Es genügt die Ablenkung durch Entertainment und Konsum. Das Recht auf Religionsfreiheit aus Artikel 16 wird in den Konsumtempeln zelebriert. Ein einziger, unaufhörlicher Gottesdienst, die Anbetung des goldenen Kalbs und der mondänen Gucci-Tasche. Es geht beides. Während die für die Ausführung der Konsumptions-Hegemonie notwendige Ausbeutung tunlichst verschwiegen wird.

Menschenrechte sind Grundwerte Europas. Hart erkämpft in der Französischen Revolution, dulden wir auch keinen Werteexport, um uns dann nicht enthalten zu können, die zivilisatorische Rückständigkeit zu beklagen – hinter dem Stacheldraht und dem Niemandsland und dessen Stille und dem nächsten Stacheldraht. Und daneben geht auch Schnitzel und Bier. Und wer versucht uns das schlecht zu reden, um den wird ein Zaun gebaut, Stacheldraht um sein Denken, um seine Zunge. Auch wenn wir die Meinungs- und Informationsfreiheit aus Artikel 19 schätzen, werden sie nur so lange hochgehalten, so lange es die richtige Meinung und die richtige Information ist, die weder die kulturelle noch die soziale und schon gar nicht die wirtschaftliche Hegemonie antastet, so werden wir das Aufmüpfige und Rebellische nicht dulden, nicht dulden können. Es würde die Grundfesten Europas erschüttern. Geboren aus einer blutigen Revolution, ist dieser Art der Neuordnung nun Genüge getan. Wir brauchen keine Revolution, nicht einmal eine Rebellion,

sondern Konstanz, Vakuumisierung und Stillstand. Wir trauen unseren Grundfesten nicht. Der kleinste Luftzug des Zweifels kann sie ins Wanken bringen. Die Großspurigkeit im Gehabe, die Ängstlichkeit im Inneren. Deshalb brauchen wir immer mehr Schutz, nach außen, national, regional und biologisch. Immer mehr Stacheldrähte mit der Stille der Niemandsländer, die den Ruf nach Freiheit verschluckt, als hätte es ihn nie gegeben, weil die Beschämung präsent bleibt, die Beschämung nichts weiter zu sein, als der kleine Wurmfortsatz, Blinddarm Asiens. Oder das Überbleibsel einer Entführung eines ewig geilen Gottes. Die kleine Geliebte des Zeus, die von ihm, in Gestalt eines weißen Stiers, entführt wurde, kam auf dieses Landstück, das dann auch flugs nach ihr benannt wurde. Europa als das Ergebnis eines gschlampaten Verhältnisses. Und das bei unserem Wertekanon, der so unverbrüchlich steht, wie eine Ölplattform auf Strohhalmen, die ökologisch integrer Weise tatsächlich aus Stroh und nicht aus Plastik gefertigt werden sein sollten, was zwar an der Standhaftigkeit nichts ändert, aber unser moralinsaures Gewissen besänftigt, so dass wir weiterhin bequem im Lehnstuhl sitzend den eigentlichen Werten frönen, Bier und Schnitzel.

Und während wir so sitzen, kopfschüttelnd die Ereignisse um uns im Fernsehen verfolgen, wahlweise in den sozialen Medien, wird das letzte Stück Grün zugepflastert. Bau um Bau errichtet, während die vorherigen langsam vor sich hin verfallen, so wie das kritische Denken langsam unter Konsumartikeln und Genusswaren, begraben wird, und immer mehr Stacheldraht verarbeitet wird. Wer möchte sie schon missen, die Stille der Niemandsländer. Immer mehr wird abgegrenzt, bis es eines Tages so weit sein wird, dass ich mich gar nicht mehr aufrichten kann im Auto, weil ein Niemandsland ans andere anschließt.

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