Am Rande der Gesellschaft (5)

Am Rande der Gesellschaft (5) – Alle Geschichten

„Das darf nicht wahr sein“, brach es unvermittelt aus Mirjam, „Die ganze Arbeit und jetzt das. Ich fasse es nicht! Wer tut so etwas?“
„Das wüsste ich auch gerne“, sagte Augustin, „Was bringt das jemanden unsere Arbeit zu desavouieren?“
„Ich würde sagen, wir holen sofort die Polizei und erstatten Anzeige“, warf Sabine Stransky, Augustin Vonweilers Tochter sofort ein, was sie als Rechtsanwältin wohl tun musste.
Tatsächlich war es erschreckend. Die Wände waren mit Graffiti beschmiert einige Fenster eingeschlagen worden und sogar die Hochbeete waren dem Vandalismus zum Opfer gefallen. Während die pragmatischeren Geister unter ihnen nachdachten, Sabine bereits das Handy am Ohr hatte, um offenbar mit der Exekutive zu reden, hatte Mirjam ihr Gesicht in den Händen vergraben und weinte still vor sich hin. So viel Energie hatte sie in dieses Projekt gesteckt, das sie als ihre letzte Möglichkeit gesehen hatte und nun war alles vernichtet, wie ihr vorkam. Die Wohnung war geräumt und wenn sie hier nicht unterkamen, dann mussten sie auf der Straße schlafen. Sara legte tröstend einen Arm um Mirjams Schulter.

„Du wirst sehen, es wird alles gut werden“, flüsterte die alte der jungen Frau zu.
„Und wie bitte soll das gehen? Ich habe einfach keine Kraft mehr“, erklärte Mirjam. Doch im selben Moment fuhr ein Auto vor, das die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. Was das wohl zu bedeuten hatte, in einer Gegend, die fast autofrei war und dann auch noch ein Streifenwagen. Sollte es so schnell gegangen sein mit Sabines Anruf? Doch dies schien nicht der Fall zu sein, denn diese ließ das Telefon perplex sinken und sah genauso überrascht auf den Dienstwagen der Polizei wie alle anderen. Zwei Beamt*innen stiegen aus, eine junge Frau und ein älterer Mann, korrekt in Dienstkleidung. Der Mann öffnete den Fond des Wagens und drei junge Menschen stiegen aus. Der Beamte forderte diese auf ihnen zu folgen, woraufhin alle fünf auf die Gruppe zusteuerte, die vor dem beschädigten Wohngebäude stand.

„Grüß Gott!“, eröffnete der Polizist das Gespräch, „Mein Name ist Weinreich, Werner und die Kollegin ist Frau Hufer, Herta. Wer ist hier verantwortlich?“
„Wir“, antworteten alle wie aus einem Munde.
„Siehst Du, Werner, ich habe es Dir ja gesagt, mit denen brauchst gar nicht reden, das sind so Hippies, so Alt-Hippies, die auf WG machen oder Kibbuz und sicher Gras anbauen“, mischte sich seine Kollegin ein, doch der Altgediente ließ sich nicht beirren.
„Nun, die Sache ist folgende“, begann der Polizist, „Diese drei Jugendlichen fühlten sich offenbar bemüßigt schwere Sachbeschädigung zu begehen und dann damit im Wirtshaus auch noch anzugeben. Wir sind jetzt hier, um Sie zu fragen, wollen Sie Anzeige erstatten?“
„Natürlich wollen sie Anzeige erstatten“, antwortete seine Kollegin, ohne überhaupt gemeint zu sein, „Jeder normale Mensch würde in so einem Fall Anzeige erstatten und dann ab in den Bau mit den drei Kriminellen, wo sie hingehören.“
„Es ist nicht Deine Entscheidung, also misch Dich nicht ein“, wies sie ihr Kollege zurecht.
„Das heißt, Sie würden diese jungen Menschen, die mal eine Dummheit begangen haben ohne weitere Anhörung inhaftieren und ihnen damit ihre Zukunft verbauen?“, wandte sich Augustin Vonweiler an die junge Beamtin. Er wusste genau, was es bedeutete, wenn das Leben vor einem in Scherben lag.
„Natürlich“, erwiderte die Angesprochene, „Die volle Härte des Gesetzes muss sie treffen, sonst machen die das immer wieder.“
„Das sagen Sie so, ohne zu wissen, warum sie es gemacht haben“, forschte Augustin weiter nach, „Haben Sie denn nie eine Dummheit begangen?“
„Natürlich nicht!“, sagte Herta Hufer überzeugt, „Sowas ist unverzeihlich und passiert nicht, sondern zeugt von einer kriminellen Natur.“
„Herr Weinreich, wir möchten keine Anzeige erstatten“, wandte sich nun der ehemalige Arzt an den Polizisten.
„Aber Papa, einfach so …“, konnte nun Sabine Stransky, seine Tochter und Juristin in Personalunion, nicht an sich halten.
„Nicht bevor wir mit ihnen gesprochen haben“, fügte Augustin hinzu und erntete zustimmendes Nicken, „Ich denke, dass wir eine gemeinsame Lösung finden.“
„Das halte ich für eine sehr gute Idee“, stimmte ihm Werner Weinreich zu, „Wollen wir ins Haus gehen?“ Alle begaben sich ins Haus, alle, außer Herta Hufer. „Du bleibst da und bewachst das Auto, da gibt es sicher noch mehr Hippies, die hier herumlaufen“, hatte Werner Weinrich befohlen und die Angesprochene bezog brav ihren Posten. Sie wollte so gerne einen Hippie auf freier Wildbahn überführen.

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